Aufgespiesst: Macht geht durch den Magen
Werbewoche-Redaktorin Anne-Friederike Heinrich über ungezügeltes (Fr)essen und seine Vorteile.

Putzerfisch müsste man sein. Wohlgemerkt: Fisch, nicht Fischin. Die Weibchen der Unterwasserputzfrauen haben nämlich nicht viel zu lachen. Statt ihrem Schwarm müssen sie sich ihrem Schwarm-führer unterordnen, sie müssen im Harem leben, anderen Meeresbewohnern die Parasiten abknabbern und dürfen nach getaner Arbeit nicht einmal ein paar knackige Algen naschen, wenn sie Gluscht darauf haben. Denn ihr schuppiger Herr und Meister wacht strengstens über ihr Gewicht. Die Herren in der Putz-equipe haben es dafür gut: Sie dürfen essen, was sie wollen, halten sich bis zu 16 Weibchen in einem Harem (die vermutlich die ganze Putzarbeit erledigen, während er ein wenig durch die Korallen paddelt) und haben bis zu ihrem Tod nie Konkurrenten.
Wie die Putzerfischmännchen das hinbekommen, haben Forscher der Universitäten Neuenburg, Zürich und Queensland kürzlich aufgedeckt: Alle Putzerfische werden als Weibchen geboren. Soweit ist die Welt noch in Ordnung. Aber jetzt kommts: Dasjenige Weib¬chen, das am schnellsten am grössten wird, wechselt sein Geschlecht und wird zum Anführer der Gruppe. Und als Konvertit wacht es dann über die schlanke Linie seiner ehemaligen Geschlechtsgenossinnen, damit ja kein Konkurrent heranwächst. Grosse Putzerfischweibchen, die trotzdem zu viel fressen – und damit eigentlich nur ihren Job machen – werden vom obersten Facility Manager empfindlich bestraft. Manche müssen den Putzkübel austrinken, auch Schläge mit dem Schrubber sind keine Seltenheit …
Ich habe dich und Fressen gern
Es gibt zwei Gründe, warum mich diese Nachricht dennoch mit Hoffnung erfüllt. Erstens: Was interessiert uns Damen noch die schlanke Linie, wenn man mit einem Gewichtszuwachs auch einen Macht-zuwachs erwarten kann? Vor allem als werdendes Mami (mit sprunghaft wachsendem Bauch) ist das für mich eine spannende Perspektive. Was nach der Geburt ist, fragt man sich in meiner Situation prinzipiell nicht. Zweitens: Weil ich nicht zunehmen darf, muss ich weniger putzen. Das ist mal eine Logik! Wen inte¬ressiert da noch der Kalorienverbrauch beim Fensterputzen? Ich sage ja, Putzerfisch müsste man sein. Dafür würde ich auch die Schuppen in Kauf nehmen.
Zu Anne-Friederike Heinrichs «Aufgespiesst: Fronkreisch, Fronkkreisch!» in der Werbewoche vom 10. Juni 2011:
Ich gebe zu, man muss schon mindestens ein Vierteljahrhundert in Frankreich leben oder dann zweisprachig aufwachsen, um alle Raffinessen der französischen Sprache zu verstehen. Die Verfasserin des Artikels ist auf gutem Weg, so schreibt sie sehr witzig, was bei deutschsprachigen Kolumnisten selten ist, die sofort in einen lutheranisch wirkenden Predigerton verfallen. Auch ihr Stil ist elegant und hat Chuzpe: Das ist schon «très français», ein echter Anfang zur Lesbarkeit. (Ein französischer Schriftsteller sagte einmal über einen seiner Rivalen: «C’est un homme remarquable, mais il a un défaut impardonnable pour un Français: il ne sait pas écrire.») – Aber zur Sache: Als ich in den 1970er-Jahren in einer französischen Poststelle nach einem Telefonbuch fragte, wies man mich freundlich auf den Minitel-Bildschirm hin, der in einer Ecke stand und eifrig benutzt wurde. Es war der Vorläufer des Personalcomputers, aber öffentlich, und so war ihm leider keine grosse merkantilistische Karriere vergönnt, während die französischen PTT bis heute den republikanischen Slogan führen: «Le progrès sert seulement à quelque chose, s’il est partagé par tout le monde», oder so ähnlich. Was nun aber das Wort «Computer» betrifft, so muss ich einfach darauf hinweisen, dass es für französische Ohren schlicht schockierend klingt, und zwar wegen seinen Konnotationen an «con» und «pute», zwei Argot-Ausdrücke, deren Übersetzung man mir, S.V.P., an dieser Stelle erlasse. Also lassen wir doch den Franzosen ihren «ordinateur» und kommen bescheiden von unserem hohen anglo-amerikanisch-deutschen Ross herunter. H. P. Gansner, Schriftsteller, Genf und Hochsavoyen
