Zu guter Letzt: Werber sind die besseren Literaten

Für jeden literarisch ambitionierten Schreiberling, der sein Leben brotlos, dafür wort- und geistreich am Dichtertisch verbringt, muss die Meldung ein Schlag ins Gesicht gewesen sein: Ein Schweizer Werber ist Torso-Literatur-Preisträger 2006.

Für jeden literarisch ambitionierten Schreiberling, der sein Leben brotlos, dafür wort- und geistreich am Dichtertisch verbringt, muss die Meldung ein Schlag ins Gesicht gewesen sein: Ein Schweizer Werber ist Torso-Literatur-Preisträger 2006.  
Und es ist ja wirklich nicht so, dass Werber bekannt sind für ihre Subtilität oder eine besondere Raffinesse in ihrem Umgang mit der Sprache. Oft sind sie nicht einmal merklich fantasievoller als der in Wollpullover gehüllte Durchschnittsdichter. Sie beherrschen im Allgemeinen auch die Kommaregeln nur unzulänglich, wie die Medienmitteilungen der Agenturen zigfach belegen (der Werbewoche liegen zahlreiche solche Prachtstücke experimenteller Interpunktion vor).
 
Wie kommt es also, dass der Schweizer Werber René Egger kürzlich in München den Literaturpreis der renommierten deutschen Literaturzeitschrift Torso erhalten hat? Nun, die Jury fand, Eggers sozialkritischer Text «der Einbaum» sei eine hinreissende Migrations-Groteske und angesichts der eben in Kraft getretenen Verschärfungen der Schweizer Asylgesetze auch hochaktuell.
 
Da haben wir den Schlamassel: Ab jetzt sind also Werber also auch für literarisch hochstehende Gesellschaftskritik zuständig. PS: Der nächste Torso-Preis ist bereits ausgeschrieben, das Thema lautet Wasser. Nichts wie ran!

More articles on the topic