Alles LOHAS oder was?
Kolumne Mit braver Symptombehandlung à la «Dein Beitrag gegen den Klimawandel» lässt sich das verhockte Steuer längst nicht mehr herumreissen. Ein Plädoyer für gutgelaunte Kapitalismuskritik.
Kolumne Mit braver Symptombehandlung à la «Dein Beitrag gegen den Klimawandel» lässt sich das verhockte Steuer längst nicht mehr herumreissen. Ein Plädoyer für gutgelaunte Kapitalismuskritik.Der LOHAS-Journalismus (LOHAS = lifestyle of health and sustainability) treibt immer buntere Blüten. Das ist gut. Besser wäre aber, wenn neben Öko-Trendstorys und politisch korrekten Konsumtipps auch überfällige Grundsatzfragen gestellt würden. Ein Plädoyer für gut gelaunte Kapitalismuskritik und ihre Organe.Grüner wird’s nicht. Nach den «Green Issues» arrivierter Mainstream-Magazine sagt uns hierzulande nun ein neuer Nischentitel, was zu tun ist, damit Mütterchen Erde wieder gesundet oder wenigstens nicht ganz zugrunde geht. Und wir mit ihr. Wir, das sind Sie, ich und – glaubt man der Marktforschung – die bald 30 Prozent der Schweizer Bevölkerung mit öko-sozialem Selbstbewusstsein. Umkehrschluss: Zwei Drittel interessieren sich für steigende Temperaturen und sinkende Biodiversität so sehr wie für den sprichwörtlichen Sack Reis in China. Auch recht, denn von diesem ignoranten Mob können wir uns relativ schmerzfrei abheben und als Vertreter jenes «lifestyle of health and sustainability» zelebrieren (lassen), dem laut der Kristallkugel des Frankfurter Zukunftsinstituts «die Powerkonsumenten von morgen» entstammen.
Womit wir flugs zurück beim neuen, selbst ernannten Schweizer Lohas-Zentralorgan namens Todo sind, was sowohl «zu tun» (to do) wie auch «alles» (todo) heissen kann/soll. Gemacht wird diese universale Anleitung zum Andersmachen von engagierten Medienprofis im Eigenverlag. Die Optik ist trendig, die Themensetzung nicht unoriginell («Ethanol zum Selber-brennen»), die Diktion auffallend neutral. So will Todo Orientierungswissen liefern, «damit wir unser Leben weiterhin geniessen können, allen Untergangsszenarien zum Trotz».
Dieses Credo ist erfrischend ehrlich, bei besagten 30 Prozent sicherlich mehrheitsfähig und deshalb mittelfristig wohl auch lukrativ. In der Pilotausgabe markieren mit Manufactum, Swisscom und der Bank Sarasin jedenfalls bereits Inserenten Präsenz, die man etwa in einer WOZ immer noch vergebens sucht.
Zugleich ist solche und ähnliche Do-it-yourself-Weltverbesserungspublizistik aber grenzenlos, nein, geradezu gefährlich naiv. Selber- beziehungsweise Andersmachen in Ehren. Mit braver Symptombehandlung à la «dein Beitrag gegen den Klimawandel» lässt sich das verhockte Steuer längst nicht mehr herumreissen. Denn unsere Probleme sind nun mal nicht gradueller, sondern prinzipieller Natur. Immer mehr Menschen wollen immer schneller immer mehr Wohlstand. So einfach und so schwierig ist diese noch viel unbequemere Wahrheit als jene von Al Gore. Ohne Alternative zur alles und jeden beherrschenden Wachstumslogik und ihres Begleitphänomens Konsumismus gibt es keine Nachhaltigkeit, die diesen Namen verdient. Und ohne Journalismus, der auch mal einen radikalen Gegenentwurf wagt, keine wirklich kritische Öffentlichkeit.
Hoppla, kaum wird’s ein bisserl grundsätzlich, schnappt auch schon die Zeigefinger- und Griesgramfalle zu. Erbarmungslos entlarvt sie den humorlosen Ideologen und neidischen Nörgler, der dankbares Opfer einer Ökodiktatur wäre. In der Tat: Sympathische und dennoch substantielle Systemkritik ist die Quadratur des publizistischen Kreises, sprachlich wie finanziell. Sprachlich … okay, das hatten wir gerade. Finanziell zeigt sich das Dilemma idealtypisch an der schon erwähnten Wochenzeitung (WOZ). Deren Hiebe in die Weichteile des allmächtigen Markts sind zwar gelegentlich gut gezielt und gut gelaunt, neue Anzeigenkunden brachte aber auch die sinnesfreudigere Aufmachung kaum. Erst die Gründung des «Ökopools» (mit Work u. a.) konnte bei einigen ehemaligen Klassenfeinden Berührungsängste abbauen. Denn dahinter könnte sich ja auch ein LOHAS-Zielpublikum verbergen. Selten war Etikettenschwindel so effektiv und ehrenwert. Denn es gibt noch eine Menge, ja eigentlich alles zu tun.
Oliver Classen ist Pressesprecher der entwicklungspolitischen Organisation Erklärung von Bern (EvB).
