Aufgefallen: Es gibt doch keinen besseren Zeitpunkt, um solche perfekt inszenierten Anzeigen mit viel Haut zu schalten als zur Spätherbstzeit, wenn es draussen so richtig kalt und frostig ist
Es gibt doch keinen besseren Zeitpunkt, um solche perfekt inszenierten Anzeigen mit viel Haut zu schalten als zur Spätherbstzeit, wenn es draussen so richtig kalt und frostig ist, wenn sich selbst die Bäume entblättern und wenn sich die Hühnerhaut er
Kolumne
Zwei Zwillinge Von Dominik Imseng
Eine Idee sei «gut», wenn sie «aufs Wesentliche reduziert sei» und das heisse: «aufs Wesentliche reduzieren» werden gerade hiesige Kreative zu verkünden nicht müde. Ja, Frank Bodin, der für «Kult» schreibt, tatsächlich aber Chairman von Euro RSCG Switzerland ist, geht soweit, von «Essenzialismus» zu reden, denn er hat Matur.
Indes: Frank Bodin irrt, und es irrt mit ihm, wer meint, dass sich Wesentlichkeit zur Bewertung von Ideen eigne. Ideen sind nämlich immer wesentlich, sonst wären sie keine, weil das Wort «Idee» vom altgriechischen «eidos» stammt, das bedeutet «Wesen». Und insofern gibt es auch keine «guten» Ideen, was ein wenig traurig stimmt, dafür aber auch keine «schlechten», was tröstlich ist, besonders, wenn einem mal wieder nichts Brauchbares einfallen will.
«Wie sahen die Zwillinge aus?» «Keine Ahnung, aber es waren zwei.» – So redundant, so unwesentlich also ist es, von «essenzialistischen» Ideen zu reden. Weshalb sich nun gerade jene den Vorwurf des «Doppelt gemoppelt» gefallen lassen müssen, welche bei jeder Gelegenheit «Reduced to the max» schreien.
Klugscheisser, finden Sie? Stimmt, aber es geht noch ein paar Zeilen weiter. Denn was hinzukommt, ist, dass ich mich als Frank Bodin hüten würde, dieselbe Definition von Kreativität zu liefern wie Danielle Lanz, zum Beispiel, oder Tamás Kiss. Genauso wenig würde ich mich mit der Phrase «auf den Punkt bringen» erwischen lassen. Oder mit «den Produktenutzen überraschend dramatisieren». Oder mit «den Konsumenten nicht für dumm verkaufen». Stattdessen würde ich davon reden, dass eine Idee den Wüsten Regen bringt. Oder Krankheiten heilt. Oder Feinde versöhnt. Oder nein: Ich würde davon reden, dass gute Werbung Kunst sei.
Das wär doch mal etwas Neues.
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Dominik Imseng ist Texter bei Jung von Matt/Limmat.
Sprachbeobachter
Blindtext (IV) zum Abschneiden Gestern Abend hat mir Franz von einem Land erzählt – es heisst Astoria oder Allotria oder so ähnlich –, in dem alles viel schöner und besser ist als in allen Ländern, die er schon gesehen hat. Dabei konnte er mir nicht mal sagen, wo dieses Land auf der Karte liegt. Der Spinner versuchte bloss, mir seine Version vom Paradies schmackhaft zu machen. «Und weisst du, was das Schönste ist?», sagte er zum Schluss: «Dort trinken die Menschen nicht, weil sie traurig sind, sondern aus Freude!» Wir ziehen um. Das Haus ist zu gross gewesen, als dass man es noch hätte aufräumen können. Beim Waschen entdeckt Simi vor dem Spiegel eine Narbe unter dem Schlüsselbein, die ihm bisher nicht aufgefallen ist. Er kann sich nicht erinnern, an dieser Stelle je verletzt worden zu sein, und fährt im Lauf des Tages immer wieder mit der Hand unter den Pullover. Noch bevor Anna das erste Wort an die neue Klasse richten kann, entdeckt sie einen Zettel auf ihrem Pult: «Ich werde nie einen Erwachsenen lieben, auch wenn ich selber einmal erwachsen werde.» Letztes Wochenende war ich bei Alexandra auf Besuch, die hat Mondsand zu Hause und das Bordbuch von Apollo 13, wenn man der sagte, sie darf bei einem Experiment mitmachen, wie man im All stirbt, die ginge sofort. Betrachtet man die materielle Wirklichkeit als real, so wirkt die im Computer erschaffene Wirklichkeit tatsächlich vergleichsweise irreal. Überlegt man sich jedoch, dass mittlerweile ein einziges falsch gesetztes Bit eine Katastrophe auslösen kann, dann kippt diese Vorstellung abrupt in ihr Gegenteil, und es kommt zu einer Art Verschmelzung zweier Stufen der Realität. Am Abend will Yvonne den Kuchen nicht essen, weil zu wenig Sahne drauf ist, und als die Mutter sagt, dann solle es ihn eben stehen lassen, es gebe nicht mehr Sahne, meint die Kleine finster, gut, dann rufe sie jetzt den Verhungerer, und wenn sie dann sterbe, dann sei die Mutter ganz allein schuld. Robi Mahrer ist jetzt 85 und kann sich an gar nichts mehr erinnern. Das einzige, was er besitzt, ist sein Körper, und nicht mal da ist er ganz sicher. Linda kommt zu spät, aber sie beeilt sich nicht, denn sie kommt noch früh genug zu spät. Es sind dann nur ein paar Minuten. Als ich am Morgen erwacht bin, ist Mike in meinem Zimmer gestanden, im Overall, und hat drei Maler herumdirigiert, die hatten die Möbel schon abgedeckt. Zu mir hat er eher beiläufig gesagt, wenn ich dann auch langsam aufstehen würde, könnten sie anfangen. Karin schreibt, der kleine Simon habe damit begonnen, die Welt einzuteilen in Dinge mit Motor, Dinge mit Stimme, Blumen und Unwichtiges. Joukie sucht sich eine Arbeit. Sie sitzt auf einem Stuhl, der ihr nicht gehört, an einem Tisch, der ihr nicht gehört, isst einen Apfel, der ihr nicht gehört, nichts gehört ihr, aber sie darf hier sein, sie arbeitet hier, so sagt man ihr, an Maschinen, die ihr nicht gehören, die anderen sagen es auch, und sie sagt es weiter, denn man bezahlt sie dafür, sie staunt selber, es ist wirklich unglaublich. Auf dem Parkplatz in der Unterführung streiten Andi, Role und Sybil um den Namen eines Schauspielers. Eltern, Bude, Tom, Märk, Pesche, Anna, Sonja, Petra, X steht neben den Tasten des Telefons, und natürlich drückt sie auf X, um zu sehen, wer das wohl ist. «Nanu?», staunt sie, denn auf der Anzeige erscheint ihre eigene Nummer, und am Abend fragt sie ihn: «Du, warum bin ich auf deinem Telefon nur ein X?» Er gibt zur Antwort, «das ist ein durchgestrichenes Nichts.» – «Auch das mit der Evolution ist ja so eine Sache», nimmt Hubi den Faden wieder auf und zeigt zum Himmel, «das ist so richtig die Idee eines in die Jahre gekommenen Majors, eines senilen alten Herrn. Der Stärkere frisst den Schwächeren – was für ein katastrophaler Blödsinn!» Kollege Kurer studiert nun im neunten Jahr an der Uni Zürich, und noch immer ist kein Abschluss, ja nicht einmal eine kleine Zwischenprüfung in Sicht. Was er eigentlich studiert, ist nicht aus ihm herauszubekommen. Vermutlich hat er die schwierige Laufbahn des Jenachdemikers eingeschlagen. Wir standen auf einer Anhöhe, gegen die Stämme einer Gruppe besonnter Bäume gelehnt, es lag Schnee, jemand rauchte, im Tal knallten ab und zu Schüsse, ihr Echo hallte von den Juraketten, irgendwo war eine Panzersperre, jemand sagte etwas, jemand lachte, und ich begriff auf einmal, warum das Schweizer Heimatgefühl so unauflöslich mit dem Militär verbunden ist. «Sobald die einen Porsche haben», sagt Tom, «werde ich auch Mitglied in der Autogenossenschaft.» – «Nein, Evi, das kannst du nicht machen, du hast schon letzte Woche abgesagt und vorletzte Woche auch …» – «Na und. Hör mal, es geht wirklich nicht, das ist sehr wichtig für mich, und wir können uns nächste Woche treffen, was ist denn schon dabei?» – «Ich … du bist mit Abstand der meistgestrichene Name in meiner Agenda …»
((durchlaufen lassen ohne einen Abschnitt und wenn der Platz aufgebraucht ist, mitten im Satz abschneiden; keine Unterschrift))
