Betty Bossi: Eine Jahrhundertchance

Catherine Crowden, Leiterin Marketing und Vertrieb bei Betty Bossi, und Lars Feldmann, Geschäftsführer, erzählen, was das Unternehmen geprägt hat, wie es die heutigen Herausforderungen angeht und wie es seine Zukunft aktiv mitgestaltet, um auch weiterhin erfolgreich zu sein.

In der Rezeptredaktion wird getüftelt und kreativ ausprobiert. Bis alles stimmt. | Bild: Betty Bossi
In der Rezeptredaktion wird getüftelt und kreativ ausprobiert. Bis alles stimmt. | Bild: Betty Bossi

Willem Haen Ihr seid bei 98 % der Schweizer Bevölkerung bekannt. Könntest du das Unternehmen Betty Bossi für die restlichen 2 % beschreiben?

Lars Feldmann Betty Bossi vereinfacht das Kochen und Geniessen. Das ist unser Kern und der Antrieb für alles, was wir tun: von inspirierenden Rezepten über Küchengeräte, die Freude in die Küche bringen, bis hin zu unseren Food-Produkten.

Gehen wir zurück ins Jahr 1956: Wie ist Betty Bossi entstanden und wie sahen die ersten Tage des Unternehmens aus?

Lars Entstanden ist Betty Bossi im Rahmen eines Auftrags der Firma Astra an eine Werbeagentur, um deren Produkte wie Speiseöle und Fette zu vermarkten. Dabei hatte die Werbetexterin Emmi Creola-Maag die Idee, dies nicht mit den damals üblichen Zeitungsinseraten zu tun, sondern über eine Koch- und Beratungszeitung. Im Grunde war dies, was wir heute als Content Marketing bezeichnen würden. Damit sich diese Idee in der Agentur durchsetzen konnte, brauchte es einiges an Überzeugungsarbeit von Emmi Creola-Maag. Die für damalige Verhältnisse neuartige Form der Vermarktung stiess zunächst auf Skepsis. Im Nachhinein hatte der Erfolg dann viele Väter – obwohl es, wenn man so will, eigentlich eine Mutter war.

Gab es prägende oder kritische Momente in der Geschichte des Unternehmens? Und noch spannender: Wie habt ihr diese gemeistert?

LARS Es gab in der Geschichte von Betty Bossi sicher einige prägende und wegweisende Entwicklungen. Eine davon war in den 1970er-Jahren die Entscheidung, aus einem reinen Werbeauftrag eine eigenständige Leistung zu machen. Mit der Gründung eines Verlagshauses und entsprechenden Geschäftsmodellen wie bezahlten Abos und Kochbüchern entstand etwas völlig Neues. Das war sicherlich der erste grosse Shift. Dann kamen die 1980er-Jahre, die ebenfalls sehr spannend waren. Damals entstanden die ersten von Betty Bossi entwickelten Küchengeräte— zunächst über eine eigenständige Firma. Der Gedanke dahinter war, dass die Menschen nicht einfach Produkte brauchen, sondern Lösungen für die Herausforderungen ihres Alltags. Dieses Denken hat auch dazu geführt, dass wir 2001 gemeinsam mit Coop begonnen haben, Frisch-Convenience-Produkte zu entwickeln.

Lars Feldmann | Bilder: zVg
Lars Feldmann | Bilder: zVg

Ist Tradition in eurem Umfeld eher ein Vorteil?

Catherine Crowden Tradition ist sehr wichtig. Wenn man in der Schweiz aufgewachsen ist, ist Betty Bossi Teil der Kultur. Viele haben mit Betty Bossi kochen gelernt und mit ihr die kulinarische Welt entdeckt. Betty Bossi steht mit vielen in der Küche. Gleichzeitig ist sie eine fiktive Figur. Viele denken dabei: Das ist meine Freundin, meine Kollegin, jemand, der mich begleitet. Genau das verleiht der Marke ihre Authentizität. Sie ist eben nicht nur einfach eine erfundene Marke, sondern eine Persönlichkeit, zu der über Jahrzehnte eine echte Beziehung entstanden ist. Diese Glaubwürdigkeit ist für uns gerade heute, in Zeiten von KI, ein entscheidender Wettbewerbsvorteil. Wir verfügen über eine sehr hohe Autorität — nicht nur im klassischen SEO, sondern auch im GEO. Damit schaffen wir die Voraussetzung, dass unsere Inhalte in KI-Overviews und generativen Suchsystemen sichtbar und als vertrauenswürdige Quelle herangezogen werden. Es gibt heute so viel Content und so viele durchschnittliche Inhalte rund um die Kulinarik. Wir hingegen bieten einen glaubwürdigen und verlässlichen Anker im Alltag.Tradition darf nie nur ein Blick zurück sein, sondern etwas, das wir in die Zukunft mitnehmen. Sie ist wie ein Vertrauensvorschuss.

Dr. Catherine B. Crowden
Dr. Catherine B. Crowden

Wie findet ihr die richtige Balance zwischen Heritage und Innovation, damit Betty Bossi für euer Publikum relevant und spannend bleibt?

Lars Eigentlich steckt in unserer Heritage der Motor unserer Innovationskraft. Die Nähe zu den Menschen war von Anfang an Teil der DNA. Schon Emmi Creola-Maag wollte verstehen, was die Menschen im Alltag beschäftigt — beim Kochen, beim Essen, beim Einkaufen und beim Geniessen. Und genau das verändert sich konstant. Deshalb müssen auch wir uns immer wieder neu erfinden. Wir sind immer wieder gefordert, innovative neue Leistungen zu entwickeln – gerade wenn es ums Essen geht. Unsere Aufgabe ist es, nicht nur zu verstehen, was heute in den Haushalten der Schweiz passiert, sondern auch zu erkennen, was als Nächstes relevant werden könnte. Deshalb sind unsere Teams das ganze Jahr über international unterwegs. Sie beobachten kulinarische Trends, entdecken neue Produkte und holen Inspiration auf Märkten, in der Gastronomie und in Kochschulen – von Seoul bis Kopenhagen.

Gibt es Situationen, in denen ihr mit einem Trend fast schon zu früh dran seid für die Schweiz?

Catherine Ja, aus der Geschichte von Betty Bossi gibt es viele schöne Anekdoten. Bekannt ist zum Beispiel das Tiramisu-Rezept. Als wir dieses Rezept zum ersten Mal in der Betty Bossi-Zeitung veröffentlichten, war Mascarpone innert kurzer Zeit überall ausverkauft. LARS Ein wichtiges Thema der letzten Jahre ist der Airfryer. Es war ähnlich wie damals, als die Mikrowelle aufkam: Viele Menschen wussten zuerst nicht genau, was sie damit anfangen sollten. Da brauchte es Betty Bossi: mit Content, gelingsicheren Rezepten und natürlich auch passenden Küchengeräten. So haben wir vielen Menschen geholfen, sich an diese neue Art des Kochens heranzuwagen.

Ist Betty Bossi mittlerweile «nur» ein Name oder steckt da immer noch die Person drin? Wenn ja, wie nutzt ihr das in der Kommunikation?

Catherine Betty Bossi war ja von Anfang an eine fiktive Person. Dahinter stand immer ein Team von Expertinnen und Experten. Emmi Creola-Maag hatte drei Kinder und verstand den Pain ihrer Zeit: Kochen war kompliziert. Es gab riesige Kochbücher mit viel Text und wenigen Bildern. Ihre Idee war deshalb: Wir bündeln einfach verständliches Wissen unter einer fiktiven Person, die den Menschen wie eine Freundin zur Seite steht. Ich denke, heute ist das im Grunde nicht anders. Unsere Mitarbeitenden lösen mit Leidenschaft die Probleme unserer Kundinnen und Kunden. Gemeinsam werden sie zu Betty Bossi. In der Kommunikation setzen wir auf Corporate Influencer. Wir unterstützen Mitarbeitende aus dem ganzen Unternehmen dabei, in kurzen Videos für Social Media ihre Tipps, Tricks und Rezepte zu teilen. So wird deutlich, dass Betty Bossi aus vielen klugen und kreativen Köpfen besteht.

Steht euch der Markenname im Weg, um auch männliche Kunden anzusprechen? Oder sendet er womöglich ein Statement aus, das ihr heute gar nicht mehr vermitteln möchtet?

Catherine Unsere Aufgabe ist es nicht, ein bestimmtes Rollenbild zu vertreten, sondern alle Menschen dabei zu unterstützen, ihren Alltag einfacher und genussvoller zu gestalten. Es gibt viele unterschiedliche Lebensmodelle und Bedürfnisse. Für uns ist entscheidend, dass wir sagen können: Es ist einfach und gelingsicher. Das gilt für alle – unabhängig davon, wer kocht. LARS Ich glaube, weil die Marke so bekannt ist und in der Schweiz seit Jahrzehnten präsent ist, bringt sie ein grosses Grundvertrauen mit. Dieses Vertrauen ist für uns ein enorm wertvolles Asset. Es funktioniert generationenübergreifend und unabhängig vom Geschlecht.

In einer Zeit, in der Rezepte überall verfügbar sind, ist es vermutlich nicht einfach, Kochbücher erfolgreich zu vermarkten. Wie geht ihr damit um?

Catherine Vertrauen spielt heute eine zentrale Rolle, dazu passt ein Zitat von Greg Brockman von OpenAI: «Taste is the new core skill.» Dieses Wort Taste bedeutet einerseits Geschmack, aber auch Urteilskraft. Und genau darum geht es: die Fähigkeit, aus unzähligen Möglichkeiten die richtigen auszuwählen. Das ist unsere Aufgabe. Wir entwickeln bis zu 3’000 Rezepte pro Jahr – und jedes davon wird mehrfach gekocht und geprüft, bevor es veröffentlicht wird. Wenn ich dagegen auf Social Media ein Rezept anschaue, weiss ich oft gar nicht, ob es überhaupt funktioniert. Genau darin liegt der Unterschied. LARS Wir hinterfragen jedes Rezept kritisch: Braucht es wirklich alle diese Zutaten? Kann man das Rezept einfacher machen? Wir sind davon überzeugt, dass es auch in Zukunft Menschen geben wird, die bereit sind, für genau für diese Art von Qualitätsrezepten zu zahlen. In welcher Form auch immer.

Im vergangenen November wurde der Kinofilm «Hallo Betty» über die Entstehungsgeschichte von Betty Bossi veröffentlicht. Welche Chancen eröffnete er euch?

Lars Der Spielfilm ist eine unabhängige Filmproduktion. Die Idee wurde von der Schweizer Filmproduktionsfirma C-Films an uns herangetragen. Wir waren begeistert. Für uns war schnell klar: Das ist eine Jahrhundertchance. Praktisch niemand von uns war vor 70 Jahren dabei. Die Geschichte von Betty Bossi und von Emmi Creola-Maag auf diese Weise aufzuarbeiten, war für viele Mitarbeitende ein echtes Aha-Erlebnis. CATHERINE Wir alle kennen die Herausforderung: Wie bringe ich Beruf, Familie und Alltag unter einen Hut? Genau diese Geschichte wird im Film auf eine sehr ehrliche und berührende Weise erzählt. Wir sahen den Film darum als Chance, Betty Bossi einer jüngeren Generation näherzubringen. Dazu haben wir unglaublich viel auf die Beine gestellt: von einer grossen Markenkampagne, in der wir sogar Szenen aus dem Film verwenden durften, bis hin zu ganz besonderen Erlebnissen für unsere Community: Wir konnten Kundinnen und Kunden mit ans Filmset nehmen, exklusive Blicke hinter die Kulissen ermöglichen und sogar Statistenrollen unter unseren Fans verlosen. Dadurch entstanden ganz neue Formen der Begegnung und viele emotionale Touchpoints mit der Marke.

Blicken wir nach vorne: Was sollte unbedingt bewahrt werden? Und wo seht ihr die Notwendigkeit, euch weiterzuentwickeln oder neu zu erfinden?

Catherine Was wir uns unbedingt bewahren wollen, ist das echte Interesse am Alltag der Menschen. Was schmeckt den Menschen? Wie bringen wir das einfach nach Hause? Oder wie entwickeln wir daraus Produkte, die für möglichst viele Menschen zugänglich sind? Die Herausforderung besteht darin, für diese Lösungen immer wieder die passenden Geschäftsmodelle zu finden. Betty Bossi hat in ihrer Geschichte immer wieder bewiesen, dass sie sich neu erfinden kann.

Was werden Ansätze und Themen für das Marketing in den kommenden Jahren sein?

Catherine Was uns im Moment besonders beschäftigt, ist das Thema Beziehung. Der weitere Ausbau dieser Kundenbeziehung steht für uns ganz oben auf der Agenda. Die zentrale Frage lautet: Wie schaffen wir echte Beziehungen in einer digitalen Welt, die immer austauschbarer wird? Dabei werden Themen wie Community und Personalisierung eine entscheidende Rolle spielen. Unser Anspruch ist, die vertrauenswürdige Begleiterin im Alltag zu sein. Wir möchten nicht einzelne Produkte oder Dienstleistungen verkaufen, sondern ein ganzes Ökosystem aus Inspiration, Wissen, Services und Produkten bieten. Am Ende ist Vertrauen die Grundlage für alles. Nur wenn Menschen uns vertrauen, sind sie bereit, Informationen mit uns zu teilen, unsere Empfehlungen anzunehmen und uns langfristig als Begleiterin in ihrem Alltag zu sehen. Genau dieses Vertrauen möchten wir uns jeden Tag neu verdienen.


1956 – Ein Jahr, viele Geschichten

Was haben ein Orchester, ein Kulinarik-Unternehmen und ein Uhrenhersteller gemeinsam?

Sie alle wurden 1956 gegründet – und sie sind bis heute relevant. Auch wir bei Swiss Marketing feiern in diesem Jahr unser 70-jähriges Jubiläum. Seit sieben Jahrzehnten sind wir eine Plattform für Fachleute, ein Ort für Austausch, Inspiration und Weiterbildung. Begegnungen, Ideen und Erfahrungen aus der Wirtschaft haben uns geprägt und dorthin gebracht, wo wir heute stehen. Doch statt uns selbst zu feiern, möchten wir den Blick nach aussen richten. Auf Organisationen, die im selben Jahr gegründet wurden und die über sieben Jahrzehnte hinweg Herausforderungen gemeistert, sich weiterentwickelt und ihre Relevanz bewahrt haben.

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