Zu guter Letzt: Pfertig lustig
Die Schweizer Werbebranche gehört zu den Gewinnern des Pferdegates. Aber jetzt ist gut. Würde mal jemand an die viel diskutierten rumänischen Schlachtpferde denken, gäbe das Thema ohnehin wenig zu lachen.
Den Anfang der Pferde-Spass-Welle 2013 machten klassische Facebook-Bilder: Ein Bulle, der ein Pferd besteigt und sagt: «Hold still – Let’s make a Burger!». Unlustig. Galoppierende Wildpferde, die rufen «Let’s run, before they Findus!». Ansatzweise lustig. Am Donnerstag erreichte der neue Pferdehumor einen ersten Höhepunkt: Blick Online titelte «Trotz Lasagne Pferdi – Schweizer stürmen Pferdemetzg». Lustig (ohne Ironie!).

Pferdvertisement – ein Schweizer Volkssport
Die Werbebranche griff die Thematik früh auf und nutzte die Gunst der Stunde: Streuplan foppte die Hero-Konkurrenz («Wir wollen nicht darauf rumreiten, aber…») und machte den Ravioli-Skandal, den Roger Schawinski Ende der 70er Jahre im von ihm erfundenen (!) «Kassensturz» aufgedeckt hatte, vergessen. Die späte Rehabilitierung der Dosen-Ravioli.
Hiltl, die Mutter aller vegetarischen Restaurants, reagierte ebenfalls prompt und wies auf die Rössli-freie Lasagne hin. Die Montage war allerdings Marke Eigenbau und hatte nichts mit der Haus-Agentur Ruf Lanz zu tun. Der Zenit der Pferde-Eupho- und Hysterie war bereits überschritten, als gestern Montag zuerst Contexta für Appenzeller Käse und anschliessend Rod Kommunikation für Mini das wiehernde Schlussbouqet zündete. Auch wenn das Thema langsam ausgeleiert war – lachen musste man ab der fehlenden Pferdemilch und den 218 Lasagnenstärken trotzdem. Der Käse wurde nicht nur rekordverdächtige 45 mal über die Werbewoche Facebook-Seite geteilt, sondern erschien heute auch in der Pferde-Zusammenfassung von Horizont.net (die Zusammenstellung besteht grösstenteils aus Schweizer Kreationen – selbst Hiltls mutige Photoshop-Versuche schafften es auf die grösste deutschsprachige Kommunikationsbühne). Jetzt reichts aber trotzdem, pfertig lustig!

Der talkbackende Wutbürger in Höchstform
Der Lasagne-Skandal erzeugte zudem eine unglaubliche Kommentar-Resonanz auf den Newsseiten. Pferdefleisch sei ohnehin gesünder und besser als Rindfleisch, hiess es in jedem zweiten Beitrag. Weitverbreitet auch der originelle Ansatz, man hätte sich einen extra Vorrat an Tiefkühl-Lasagnen zugelegt, hätte man früher vom Pferdefleisch-Anteil gewusst. Beim Thema Fleisch läuft der Wutbürger in der Regel zur Hochform auf – diese letzte Bastion will man sich von Vegetarieren, Linken, Netten und sonstigen Weltverbesserern nicht auch noch nehmen lassen. Bedenken, ein in Rumänien unter dubiosen (laut SDA gar mafiösen) Bedingungen geschlachtetes Tier zu essen, hatte selten jemand – solange es als das Tier deklariert ist, das es vor dem Fleischwolf und vor den Reisen quer durch Europa war. Und selbst als der Oerliker Pferdemetzger in oben erwähnten Blick-Beitrag betonte, er würde nie Pferdefleisch aus Osteuropa verarbeiten («Oft sind das Arbeitstiere, die ganz schlecht behandelt werden»), war der beliebteste Kommentar: «Coop hätte besser die Verpackungen mit einem Kleber versehen «kann Pferdefleisch enthalten» und die Lasagne für den halben Preis verkauft, null Problemo…».
Null Problemo! Übrigens: «Kassensturz» – einst von Roger Schawinski erfunden, falls Sie es noch nicht wussten – zeigt in der heutigen Ausgabe einen Beitrag, der sich ebenfalls mit dem Pferde-Hype befasst. Thema: «Tierquälerei auf Pferdefarmen: Erbarmungslose Fleischproduktion». Das meiste Pferdefleisch in den Regalen der Schweizer Detailhändler stamme übrigens von solchen Orten, erfährt man. Vielleicht selbst für die Medien eine willkommene Horizonterweiterung: Bei aller Hysterie – an die eigentlichen Hauptdarsteller dachte während der ganzen Debatte niemand.
Thomas Häusermann
