Zu guter Letzt: Werbung und Kunst, Berlin Alexanderplatz

«Kunst statt Werbung» hiess das Ausstellungsprojekt in der Station U2-Alexanderplatz in Berlin, eine Auseinandersetzung mit Kunst und öffentlichem Raum. 1958 hervorgegangen aus einem Wettbewerb überlebte es sogar den Fall der Mauer. Den Druck zur Kommerzialisierung überlebte es nicht. Ein Nachruf.

 
1958 rief die Sektion Gebrauchsgraphik des Verbandes Bildender Künstler Deutschlands (VBKD) alle Grafiker der DDR auf, Plakate für den Frieden zu entwerfen. Die Reproduktionen wurden danach unter dem Titel «Frieden der Welt» beim U-Bahnhof Alexanderplatz in Berlin ausgestellt, an der Linie U2 zwischen Ost und West. Das war die Geburtsstunde eines fast 50 Jahre währenden Ausstellungsprojekts, das die Station U2-Alexanderplatz zur dauerhaft werbefreien, kunstbestimmten Zone machte, und an dem ein paar hundert Künstlerinnen und Künstler teilgenommen haben – darunter auch Pablo Picasso. Nach dem Fall der Mauer wurde die Sache von einer neuen künstlerischen Projektgruppe unter dem Namen «Kunst statt Werbung» weitergeführt – und von der Stadt Berlin gesponsert. Laut einem Bericht der TAZ hat es den Berlinern (wahrscheinlich den Ossis) sichtlich Vergnügen gemacht, einmal nicht von glücklich konsumierenden Wesen angegrinst zu werden, die alle von einem anderen Stern zu kommen scheinen. Hier sei Freiraum markiert worden. Der Herr Kuno von der Vereinigten Verkehrs-Reklame habe das wahrscheinlich nüchterner gesehen. Er empfinde wohl die 130’000 Mark Mieteinnahmen, die da der Kunst zum Opfer fallen, schon als schmerzlichen Verzicht.
2007 musste das wohl auch die Stadt Berlin als schmerzlichen Verzicht empfunden haben (sie ist ja bekanntlich völlig pleite). Sie verkaufte die für die Berliner Bahnhöfe zuständige Reklame-Betriebsgesellschaft an JCDecaux – und damit auch die Kontrolle. Plakatgesellschaft und Projektgruppe konnten sich in der Folge nicht einigen. Im Februar 2008 war dann Schluss mit dem weltweit einzigartigen und international bekannten Ausstellungsprojekt. Im Nachruf schreibt die Projektgruppe, weltweit reagierten inzwischen Stadtplanung und Politik auf die prekäre Disbalance von Werbung, Architektur und öffentlichem Raum. Eine Stadt wie Berlin hingegen, die als Kulturmetropole beworben werde und zum Magneten für Künstler und Kunstinteressierte avanciere, verspiele hier einen beträchtlichen Aktivposten.
Einen ganz besonderen Aktivposten hinzugewonnen hat auf der anderen Seite die neue Pächterin der Werbeflächen der Station U2-Alexanderplatz. Schliesslich kann nicht jede Plakatgesellschaft von sich behaupten, sie könne Werbeflächen auf einem ehemaligen Picasso vermieten. In diesem Ruf zu stehen, hat aber auch etwas Zweifelhaftes.

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