Blüten & Perlen: Batman, bist du das?

In ihrer Kolumne nimmt Sarah Pally die kleinen und grossen Absurditäten der Texter unter die Lupe. Dieses Mal geht es um die «Deformation Professionelle»: Warum Texter auch nach Feierabend nicht aufhören können zu texten, warum schlechte Headlines körperliche Symptome auslösen – und weshalb selbst eine Phishing-Mail noch sprachlich optimiert werden muss.

 

Texterinnen und Texter arbeiten oft relativ still vor sich hin. Und tippen. Und klicken. Und tippen wieder. Und gähnen. Und tippen. So weit, so unspektakulär.

Viel spannender wird es nach Büroschluss – wie bei Batman, der abseits der offiziellen Arbeitszeit erst so richtig und wortwörtlich reinhaut. Denn Sprache, genauso wie die kriminellen Mächte in Gotham City, macht nie Pause: schreiben, sprechen, lesen, zuhören, denken findet fast permanent statt und so sind Texter:innen ständig mit den Abgründen der menschlichen Kommunikation konfrontiert. Sie leiden darum besonders arg unter ihrer Deformation Professionelle und deren zugegebenermassen etwas irritierenden Symptomen. Hier ein exemplarischer Feierabend aus Texter:innen-Sicht:

· Zu allen Claims und Headlines auf der Strasse, im Bus, online, im Kino, auf Inseraten, beim Einkaufen usw. bessere Varianten im Kopf texten MÜSSEN. Wirklich zu allen. Immer. Darum den laufenden Gesprächen regelmässig nicht folgen und als arrogant oder autistisch gelten.

· Bei jedem «ganzheitlich», «nachhaltig», «gemeinsam» unkontrollierbares Augenzucken und Brechreiz bekommen (alle anderen denken, es liegt am Alkohol).

· Bei zu vielen Wortwiederholungen bei mitgehörten Gesprächen: Dasselbe.

· Sich auf die Lippen beissen, lächeln und nicken, weil jemand etwas sprachlich völlig Absurdes oder ungewollt Komisches gesagt hat. Und als arrogant oder autistisch gelten, weil man auf die Frage, was denn so komisch sei, nur mit «nichts» antwortet und sich dabei das Losprusten verkneifen muss.

· Auf dem Klo irgendwelche Verpackungen herumstehender Produkte komplett durchlesen, viel zu lange über die gewählten Formulierungen nachdenken – dabei natürlich bessere Varianten im Kopf texten – und andere sehr lange warten lassen. Um sie dann auch noch mit den irrelevanten Erkenntnissen zu konfrontieren.

· Auf die Frage, ob es Texter:innen wegen KI überhaupt noch braucht, antworten: Frag doch die KI. Darauf hin zurecht als arrogant oder autistisch gelten.

· Andere Leute verbessern, auch wenn man nicht darum gebeten wurde. Und sich damit schlechte Stimmung einhandeln.

· Andere Leute nicht verbessern, wenn man nicht darum gebeten wurde. Später damit konfrontiert werden, warum man denn nichts gesagt hat. Was ebenfalls für schlechte Stimmung sorgt.

· Bei stolz vorgetragenen Kindernamen denken sagen: «Oh, das würde auch gut für ein Waschmittel passen».

· Sich sogar bei Phishing-Mails darüber ärgern, dass sie offensichtlich nicht professionell verfasst wurden. Sich noch mehr darüber ärgern, dass das trotzdem zu funktionieren scheint, und dies als sicheres Zeichen für den Untergang des Abendlandes sehen. Was es auch ist.

Völlig fertig fällt man dann noch mitsamt Batman-Cape ins Bett, um am nächsten Tag wieder in cognito zu tippen. Was zu Trinken holen, tippen. «Ach, nicht viel» antworten, wenn jemand nach gestern Abend fragt, dazu gähnen. Klicken. Und Tippen.


Seit 2025 analysiert Sarah Pally in ihrer Kolumne «Blüten und Perlen» Begriffe mit Branchenbezug und kommentiert sie mit persönlicher Note, aus einer linguistischen Perspektive – sowie auch mit präzisem Blick auf die Entwicklungen in der Branche. Pally ist Teilhaberin der Agentur Partner & Partner in Winterthur. Sie ist seit 15 Jahren mit den Themen Contentmarketing, Text/Konzept und Storytelling im Kommunikations- und Marketingbereich unterwegs.

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