Zur Sache: Potus 2.0
Der grosse Hype hat ein Ende und Amerika einen neuen Präsidenten. Sondersendungen und Wahlstudios im Fernsehen, Experten und Direktschaltungen in den einzelnen Fernsehstudios, Strassenbefragungen, Promi-O-Töne, Liveticker auf praktisch allen News-Sites im Internet und ein absoluter Rekord für Twitter und Facebook: Die Wahlnacht ging mit 31 Millionen Tweets zu Ende, wie Twitter in seinem Blog berichtete.
Während die Auszählungen über die traditionellen Nachrichtendienste publik gemacht wurden, erreichte die Konversation auf Twitter mit 327 452 Tweets pro Minute (!) ihren Höhepunkt. Kurz vor seiner Siegeransprache hat Barack Obama seine Wiederwahl zum Präsidenten der USA im Netz verkündet: Rund 563 000-mal wurde sein Twitter-Beitrag bisher retweetet, auf Facebook gefällt das Posting 2,5 Millionen Nutzern – beides absolute Rekordwerte. Wegen der für die europäischen Printmedien äusserst ungünstigen Zeit der Bekanntgabe der Wahlresultate kam es zu einem Triumph der elektronischen und Online-Medien.
Aber auch die Schweizer Printmedien waren nicht untätig. Norbert Neininger, Verleger und Chefredaktor der Schaffhauser Nachrichten, twitterte um 3.50 Uhr: «#US-Wahlen Um fünf Uhr ist Redaktionsschluss für unser Extrablatt. Sofern das Resultat bis dann feststeht.» Angekündigt in den Social Media gab es ein ganz klassisches Extrablatt, das im Raume Schaffhausen verteilt wurde (siehe Seite 46). Ein Relikt aus der Presse-Steinzeit, das vielleicht gerade deshalb auf positive Akzeptanz gestossen ist. Wenn das nicht Konvergenz ist!
Die Aargauer Zeitung hatte eine amüsante Idee für ihre Titelseite (siehe Seite 47) – wohlverstanden ohne bei Drucklegung das Wahlergebnis zu kennen. Dank Twitter und Facebook wurde sie auch ausserhalb der eigenen Leserschaft schnellstens bekannt gemacht.
Auch ich konnte mich der Faszination der Wahlsendungen nicht entziehen. Um 6.30 Uhr dann der Gang zum Briefkasten, NZZ und Tagi rausgeholt und auf die Seite gelegt. Stattdessen E-Paper aufs iPad geladen und mich gewundert: Bei der NZZ gab es die gleiche Titelseite wie in der gedruckten Ausgabe. Im Artikel, dann ein Hinweis auf die aktuelle Berichterstattung auf NZZ.ch, aber ohne entsprechenden aktiven Link. Der Tagi brachte es immerhin noch fertig, auf seiner App ein aktuelles Bild des Wahlsiegers zu bringen. Hier wäre ein bisschen Presse-Steinzeit gar nicht so schlecht gewesen, denn früher hatte man wenigstens in einem Teil der Printauflage eine aktualisierte Wechselseite. Beim E‑Paper sollte das eigentlich auch möglich sein. So viel zur Konvergenz.
Pierre C. Meier, Chefredaktor
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