Zu guter Letzt: PR 1.0
«Kassensturz» feiert den 40. Geburtstag. Der Bart-Beitrag zeigt, dass sich nicht nur Roger Schawinski, sondern auch Werbung und Öffentlichkeitsarbeit signifikant verändert haben.
Erst ein Jahr alt war die Sendung 1975 und bereits entlarvte der «Kassensturz» die Werbung als irreführende Schönfärberei. In einem Spot demonstrierte Philips, dass man für eine halbseitige Gesichtsrasur nur wenige Sekunden benötigt. Reinigung des Rasierapparats inklusive, versteht sich.

Das konnte und wollte der junge Schawinski nicht auf sich sitzen lassen und stellte den Vorgang erfolglos nach. Wenn auch bewegungsfauler und technikärmer – aber solche Details interessierten zu Zeiten, in denen der «Kassensturz» die Resultate nicht-standardisierter Waschmitteltests von Hausfrauen beurteilen liess («Ich finde, alle sind weiss»), niemanden.

Mit Hilfe der fortschrittlichen Zeitlupentechnik entlarvte die Sendung darauf den Werbespot: Der Bart war vorrasiert! Die gut gemeinten Versuche des Darstellers, den «Bschiss» durch geschickten Handeinsatz zu vertuschen, endeten in den Redaktionsräumen des Schweizer Fernsehens.
Was damals als empörenswert galt, erregt heute keine Aufmerksamkeit mehr. Oder wann haben Sie sich das letzte Mal gefragt, ob das beworbene Putzmittel wirklich mit einem einzigen Wisch millimeterdicke Kalkablagerungen rückstandlos entfernt?
Richtig amüsant wird der Beitrag, als sich der Philips-Vertreter Wehrli vor laufender Kamera für die Wunderrasur rechtfertigen muss. Schawinski – dessen Stimme nur mit höchster Konzentration und etwas Fantasie dem aktuellen Radio 1-Chef zugeordnet werden kann – nimmt den Herrn mit stoischer Gelassenheit und im Rahmen seiner damaligen Fähigkeiten in die Zange: «Wieso lassen Sie den Zuschauer im Glauben, dass da rasiert wird… dabei findet das Ganze auf einer bereits rasierten Haut statt?» Die Art und Weise, wie Wehrli daraufhin versucht, den Philishave-Kopf aus der Schlinge zu tun, dürfte heutigen Mediensprechern und Öffentlichkeitsarbeitern die Schamesröte ins Gesicht treiben. Ausreden, welche diese Bezeichnung noch verdienen.
Man habe, so Wehrli, den vielen Philishave-Besitzern lediglich einmal zeigen wollen, wie man sich optimal rasiere. Der Film erfülle diesen «Demonstrationszweck». Wieso dann der Vorher-Nachher-Effekt mit dem Bart eingesetzt worden sei, will Schawinski wissen. Nun schiesst Wehrli den Ausredenvogel ab: Zum Rasieren gehöre nun mal ein Bart. Die «Vorrasur» erkläre sich dadurch, dass die Szene mehrmals gedreht worden sei und der Bart folglich immer kürzer wurde. Am Schluss sei – rein zufällig natürlich – die letzte Szene verwendet worden.

Diese nostalgische Unbeholfenheit wirkt heute charmant. Damals hingegen wurden die Zuschauer für dümmer verkauft, als sie waren. Heute, so Schawinski 40 Jahre später («Doppelpunkt», 15.12.13), seien die «Kassensturz»-Gäste medial so geschult, dass sie in den ersten fünf Minuten möglichst «nichts Gescheites» sagen, alles verwedeln und so das siebenminütige Gespräch schadlos überstehen. Aus der Sicht des Zuschauers vielleicht immer noch besser, als mit einer allzu plumpen Räubergeschichte ruhiggestellt zu werden. (hae)
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