Digital ist nicht trivial

DIGITAL In der Beitragsserie von Christoph Oggenfuss werden Exponenten aus Wirtschaft und Forschung zu den digitalen Herausforderungen von Unternehmen und die Auswirkung auf Marketing und Kommunikation befragt.
Colore Tube
Analogiebeispiel Pigmentfarben vs. Malfarben in Tuben – das Tor zum Impressionismus.VON CHRISTOPH OGGENFUSS*Im ersten Beitrag wurde Michael Stemmle, CEO der Firma additiv-Next Generation Banking befragt. Was bedeutet für ihn die Digitalisierung von Unternehmen? «Technologien die die digitale Entwicklung unterstützen sind als Hilfsmittel zu verstehen und haben häufig eine verstärkende Wirkung wie ein Katalysator», antwortet Stemmle. Digital heisst für ihn häufig auch «grenzenlos» mit allen Auswirkungen, die damit zusammenhängen. Er nennt eine interessante Analogie.In früher Zeit standen Maler nur Pigmente als Grundmaterial für die Erstellung von Gemälden zur Verfügung. Damit waren die Künstler für die Erstellung ihrer Werke an geschützte Räume gebunden. Ansonsten wären die Pigmente sprichwörtlich vom Winde verweht worden. Durch die Erfindung der Malfarben in Tuben konnten die Künstler ihre Ateliers auch verlassen und so entstanden bezüglich Sujets, Maltechniken etc. völlig neue Zugänge – der Impressionismus wurde durch die damalige Innovation der Malfarbe stark geprägt. Damit soll deutlich werden, dass mit fundamental neuen Voraussetzungen – damals Malfarbe in Tube und heute Digitalisierungstechniken – bestehende Verfahren revolutioniert werden. Man spricht dabei auch von disruptiven Veränderungen im Unterschied zu organischen Weiterentwicklungen.Die digital Welt ist RealitätUnd was denkt Stemmle zur Diskussion ob Digitalisierung mehr Hype oder Realität sei? «Digitalisierung ist heute bereits gelebte Realität. Wir erleben das im Berufsalltag insbesondere mit den von uns genutzten Arbeitsinstrumenten und der Tatsache, dass viele Daten und Informationen nur in digitaler Form vorliegen. Durch die graduelle Entwicklung der Digitalisierung von Daten sind wir uns der aktuellen Präsenz der Digitalisierung gar nicht wirklich bewusst. Als damals die Schreibmaschine durch den PC ersetzt wurde, blieb die Arbeitsform in etwa die Gleiche. Beim Schritt in die digitale Welt verändern sich ganze Prozesse der Leistungserstellung was dazu führen kann, dass die Leistungserstellung voll dezentralisiert wird. Damit verändern sich Geschäftsmodelle z.T. radikal und somit auch die Anforderungen an das Marketing und die Kommunikation. Bisher war Zentralisierung ein Mantra für Effizienz. In der digitalen Welt kann totale (grenzüberschreitende) Dezentralisierung die neue Maxime für totale Effizienz und niedrigen Stückkosten sein. Das physische Verständnis der Örtlichkeit löst sich auf und macht dezentralen Netzwerkstrukturen Platz. Dadurch entstehen jedoch neue Herausforderungen für die Kommunikation», erläutert Stemmle.Wie ein InstrumentIn Sachen zentraler Treiber für die Digitalisierung erachtet der additiv-CEO es als wichtig, herauszustreichen, dass die digitale Technologie nur Instrument ist. Der eigentliche Treiber der Digitalisierung ist der Wettbewerb – die Beziehung zwischen Kunden und Unternehmung wird durch die Digitalisierung z.T. radikal neu definiert. Die digitalen Mittel – das Smartphone als eindrückliches Beispiel – verändern das Kundenverhalten massiv und nachhaltig. Dem Kunden stehen kommunikativ-verhaltensbezogen mehr Möglichkeiten offen denn je. Diesem Umstand hat sich das neue Marketing zu stellen. Das Vorhandensein digitaler Technologien hat auch die Eintrittsschwellen in bestehende Märkte deutlich reduziert – neue Mitbewerber treten auf und verschärfen den Wettbewerb.Die RisikenWo liegen die Risiken der digitalen Transformation? «Die primäre Chance der Digitalisierung eröffnet sich mit der Erschliessung neuer Märkte oder neuer Geschäftssegmente zu vergleichsweise tiefen Kosten. Zudem erlaubt die Digitalisierung fundamental neue Kollaborationsformen, wo physische Grenzen, Zeitzonen etc. sekundär sind. Damit werden auch die Grenzen des Arbeitsmarktes gesprengt. Die Abstimmung zur Masseneinwanderung erscheint vor diesem Hintergrund wie ein Relikt aus dem letzten Jahrhundert! Natürlich sind mit der Digitalisierung auch Risiken verbunden – so ist das Ende der Mittelmässigkeit zunehmend in Sicht» sagt Stemmle. Als weiteres Risiko nennt er die Marktvolatitlitäten, die durch die disruptive Kraft von digitalen Innovationen entstehen können.Die Digitalisierung verändert GeschäftsmodelleAm Ende des Gespräches betont Michael Stemmle , dass die Digitalisierung kein Selbstläufer sei, wohlwissend dass technisch vieles machbar wäre.  Die kognitive Limitierung des Menschen wird aber der relevante Taktgeber  für die Entwicklung digitaler Innovationen in der Breite sein. »Im Zentrum steht auch inskünftig der Mensch gegenüber dem digitalen Interface», so Stemmle.Die disruptive Kraft der Digitalisierung verändert Geschäftsmodelle, revolutioniert Leistungserstellungsprozesse und senkt die Eintrittsbarrieren für neuen Wettbewerber. Damit werden die Spielregeln in Märkten neu definiert, was das Marketing und die Kommunikation  ganz direkt betrifft. Ein aufmerksames Verfolgen dieser Entwicklungen und entsprechendes Ableiten von Implikationen ist angesagt.————————————————————————————-

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