Revolution 2.0: Die Rolle der sozialen Medien bei politischen Unruhen

KOLUMNE Wie mächtig sind soziale Netzwerke? Social-Media-Expertin Ellen Girod* über den Einfluss von Facebook, Twitter und Co. bei politischen Bewegungen wie dem Euromaidan und den Türkei-Protesten.
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Bei Protesten können sich beispielsweise ausdrucksstarke Bilder sehr schnell viral über soziale Netzwerke verbreiten.Tarnmütze und Sturmgewehr. Dies trägt der Soldat auf dem verschwommenen Foto des TIME-Journalisten Simon Shuster. Mit dem Kommentar «6th floor of hotel Moskva right now» twittert Shuster das Foto aus dem Hotel in Kiew, wo er sich während der Proteste auf dem Maidanplatz aufhält. 670 Retweets später wird sein Tweet von den digitalen Nachrichtendiensten wie dem Tagi-Online aufgenommen. Anfangs wurden auf Twitter und Facebook die Schlagzeilen der News-Redaktionen von klassischen Medien verbreitet. Heute läufts oft andersrum: die News-Redaktionen der klassischen Medien bedienen sich der Meldungen aus den sozialen Medien. Das Individuum wird zum Reporter. Dadurch wandelt sich die Rolle der Journalisten. Sie sind nicht mehr die exklusive Informationsquelle. Sie nutzen das Social Web um einerseits zu informieren und andererseits um an Informationen zu kommen.Dieselbe Rolle haben die Aktivsten übernommen. Die Massen des arabischen Frühlings hatten sich vor ihrer Versammlung auf den Strassen bereits im Internet formiert. Auf dem Maidanplatz in Kiew wurden mit Facebook-Gruppen gratis Unterkünfte für Aktivisten koordiniert und auf dem YouTube-Kanal «Ukrainer und Russen» dementieren Ukrainer und Russen die aktuellen Spekulationen um und Vorurteile der ukrainisch-russischen Konflikte. Und obwohl die Konflikte auf dem Maidanplatz vorerst entschärft wurden, rattern im Minutentakt #Euromaidan-Tweets mit diversen Einschätzungen der Situation die Displays hinunter.Dabei ist Viralität für politische Bewegungen zu nutzen, kein Phänomen des digitalen Wandels. Hatte doch bereits 1979 Ajatollah Khomeini, der Führer des islamischen Revolution, aus dem Exil Aufrufe zum Sturz des Schahs auf Kassetten überspielt und in etwa 80‘000 Moscheen unter das iranische Volk gebracht. Auch wird die These der Demokratisierung durch Internet wissenschaftlich kontrovers diskutiert. Ob der Dialog zwischen Politikern und Bürgern Dank sozialen Medien direkter wird und dies die Menschen politisch motiviert, darüber mag man debattieren.Das Verfassungsgericht in der Türkei hat das Twitter- und YouTube-Verbot wieder aufgehoben. Doch die Tatsache, dass Erdogan Twitter und YouTube kurz vor dem Ende des Wahlkampfs überhaupt erst sperren liess, zeigt seine klare Angst vor der Macht der sozialen Medien. Revolutionen finden nach wie vor auf Unabhängigkeitsplätzen und nicht in Facebook-Gruppen-Chats statt. Fakt ist jedoch, ob Kairo 2011 oder Kiew 2014: Soziale Medien sind ein Kanal, der schnell, einfach und transparent Information in die Welt hinaus bringt und somit Kommunikation, Organisation und Mobilisierung erleichtert. Und das ist ein mächtiges Instrument.

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