Zur Sache: Was bringts?
Der Rentner Peter K. hielt letzten Herbst während neun Tagen ganz Biel in Atem. Er widersetzte sich einer Zwangsräumung und verschanzte sich bewaffnet in seinem Hause.
Auf seiner Flucht soll er auf einen Polizisten geschossen und diesen lebensgefährlich verletzt haben. Nach einer dreitägigen Flucht konnte er festgenommen werden.
Die Geschichte füllte die Schweizer Zeitungsspalten. K. war als unbequemer Zeitgenosse bekannt und deckte scheinbar während Jahren die Behörden mit seinen Schreiben ein. Seit seiner Festnahme sitzt er in Untersuchungshaft. Nach seiner Verhaftung wurde klar, dass im Vorfeld der Aktion der Informationsfluss zwischen den einzelnen Behörden nicht optimal war.
Jetzt, neun Monate später, erscheint in Le Matin ein mehr als 15 000 Zeichen langes schriftliches Interview mit Peter K., in dem er präzise, aber gleichzeitig auch äusserst ausschweifend auf die gestellten Fragen antwortet. Er zeigt sich als überzeugter Alt-68er mit einer unbändigen Wut auf den Staat und dessen Exponenten. Zum Interview gab es einen Kommentar des stellvertretenden Chefredaktors zu lesen.
Logischerweise wurde das Interview sofort von den anderen Medien aufgenommen. 20min.ch und Blick.ch brachten eine Zusammenfassung (Blick.ch mit voller Namensnennung), Tagesanzeiger.ch eine vollständige Übersetzung mit voller Namensnennung. Ob Peter K.s Antworten plausibel sind oder nicht, sollen Psychiater beantworten, ob er schuldig oder unschuldig ist, die Gerichte. Darum geht es hier nicht. Ich habe mich einfach nur gefragt, was dieses Interview überhaupt soll. Bringt es Licht in eine wahrscheinlich sehr tragische Affäre? Bedient es nur die Lust an der Sensation? Oder lassen sich die Medien hier vielleicht sogar manipulieren? Ich weiss es nicht. Zu hoffen ist, dass gewisse Aspekte in K.s Aussagen von den Medien nachgeprüft und weiter untersucht werden.
Ein unerfreulicher Punkt sind wieder einmal die Kommentare der Leser. 65 waren es beim Lematin. ch, mehr als 180 bei 20min.ch., mehr als 40 bei Tagesanzeiger.ch (Stand Mittwochnachmittag). Es gab wie immer einige Beiträge mit interessanten Gedankenansätzen, der grosse Teil der Kommentare war aber – gelinde gesagt – unterirdisch. Entweder unterstützen die Schreiber kritiklos die Anschuldigungen von Peter K. und hauen auf den Staat, dessen Exponenten und die Gesellschaft ein. Oder aber sie rufen genauso kritiklos nach Recht und Ordnung. Bei gewissen Kommentaren läuft es einem kalt über den Rücken: Wehe wenn sie losgelassen.
