Blüten und Perlen: Jein
Sarah Pally, Linguistin und Partnerin bei der Agentur Partner & Partner, nimmt in ihrer Kolumne «Blüten und Perlen» die (Werbe-)Sprache unter die Lupe. Dieses Mal stellt der Text die Frage, ob man wirklich Social Media bespielen muss. Und kommt zum Schluss: Nicht Likes oder Trends entscheiden, sondern ob man bereit ist, mit eigener Stimme statt angepasstem Einheitsbrei sichtbar zu sein. Sonst lieber: ein klares jein.

Soll ich’s wirklich machen…
Weil: Mit ein paar Beiträgen auf Social Media hat man noch rein gar nichts verkauft. Dafür aber einen Haufen Arbeit. Und um die zu minimieren, überlegt man sich am besten nicht viel, sondern tut das, was eh alle tun. Dann fällt auch nicht auf, dass man sich damit eigentlich nicht richtig wohl fühlt. Oder man macht es schnell mit KI – aber dann wissen erst recht alle sofort, dass man sich gar nicht erst Mühe geben will. Dann also vielleicht doch lieber bleiben lassen? Aufwand-ertragsmässig klingt Social Media bei genauerer Betrachtung nämlich nach einer ziemlich schlechten Idee. Oder sagen wir erklärungsbedürftig. Ist der Aufwand die paar Likes tatsächlich wert? Näh, wahrscheinlich nicht. Also dann doch nicht machen?
…oder lass ich’s lieber sein?
Die Frage lautet aber eben nicht, ob sich der Aufwand lohnt – sondern ob man es sich leisten kann, es nicht zu tun. Allenfalls kann man das durchaus: Zum Beispiel, weil man diese Arbeit, von sich hören zu lassen, schon ausreichend an anderer Stelle macht. Oder weil man es so dermassen unüberlegt und lieblos tun würde, dass es nicht für einen spräche. Oder weil es einen dermassen quält, dass man opportunitätskostenmässig lieber auf allfällig positive Effekte verzichtet. Und da ist sie schon: die Generalausrede für alle, die es einfach nicht gerne tun.
Denn wer kein ausgeprägtes Sendungsbewusstsein hat und locker-pfeifend im Zug schnell ein paar träfe Posts und herzerwärmende Kommentare in die Welt sendet, zwingt sich äusserst halbherzig zu ein paar unter grösster Anstrengung der letzten Energie abgerungenen aber immer noch zahn- und phantasielosen Sätzli oder einem unkommentierten Repost aus letzter Kraft. Zum Dank bekommt man dann auch nur äusserst halbherzige Response und fühlt sich äusserst schrecklich. Da nützen auch keine «du musst»- und «traut euch»-Parolen, im Gegenteil. Das Einzige, was vielleicht hilft, ist, seine eigene Stimme, sein Storytelling zu finden, das einem behagt – und nicht versucht, mithilfe von KI nachzuäffen, was alle anderen tun.
Existenzielle Coiffeur-Krise
Social Media braucht nämlich ganz dringend nicht noch mehr von diesem immergleich professionell-charakterlosen Slop. Es fühlt sich an wie bei Mani Matters Coiffeurbesuch, als er sich in den gegenüberliegenden Spiegeln unendlich reflektiert sieht und ob seines millionenfachen Selbst in eine akute existenzielle Krise gerät. Alle erzählen dasselbe, auf dieselbe Art – man sieht den Mani vor lauter Matters nicht mehr.
Soll man jetzt also posten oder nicht? Wenn man mit sich selbst ehrlich ist, weiss man es. Und im Zweifelsfall gilt: Jein.
Seit 2025 analysiert Sarah Pally in ihrer Kolumne «Blüten und Perlen» Begriffe mit Branchenbezug und kommentiert sie mit persönlicher Note, aus einer linguistischen Perspektive – sowie auch mit präzisem Blick auf die Entwicklungen in der Branche. Pally ist Teilhaberin der Agentur Partner & Partner in Winterthur. Sie ist seit 15 Jahren mit den Themen Contentmarketing, Text/Konzept und Storytelling im Kommunikations- und Marketingbereich unterwegs.
