Angelhaken im Informationsmeer

Wer im Medienmeer fischt, bewegt sich in Gewässern mit einem grossen Artenreichtum und einer dichten Population. Heute sind die Medien die Fische, die sich um die Würmer der Nutzer balgen. Gastkommentar von Josefa Haas, Leiterin des Medieninstituts.

Der Wurm müsse dem Fisch schmecken und nicht dem Angler. Mit dieser Aussage des ehemaligen RTL-Chefs Helmut Thoma reden sich Medienleute gerne heraus, wenn sie schlechte Qualität ans Publikum bringen. Wie so manche Metapher prägt auch diese den Blick und dokumentiert eine verbreitete Haltung unter den Medienmanagern der 90er-Jahre: «Das tumbe Publikum können wir so billig wie möglich abspeisen. Hauptsache, die Rechnung geht am Schluss für uns auf.» Warum diese Herren überhaupt im Mediengeschäft sind, ist die Frage: Offenbar schätzen sie weder ihre Produkte, noch behandeln sie die Kunden als Könige.
Zynismus und Arroganz machen blind. Wer lange mit den Würmern ein gutes Geschäft gemacht hat, verpasst leicht den Moment, wenn die Rollen neu verteilt werden: Wie verhalten sich die Wurmanbieter, wenn das Publikum zum Fischer wird? Dann lässt es sich kaum noch mit einem Wurm abspeisen. Was bei ihm ins Netz oder an die Angel kommt, wird schonungslos sortiert. Die schlechten landen im besten Fall wieder im Wasser. Der Fisch, der dem Fischer gefällt, muss einer Reihe von Qualitätsansprüchen genügen: Frisch muss er sein, nicht zu fischig und zu grätig, fest im Biss und von einem gewissen Gewicht. Wer im Medienmeer fischt, bewegt sich in Gewässern mit einem grossen Artenreichtum und einer dichten Population. Heute sind die Medien die Fische, die sich um die Würmer der Nutzer balgen.
Ideen fischen – wer dieser Leidenschaft frönt, dem eröffnet sich in der Medienwelt ein Paradies der Verlinkungen und Assoziationen. Auf den Fisch gekommen bin ich in einem Szenemagazin. Von einem neuen Trend war dort die Rede: Fischen im urbanen Umfeld. In den städtischen Gewässern lebt die Fischerei wieder auf. Neben dem Feiern, Sport und Surfen in der digitalen Welt beschäftigen sich offenbar Trendsetter mit einer Tätigkeit, bei der Geduld, Aufmerksamkeit und Zeit gefordert sind. Für Aussenstehende ist das Fischen eine ganz und gar langweilige und ineffiziente Sportart, bei der die Muskeln vor allem für das Aufsuchen der Standorte und das Ausbalancieren im Stehen beansprucht werden. Der meditative Blick ins Wasser, der lockere Griff um die Rute, damit nicht der leiseste Ruck verpasst wird, im entscheidenden Moment dann die Entschlossenheit, mit welcher der Fisch aus dem Wasser gezogen wird. Die Jungen und Wilden suchen offenbar wieder Momente der Konzentration. Zeit wird beim Fischen entschleunigt. Dabei bleibt viel Zeit, um den eigenen Gedanken freien Raum zu lassen. Multitasking und Instant-Information fordern selbst den fittesten Geistern gelegentlich eine Ruhepause ab.
Die Gratispublikationen erinnern an den lesenswerten Roman «Lachsfischen in Jemen». In einem Umfeld, das für auf Papier gedruckte Inhalte gemeinhin als Wüste gilt, finden sich immer wieder bunte Fische. In den Lokalen und Geschäften der I-Phone-Besitzer liegt eine Auswahl von Zeitschriften auf. Diese Gratispublikationen setzen auf Lesestoff und Fotografie. Für jede Zielgruppe gibt es eine auf sie zugeschnittene Ausgabe. Sogar an die Blogger richtet sich ein eigenes Heft. Publizistisch überraschen sie nicht mit grossen Innovationen. Bei der Typografie und der Bildauswahl dominiert die klassische Magazinsprache. Die Texte sind persönlich essayistisch. Werbung und Redaktion sind nicht immer unterscheidbar. Doch die Herausgeber orientieren sich am traditionellen Verlegerhandwerk: Sie erreichen ihre Leser mit interessanten Inhalten an ihren Treffpunkten und bieten einen attraktiven Werbeträger.
Medienanbieter, denen heute die Nutzer wegschwimmen, können sich im Web darüber informieren, weshalb erstmals seit den 50er-Jahren wieder ein Lachs im Rhein bei Basel gefangen wurde. Die edelsten Fische sind auch die anspruchsvollsten. Gerade diese werden von den Fischern am meisten geschätzt. Die heutigen Mediennutzer sind schon lange keine passiven Fische mehr, die man mit irgendwelchen Würmern locken kann. Sie können heute aus einem Meer von Angeboten auswählen. Dabei orientieren sie sich je nach Lebensstil und aktuellen Bedürfnissen an unterschiedlichen Ansprüchen. Sie erwarten differenzierte Angebote mit spezifischen Qualitäten. Diese müssen jedoch klar ausgeprägt und konsequent umgesetzt sein. Medienanbieter können diese Fische mit grosser Aufmerksamkeit züchten: Schweizer Mediengewässer mit Lachsen, Forellen und grossen Hechten sorgen dafür, dass die Fischer nicht in fremden Gewässern auf Fang gehen müssen.

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