Aufgespiesst: Die Schote um die Quote

Anne-Friederike Heinrich, freie Mitarbeiterin der Werbewoche, über TV-Quoten und den langen Schweizer Weg zur Wahrheit.

So ein Theater. Was in Deutschland schon seit 50 Jahren gang und gäbe ist und in Österreich immerhin seit 22 Jahren, ist in der Schweiz auch derzeit noch ein einziger Krampf: die Veröffentlichung der TV-Quoten. Für die Werbebranche sind diese Daten nicht ganz unerheblich, verraten ihr doch die Einschaltquoten, in welchem Umfeld es sich lohnt zu werben. Und in welchem nicht. Es geht um Hunderte von Werbemillionen. Genau deshalb wollten die Sender lange nicht preisgeben, wie es um ihre Sendungen und deren Zuschauer wirklich bestellt ist. Zumindest nicht, wenn die Aussage nicht nietund nagelfest und von der Presseabteilung gepudert und gerouget ist. Denn ist man in der Schweiz sonst einigermassen rigoros mit Pestalozzischülern – im Fernsehen darf sich jeder Hampelmann an seiner eigenen Show versuchen. So viel Demokratie muss sein. Die Folge: Sodom, Seich und manchmal sogar «Das jüngste Gericht».

Klar war: Sobald Mediapulse erheben kann (und veröffentlichen darf), wie viele Zuschauer welche Sendung verfolgt haben, beginnt das Säbelrasseln um die Werbebudgets. Sendungen, die das Säckel nicht gehörig klimpern lassen, werden kurzerhand abgeschafft. Na und? Ganz normaler Wettbewerb, nicht schön, aber üblich. Und zum Wohl der Zuschauer. Die mit ihrem Einschaltverhalten quasi darüber abstimmen, ob sie eine Sendung wollen oder nicht. Schweizerischer geht es kaum.
 
Was nicht sein darf, ist nicht
 
Der Privatsender 3+ findet so viel Transparenz trotzdem gemein und hat Ende März per superprovisorischer Verfügung durch das Obergericht Nidwalden erreicht, dass die erhobenen Zuschauerzahlen erst einmal nicht veröffentlich und vor allem nicht an Werbeagenturen abgegeben werden dürfen. Begründung: Zweifel an der Messmethode. Natürlich kann man dem Sender unterstellen, dass er die Ergebnisse anficht, weil die aktuellen Quoten dem Sender 3+ einen massiven Zuschauerverlust attestieren. Und so etwas hängt ein Sender natürlich lieber nicht an die grosse Glocke. Doch Zweifel an den Mediapulse-Daten sind in der Tat angebracht. Hat das Unternehmen doch ein sehr fehleranfälliges System eingeführt, es nicht im Realbetrieb getestet und dann eine unsägliche Informationspolitik betrieben. Trotzdem: Das jüngste Gericht naht. Und wer der Quoten-Bu(h)mann ist, wird sich noch herausstellen.

Verschlusssache Zuschauer

Als erster Schweizer Sender wagte sich SRF vor und publizierte seine Daten zu den Zuschauerzahlen des ersten Quartals 2013. «Alles in allem sind die Werte mit dem neuen Messsystem stabil», sagte SRF-Direktor Ruedi Matter zufrieden. Besonders gut seien die neuen Formate «Der Bestatter» mit 747 000 Zuschauern und «The Voice of Switzerland » mit 592 000 Zuschauern (Samstag) angekommen, schreibt der Tages-Anzeiger. Blick dagegen findet: «‹Bestatter› Top – ‹The Voice› Flop». Interpretation ist Glückssache. Klar ist nur: SRF hat Zuschauer, 3+ nicht mehr viele. Das Lauberhornrennen am 19. Januar auf SRF zwei sahen übrigens 909 000 Menschen, das ist ein Marktanteil von stattlichen 78,1 Prozent. Auf Schweizer Zuschauer kann man sich verlassen. Wenn das Programm stimmt.
 
Auch Tele Züri gab seine Zuschauerzahlen bekannt: Generell seien die Zahlen besser als der Durchschnitt des Jahres 2012. Ein direkter Vergleich sei aber wegen der Umstellung des Messsystems nicht möglich. Ausserdem beziehen sich die Angaben nur auf die «werberelevante Zielgruppe» der 15- bis 49-Jährigen. Und aus dem engsten Sendegebiet, der Stadt und Agglomeration Zürich, liegen dem Sender noch keine Daten vor. Gell, Quote kommt von quälen.

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