Aufgespiesst: NZZaS – erst der Schock, dann die Enttäuschung

Anne-Friederike Heinrich, freie Mitarbeiterin der Werbewoche, über einen bedauernswert unnötigen Relaunch.

Da komme ich von einem herrlichen Trip aus Venedig wieder, und im Briefkasten wartet der grosse Schock: nein, keine Steuernachzahlung, keine Busse, keine Kündigung. Sondern meine geliebte NZZ am Sonntag (NZZaS) mit entstelltem Gesicht. Oh jeh! Das Blatt empfiehlt sich neu als «NGZaS – Neue Gesellschafts- Zeitung am Sonntag». Und wirbt dafür mit einer Frau in Jogginganzug und Kopftuch, die im Wasser herumsteht, einem undefinierbaren Fischgetier sowie anderen Sujets, bei denen man die Verbindung zur Botschaft vergebens sucht. Ein grosses «Hä?» schiebt sich mir auf die Zunge. Und Tränen treiben in die Augen. Denn ich sehe eine laute, billige Typo, die schlechter lesbar ist als die alte NZZaS-Schrift. Und einen Gesellschaftsbund, der wie eine 20-Minuten- Ausgabe im Tabloidformat daherkommt: «Nimm mich mit in den Bus und lass mich nach drei Haltestellen dort liegen.» Was soll das? Ich kündige mein Abo!

Gutes bleibt beim Alten

Durchatmen! Abregen! Als Medien-Journi unter 40 Jahren sollte ich offen auf Neuerungen zugehen. Also schauen wir uns die Sache genau an: Auf den grossen Schock folgt nun die grosse Enttäuschung: Die Typo (weltweit erstmals eingesetzt – der Leser frage sich, weshalb …) und die Gliederung vieler Seiten erschweren das Lesen. Für Online mag das ok sein, die Printversion nähert sich dem Boulevard an, rückt näher an die Tageszeitung. Nicht schön, aber man wird sich daran gewöhnen.

Doch wozu das Ganze? Denn die Inhalte haben sich nicht gross verändert. Zum Glück – oder leider? Zum Glück finde ich die Reportagen von Christoph Zürcher, die Kommentare von Beat Kappeler, zum Glück wie immer verlässlich fundiert Politik und Wirtschaft. Zum Glück auch die bunten Heiratsmeldungen, meine Wochendosis Voyeurismus. Und, schön, «Hintergrund» wurde ausgebaut. Leider aber bietet die «neue» NGZaS nichts wirklich Neues. Gut, ein paar kleine Gefässe hat man sich einfallen lassen. Die haben aber mehr gestalterische als inhaltliche Bedeutung. Mehr Leute dürfen ihre Meinung äussern, was nicht unbedingt ein Gewinn ist, je nachdem, wer dieses Recht zugebilligt bekommt. Es gibt mehr Rätsel als zuvor. Das freut s‘Grosi. Das beigelegte Stil-Magazin ist seit dem stillen Abgang von Jeroen von Roijen seltsam labberig und ohne Würze. Der Relaunch hat hier leider nichts wieder gut gemacht.

Doch vor allem: Welche Botschaft transportiert es, wenn eine neu ernannte Gesellschaftszeitung den Gesellschaftsteil «klein macht» und boulevardhaft daherkommen lässt? Tendenz: abwärts. Ich hätte es angemessener gefunden, das Format beizubehalten und überraschende Inhalte zu erarbeiten, die mühelos mit der geschätzten NZZaS-Qualität mithalten können. Eine Zeitung ist kein Magazin. Und wenn man sie oder einige ihrer Bünde überall mit hin nimmt, hat das nichts mit dem Format zu tun. Sondern mit dem Inhalt.

Scheiden tut weh

Und was nun? Abo kündigen oder nicht? Wirklich neu ist nur das Gesicht der NZZaS. Aber das beruhigt mich jetzt nicht mehr, sondern enttäuscht mich auf einmal. Denn als Gegenleistung dafür, dass ich mir die Mühe mache, mich an die neue, wenig elegante Optik zu gewöhnen, hätte ich ein paar packende Inhalte, Rubriken oder Gefässe erwartet, die es sonst nirgendwo gibt. Andererseits lässt man sich auch nicht sofort scheiden, wenn der Partner mit einer neuen Frisur daherkommt. Wenn er sich ansonsten immer noch anständig benimmt. Aber wenn Du mir nochmal fremdgehst, liebe NZZaS, dann ist es aus mit uns!
 

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