Gratispresse Am 8. März startete 20
minutes, Tamedias Gratisblatt, um die Romandie zu erobern. Es geht
damit auf Konfrontation mit dem Edipresse-Gratisprodukt Le Matin Bleu.20-minutes-Chefredaktor Philippe Favre
gibt sich siegessicher: «Wir können mit der Erfolg versprechenden
Formel von 20 Minuten den Markt erobern.» Ansonsten ist mit dem Zürcher
Medienhaus Tamedia zurzeit nicht gut Kirschen essen. Der Verlag
überwacht jedes Detail im Zusammenhang mit der Lancierung von 20
minutes. Die Aussagen des Lausanner Chefredaktors Philippe Favre müssen
zur Autorisierung auf das Pult der Zürcher Mediensprecherin Franziska
Hügli – zur «Vermeidung sprachlicher Missverständnisse», wird erklärt.
Auch sonst zeigt man sich in Zürich empfindlich: Als das Westschweizer
Satiremagazin La Distinction im letzten Dezember unter dem Logo «00
minutes» Gratiszeitungen als Modeerscheinungen veräppelte, drohte
Tamedia mit rechtlichen Schritten. Und als die Wahlallianz
LausannEnsemble mit der Wahlzeitung «02 minutes» für ihre Kandidaten
bei den Gemeindewahlen warb, schritt der Verlag ebenfalls mit
juristischen Drohungen gegen die anscheinend gefährliche Konkurrenz aus
der Romandie ein.
Doch nicht nur Tamedia fährt grobes Geschütz auf. Die Abwehrstrategie
von Edipresse spielt mit dem bekannten Unmut vieler Romands gegenüber
der deutschschweizerischen Mehrheit und versucht, entsprechende
Abwehrreflexe hervorzukitzeln: Nur Le Matin Bleu sei «Romand d’esprit»,
habe die richtige Westschweizer Gesinnung. Und überhaupt, so werden wir
weiter belehrt, «haben die Romands das Welsche einfach lieber», Punktum!
Um dem frechen Eindringling aus dem wilden Osten das Fürchten zu
lehren, stockte Edipresse das Redaktionsteam des «Bleu» im Februar auf
rund 20 Journalisten auf, hat seit jüngst eine Genfer und eine
Lausanner Regionalausgabe und mit Tristan Cerf auch einen neuen
Chefredaktor – die Interimschefin Catherine Maret hat, wie vorgesehen,
nach der Lancierungsphase zur Fernsehzeitschrift Télétop zurück
gewechselt. Der 32-jährige Cerf hat seine ersten Schritte im Beruf als
Zürcher Korrespondent von Le Temps gemacht und anschliessend bei der
Migros-Presse gearbeitet – er ist überzeugt, dass die redaktionelle
Qualität und die regionale Sensibilität im Konkurrenzkampf
ausschlaggebend sein werden. Er hat weitere Ausbaupläne für den «Bleu»,
der sich bisher an ein jugendliches Zielpublikum richtet: «Wir werden
mehr Aktualitäten behandeln, die eine Mehrheit der Bevölkerung
interessieren.»
Gleichzeitig kündigt er an, auch all jene Gruppen anzusprechen, die
sich von traditionellen Zeitungen nicht betroffen fühlten, wie etwa die
«Secondos». «Eine Gratiszeitung zu machen, ist einfach Spitze, weil wir
die traditionellen Muster der Presse aufbrechen und Menschen
ansprechen, die sich keine Zeitungen leisten.» Den Vorwurf, mit den
Abwehrreflexen der Romands zu spielen, weist Cerf zurück: «Stellen Sie
sich vor, wir hätten nichts gegen die Pläne der Tamedia AG unternommen
und alle Werbegelder wären mit 20 minutes in die deutsche Schweiz
gegangen! Genau das hätte die Ressentiments der Romands verstärkt,
nicht unsere Werbung.»
Dass 20 minutes ein Exportprodukt aus der Deutschschweiz sei, lässt der
39-jährige Chefredaktor Philippe Favre nicht gelten: «Das Konzept
basiert auf der Formel von 20 Minuten, die auch in andern Ländern gut
funktioniert. Sie wurde von uns auf die Bedürfnisse der Romandie
adaptiert.»
Die rund 30 Mitarbeiter des Teams in Lausanne und Genf seien allesamt
Romands, und das Budget für Übersetzungen sei minimal. Artikel, die
nicht in der Westschweiz produziert würden, würden «regionalisiert»,
das heisst für ein Westschweizer Publikum aufgearbeitet. Besonders
stolz ist Favre auf den Schwerpunkt Lokaljournalismus – zwei Seiten
Lokalinfo für die beiden Regionalausgaben in Lausanne und Genf – und
auf eine «People»-Rubrik, die sich nicht nur von internationalen Stars
und Sternchen nährt, sondern auch über junge Talente in der Romandie
berichtet.
Favre ist Spezialist für Lokaljournalismus. Ab 1994 war er in
verschiedenen Funktionen bei der Lokalzeitung Presse Riviera Chablais
am oberen Genfersee tätig. Als die «Presse» von Edipresse übernommen
und mit 24 Heures zusammengelegt wurde, übernahm er die Chefredaktion
der Splitausgabe von 24 Heures für diese Gegend. Er scheut den
Konkurrenzkampf mit dem Edipresse-Gratisblatt nicht: «Wir müssen nicht
wie Le Matin Bleu auf andere Titel des gleichen Verlags Rücksicht
nehmen und haben freie Hand, einen neuen Markt zu erobern.»
Krise der Zeitungen verschärft sich
Die angekündigte Eroberung des Marktes durch 20 minutes fürchten
Regionalzeitungen wie etwa die Freiburger «Liberté». Roger de Diesbach
macht sich Sorgen. Er hat sich als Recherchierjournalist und
Chefredaktor der Freiburger Tageszeitung La Liberté einen Namen als
unbestechlicher Beobachter der Medienszene gemacht. Er fürchtet, die
Werbekrise der Tageszeitungen werde durch die Gratiszeitungen
verschärft: «Gratiszeitungen bringen nicht mehr als die Zusammenfassung
von Agenturmeldungen. Es scheint mir wenig verantwortungsbewusst,
solche Blätter zu lancieren und den Tod von richtigen Zeitungen in Kauf
zu nehmen.»
De Diesbach ärgert sich, wenn er das Wort Gratiszeitung hört –
richtiger wäre, von durch Werbung finanzierten Blättern zu sprechen.
«Ich glaube, dass eine Zeitung ihre Legitimation nicht vom Inserenten,
sondern vom Leser erhält.» Eine Zeitung erhalte vom Leser den Auftrag,
nach der Wahrheit zu suchen und die Wahrheit zu schreiben: «In diesem
Sinn ist die Presse die kleine Schwester der Demokratie.» Theoretisch
könnten auch Gratiszeitungen gute Arbeit leisten, aber das sei nicht
ihr Ziel: «Ziel ist Zerstreuung. Der Inhalt darf nicht von Bedeutung
sein, weil er sonst von der Werbebotschaft ablenkt.»
Aus diesem Grund macht de Diesbach beim Westschweizer Appell «Info en
danger» mit, den eine Gruppe besorgter Journalistinnen und Journalisten
zirkulieren lässt. «Gewisse Verleger sind daran, die Presse zu einem
belanglosen Produkt zu degradieren. So bereiten sie ihren eigenen
Untergang vor», sagt de Diesbach. Für ihn ist klar, dass diese
Entwicklung gestoppt werden muss. Wie? «Es wäre schon viel gewonnen,
wenn der Schweizer Presserat nicht nur einschreitet, wenn Journalisten
ihre berufsethischen Pflichten verletzen, sondern auch, wenn Verleger
durch immer grössere Konzessionen an die Werber ihre
Informationspflicht verletzen.»
Helen Brügger