«Working With Cancer will das Thema Krebs am Arbeitsplatz entstigmatisieren»

Die Publicis Groupe hat im Januar «Working with Cancer» am WEF in Davos vorgestellt. Mit der Kampagne will die Agentur ihren Mitarbeitenden mit schweren Erkrankungen besser zur Seite stehen, und konnte dafür unterdessen mehrere Partner-Firmen gewinnen. Im Gespräch mit Werbewoche.ch erklärt Dr. Alexander Haldemann, CEO Publicis Groupe Schweiz, worum es bei der Initiative geht und was dies für die Unternehmen und ihre Mitarbeitenden bedeutet.

Werbewoche.ch: Alexander Haldemann, vor anderthalb Monaten hat die Publicis Groupe am World Economic Forum in Davos die Initiative «Working With Cancer» vorgestellt – und deren sofortige Implementierung bekanntgegeben. Worum geht es bei der Initiative genau?

Dr. Alexander Haldemann: Fünfzig Prozent aller Menschen werden einmal in ihrem Leben eine Krebsdiagnose erhalten. Und wiederum fünfzig Prozent dieser an Krebs Erkrankten haben Angst, ihre Diagnose dem Arbeitgeber mitzuteilen. Das sind erschreckende Zahlen. Die Initiative «Working With Cancer» will das Thema Krebs am Arbeitsplatz entstigmatisieren und gleichzeitig die Betroffenen im Alltag konkret unterstützen. In Davos haben wir dazu eine branchenübergreifende Koalition ins Leben gerufen, in der sich Unternehmen der aus der ganzen Welt verpflichten, eine möglichst offene, unterstützende und gesundheitsfördernde Arbeitskultur für ihre Mitarbeitenden zu schaffen.

 

Der globale CEO der Publicis Groupe, Arthur Sadoun, hat einen sehr persönlichen Bezug zu «Working With Cancer». Vergangenes Jahr machte er seine eigene Krebserkrankung publik. Wie haben Sie das als Schweiz-Chef von Publicis erlebt?     

Arthur Sadoun war nicht nur mit unserem Leadership-Team, sondern allen Mitarbeitenden und auch der Öffentlichkeit gegenüber enorm offen. Wir wurden sehr früh und sehr transparent von ihm informiert, und das auf eine wirklich persönliche Art und Weise. Ich habe dafür grossen Respekt. Für ein globales, börsennotiertes Unternehmen ist das aussergewöhnlich. Aber es ist klar: Während es für Arthur zwar herausfordernd gewesen sein mag, über seine Krankheit zu sprechen, so ist es für Mitarbeitende in anderen Positionen wohl ungleich schwieriger. Wie reagieren die Vorgesetzen und Kolleg:innen? Was heisst das für meine Entwicklungsperspektiven? Und welches sind die finanziellen Konsequenzen für mich und meine Familie? Und genau da setzt der Schutz-Gedanke von «Working With Cancer» an.

 

Konkret heisst das: Mit der Initiative garantiert Publicis Groupe im Fall einer schweren Erkrankung eine Lohnfortzahlung von einem Jahr.         

Richtig. Weil in der Schweiz bei längerer Krankheit meistens eine Taggeldversicherung greift, klingt das zunächst vielleicht nicht ganz so spektakulär. Aber blicken Sie beispielsweise in die USA. Millionen von Arbeitnehmenden haben dort keinen Anspruch auf einen einzigen Krankheitstag! Das sind Menschen, die einfach kein Gehalt mehr bekommen, wenn sie nicht zur Arbeit erscheinen können. Es verwundert nicht, dass diese sich dann oft genötigt fühlen, Erkrankungen zu verheimlichen. Das muss aufhören.

 

Die Initiative heisst zwar «Working With Cancer», schliesst aber explizit auch andere Erkrankungen ein.

Ja. Innerhalb der Publicis Groupe werden wir das Programm für Mitarbeitende mit vergleichbar schweren Krankheiten öffnen.

 

Welche Unternehmen haben sich bereits angeschlossen?

Wir konnten zum Start wichtige globale Unternehmen wie Adobe, Disney, Google, LVMH, McDonald’s, Meta und Nestlé für die Initiative gewinnen. Es sind aber noch viele weitere dabei. Sie legen individuell fest, welche konkreten Massnahmen sie zum Schutz ihrer Arbeitnehmer:innen ergreifen, zeigen sich mit dem Beitritt zur Initiative aber in jedem Fall gewillt, ein starkes Zeichen für Veränderung zu setzen. «Working With Cancer» erreicht dadurch nicht nur die 80’000 Mitarbeitenden der Publicis Groupe, sondern viele Millionen Menschen in beinahe allen Ländern der Erde. Und Sie haben es einleitend selbst gesagt: Vorgestellt wurde das Ganze erst Mitte Januar. Ein wirklich schöner Erfolg!

 

Die Initiative wird durch eine Kampagne unterstützt. Welches Ziel verfolgen Sie mit dieser?

Unser Ziel ist die Entstigmatisierung von Krebs am Arbeitsplatz. Die Kampagne «Work/Life» soll wachrütteln und zeigen, was Krebskranke durchmachen, wenn sie ihre Krankheit in ihrem Arbeitsumfeld verbergen. Dafür steht mit der grosszügigen Unterstützung unserer Partner ein Media-Budget in Höhe von 100 Millionen US-Dollar zur Verfügung – und wir haben eine grosse Bandbreite von Werbe-Assets kreiert, die sogar beim US-Super Bowl ausgespielt wurden. Besonders berührend finde ich den Haupt-Film, das Herzstück der Kampagne, den man sich auf YouTube ansehen kann. Natürlich gibt es neben der Kommunikation in die Breite aber auch die persönliche, konkrete Dimension. Und diese ist entscheidend.

Was genau meinen Sie damit?

Wenn wir gravierende Erkrankungen im beruflichen Umfeld dauerhaft entstigmatisieren wollen, gilt letztendlich die Devise «walk the talk». Nehmen wir an, jemand kommt einen Tag vor einem grossen Pitch zu mir und sagt: «Alex, ich kann morgen nicht dabei sein, in meiner Familie ist etwas passiert», oder «Ich muss zum Arzt, ich fühle mich nicht gut» … dann zeigt sich letztendlich, ob «Working With Cancer» mehr ist als ein Lippenbekenntnis. Wenn ich in meiner Rolle – und das gilt ebenso für alle anderen Verantwortlichen in unserer Agenturgruppe – nicht glaubwürdig vermitteln kann, dass das wirklich okay ist, dann scheitert auch die wohlmeinendste Initiative. Unsere Kolleg:innen sind Menschen, keine Maschinen. Egal, wie gross der wirtschaftliche Druck sein mag – wie vermeintlich dringend eine Deadline. Die individuelle Gesundheit und jene der Familie sind wichtiger. Kategorisch.

 

Auch, wenn es für Führungskräfte nicht immer einfach ist, das Geschäftliche auszublenden?     

Das würde wahrscheinlich niemand, der ehrlich ist, leugnen. In einem Fall wie dem oben beschriebenen Beispiel schwingen ja auch immer Emotionen mit: «Jetzt fehlt Person X also morgen; was ist, wenn wir den Pitch dann nicht gewinnen?» Ich bekomme sicher auch ein mulmiges Gefühl, wenn ich weiss, dass ein Team ohnehin schon stark gefordert ist – und dann noch jemand ausfällt. Aber ich muss die Fähigkeit haben, kurz mental aus der Situation herauszutreten und von meinen Emotionen zu abstrahieren. Ich muss mich fragen: «Worum geht es hier eigentlich?» Und dann kommen wir wieder zu «walk the talk»: Eigentlich erzählt mir da gerade ein Mensch, dass es ihm oder seinen Liebsten schlecht geht. Und ich muss eine Lösung finden, diesen Menschen zu unterstützen. Wenn sich eine solche Kultur durchsetzt – auch auf die Gefahr hin, dass ich jetzt sehr idealistisch klinge – dann können Unternehmen ein «safe space» werden. Ein Ort, an dem sich alle wohl fühlen; alle ihr Bestes geben. Gerade, weil sie wissen: Man will mich hier nicht nur, wenn es mir gut geht – man stützt mich auch, wenn das nicht der Fall ist.


Die Selbstverpflichtung der Publicis Groupe

  1. Wir werden den Arbeitsplatz, das Gehaltsniveau und die Sozialleistungen aller Mitarbeitenden der Publicis Groupe, bei denen Krebs* diagnostiziert wurde, für mindestens ein Jahr sichern, damit sie sich vorrangig auf ihre Gesundheitsbehandlung konzentrieren können.
  2. Alle an Krebs* erkrankten Mitarbeitenden der Publicis Groupe werden bei ihrer Rückkehr an den Arbeitsplatz durch eine persönliche Karriereunterstützung individuell begleitet.
  3. Alle betroffenen Mitarbeitenden der Publicis Groupe haben über die Plattform Marcel Zugang zu einer internen Gemeinschaft von Freiwilligen (Peers), die entsprechend geschult sind, um Unterstützung zu leisten.
  4. Alle Mitarbeitenden der Publicis Groupe, die eine erkrankte Person in ihrer unmittelbaren Familie betreuen, erhalten individuelle persönliche und berufliche Unterstützung, um die Flexibilität und die Zeiteinteilung zu bewältigen, die sie benötigen, um ihre Energie am Arbeitsplatz und als Betreuungsperson aufrechtzuerhalten.

*Krebs: Die Zusage von Publicis Groupe gilt für Mitarbeitende, die an allen Formen von Krebs und anderen chronischen Krankheiten und schweren Erkrankungen leiden, die eine spezielle medizinische Versorgung gemäß der Definition des Landes, in dem sie leben, erfordern.

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