Angst vor rotgrünen Geisterfahrern

An den 16. Münchner Medientagen wurde clever gejammert und kühl (ab)gerechnet

An den 16. Münchner Medientagen wurde clever gejammert und kühl (ab)gerechnetVon Oliver Classen Der Lack ist ab, der Motor stottert, doch die Karosserie – echte deutsche Wertarbeit – ist unzerstörbar und zieht die schlingernden Waggons des Konjunkturzugs weiter voran: So lässt sich die Stimmung auf dem diesjährigen Branchengipfel zusammenfassen. Eine Strukturkrise wollte keiner der fast vollzählig anwesenden deutschen Verlags- und Senderchefs zugeben.
Es freut uns ja, dass die Verlagsstadt Basel künftig die Deutschschweizer Buchmesse ausrichtet. Aber die Medienmetropole Zürich bräuchte auch bald mal ihren eigenen Branchentreff. Zu solchen Überlegungen sah sich veranlasst, wer vergangene Woche aus der Schweiz (Ringier-, NZZ-, SRG- und Bakomangehörige) an die Münchner Medientage pilgerte. Gefordert wäre hier Elmar Ledergerber, der in der nördlichsten Stadt Italiens einiges über effiziente Wirtschafts- respektive Medienförderung und die Generierung von «Manager-Traffic» lernen könnte.
Die offizielle Leitfrage lautete zwar «Woher kommt das mediale Wachstum der Zukunft?», an den Rednerpulten und hinter den Kulissen des 72-stündigen «Get togethers» ging es indessen ebenso häufig und heftig um Standortpolitik und Verteilkämpfe. So stellte Bayerns Ministerpräsident und Immer-Noch-Wahlkämpfer Edmund Stoiber in seiner Eröffnungsrede fest, dass es das duale Rundfunksystem ohne die bürgerlichen Parteien im Allgemeinen und seinen Freistaat im Besonderen vermutlich gar nicht gäbe.
Als Anwalt von Kommunikationswirtschaft und Privatfernsehen werde er sich «im derzeit mehr denn je rückwärts gewandten Berlin» nun für ein generelles Werbeverbot bei gebührenfinanzierten Sendern einsetzen. Auch Urs Rohner, Schweizer Oberhaupt der bei München domizilierten ProSieben/Sat-1-Familie, monierte auf dem folgenden Podium «eine skandalöse Schieflage» und sekundierte seinen Landesvater eifrig mit Zahlen: Demnach haben die Gebühreneinnahmen von ARD und ZDF seit Anfang 2001 um gleich viel zugenommen wie die Werbegelder der Privaten abgeschmolzen sind, nämlich 600 Millionen Euro.
Zuletzt betonte der im rotgrün-regierten Nordrhein-Westfalen ansässige RTL-Chef Gerhard Zeiler, dass völlige Werbefreiheit der «staatlichen Wettbewerbsverzerrer» Tausende neuer Arbeitsplätze in der privaten Medienwirtschaft schaffen würde. Und wollte damit wohl seinen und alle übrigen SPD-Ministerpräsidenten an ihre Wahlversprechen erinnern. Denn der Erfolg sei quasi sicher: «Die BBC in England hats schliesslich vorgemacht, wir müssten es nur noch nachvollziehen.»
Stoibers Schadenfreude und Burdas brauner Koffer
Aha, München versteht sich vorderhand als Film- und Fernsehstadt, soviel war schnell klar. Kein Wunder also bekam Stoiber, den der Spiegel einmal «das blonde Fallbeil» nannte, Szenenapplaus für seine hämische Bemerkung, dass neuerdings ja gerade jene Medien in der Finanzklemme sässen, die bis vor kurzem noch «besserwisserisch» über die «bittere Kirch-Insolvenz» geurteilt hätten. Nun sollten sie erst mal vor der eigenen Türe kehren. Angesprochen waren natürlich die krisengeschüttelten überregionalen Zeitungen, allen voran die der SPD nahe stehende Süddeutsche Zeitung. Deren Geschäftsführer Dirk Refäuter konterte tags darauf mit dem Appell an die 5500 Kongressteilnehmer (2001: 5200), sich nach der peinlichen politischen Kür nun doch endlich auf ihre ökonomische Pflicht zu konzentrieren.
Konkrete Geschäftschancen und -gefahren: Der als besonders innovationsfreudig bekannte Hubert Burda zitierte aus seinem braunen Aktenkoffer («meine mobile Gedankenablage») von beiden gleich mehrere. Die grösste Bedrohung geht ihm zufolge derzeit vom regulierwütigen Brüssel aus. Sollte die EU weitere Werbebeschränkungen ins Auge fassen, sieht der Münchner Verleger (Focus, Bunte) die europäische Zeitungs- und Zeitschriftenvielfalt «so ernsthaft bedroht wie nie zuvor».
Burda, der das EU-Klima als Verbandspräsident gut kennt, fürchtet einen ideologischen Domino-Effekt. Denn ginge es nach einer linksliberalen Lobby, kämen nach Tabak und Alkohol bald auch Autos, Pharmaprodukte und sogar Spielzeug auf den Index. Aber wie haben wir im Deutschunterricht gelernt: «Wo Gefahr ist, dort wächst das Rettende auch.» Der Bildungsbürger Burda kennt seinen Hölderlin eben so gut wie den Onlinemarkt. Seine ziemlich antizyklische Hoffnung heisst denn auch kommerzielle Kombination von Print und Internet. «Darin liegen die prickelnden Werbeformen der Zukunft.»
Vom Stichwortgeber zum Sündenbock
Nicht nur leiden und lästern konnte man indessen in den elegant umfunktionierten Abfertigungshallen des Ex-Flughafens Riem, sondern gelegentlich auch herzhaft lachen. Zum Beispiel als der stellvertretende Geschäftsleiter der Stuttgarter Holtzbrinck-Verlagsgruppe, Michael Grabner, dem Booz-Allen-Medienberater, Adam Bird, ganz stolz verkündete, er sei nun seit einem guten Jahr «clean» und habe es noch keinen Tag bereut. Man konnte dem braven Consultant förmlich dabei zusehen, wie ihm allmählich dämmerte, dass damit «beratungsfrei» gemeint war.
Überhaupt hatten McKinsey &Co, die auch heuer fast die Hälfte aller 80 Fachveranstaltungen sponsorten und moderierten, diesmal einen schweren Stand. Einige geläuterte Medienmanager schimpften mehr oder minder explizit über respektive mit ihren Ex-Stichwortgebern, frei nach dem Motto «Wir bezahlen nun die Zeche für eure verführerischen Expansions- und Diversifikationskonzepte».
Selbst Bertelsmann-Vorstand Arnold Bahlmann beteiligte sich am fröhlichen Consultant-Bashing. Gegenüber einem Vertreter des New Yorker Geldhauses Morgan Stanley vertrat er gar die Ansicht, dass die Investmentbanken auf Grund der vielen fremdfinanzierten Akquisitionen in der Kommunikationsindustrie einen guten Teil Verantwortung für die aktuelle Lage trügen. Der Bertelsmann hat halt gut reden angesichts des hohen Eigenkapitalanteils und der relativen Schuldenfreiheit seines Unternehmens.
Springers redaktionelles «Change Management»
Neben der Begleichung alter Rechnungen blieb häufig kaum Platz für Zukunftsszenarien. Schade, schliesslich sitzen nirgends so viele Medienmacher zusammen wie an diesem herbstlichen Branchenevent. Wenn aber einmal von konkreten Massnahmen zur Krisenbewältigung die Rede war, fiel regelmässig das Modewort «Change Management». Was man sich ausser Abstrakta wie «Strukturanpassung» oder «Kosteneffizienz» darunter vorzustellen hat, zeigte Springer-Boss Matthias Döpfner recht plastisch anhand mitgebrachter Ausgaben der Welt und der Berliner Morgenpost. Deren Redaktionszusammenlegung habe dem Konzern nicht nur 100 Stellen gespart, sondern beiden Zeitungen zudem qualitativ «einiges gebracht». So überlasse die «MoPo» das nationale Feld nun «ganz gelassen» dem grossen Schwesterblatt und konzentriere sich wieder vermehrt auf seine regionalen Kompetenzen.
«Unkonventionelle Mittel zeitigen manchmal unerwartet positive Resultate», mit diesen Worten ermunterte Döpfner seine Kollegen, Tabus zu überdenken und «gerade jetzt» etwas radikalere Kunstgriffe auszuprobieren. Ins gleiche Horn stiess RTL-Chefredaktor Hans Mahr, der am Rande des Gipfeltreffens als Nachfolger von Urs Rohner beim Erzkonkurrenten Pro7/Sat 1 gehandelt wurde, und forderte «eine konzertierte Slim-Fast-Kur» der behäbig gewordenen deutschen Medienwirtschaft.
Allerdings, so Mahr, nütze auch das mutigste Wellness-Programm nichts, wenn einem die ordnungspolitischen Rahmenbedingungen jegliche Innovationsfreude vergällten. Diesen rhetorischen Steilpass liess Focus-Chefredaktor Helmut Markwort natürlich nicht ungenutzt und doppelte flugs nach: «Nach dem 11. September haben wir in Deutschland nun auch den 22. September zu verdauen.» Im Visier hatte natürlich auch dieser Münchner Giftpfeil die Zweitauflage der rotgrünen Koalition. Statt der dringend nötigen ökonomischen lieferten die Medientage diesmal also vor allem (standort)politische Aufbruchssignale. Nach den Wahlen ist in deutschen Landen halt bereits wieder vor den Wahlen. Diesbezüglich hat die Schweiz für einmal zweifellos einen echten Standortvorteil.

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