Zur Sache: Freud und Leid

Der Beruf des Journalisten hat viel mit einem Adventskalender gemeinsam. Jeden Tag ist man gespannt, was nach dem Öffnen des Türchens oder dem Auspacken des kleinen Päckchens auf einen zukommt. Jeder Tag ist anders. So wie es auch ein richtiger Adventskalender sein sollte. Mal ist es eine grössere Überraschung, mal eine kleinere Freude.

Im Gegensatz zu einem Adventskalender gibt es aber im Journalismus auch kleinere oder grössere Ärgernisse. Zum täglichen Brot gehört die Nervensäge, die sich – selbstverständlich beim Chefredaktor persönlich – erkundigt, warum die doch so wahnsinnig interessante Pressemitteilung nicht abgedruckt worden sei. Und dann noch den immens intelligenten Satz nachschiebt, die Konkurrenz hätte die Meldung im Fall dann gebracht. Schön für die! Oder die charmante PR-Dame, die nur mal – selbstverständlich auch direkt vom Chefredaktor – wissen will, ob die Pressemitteilung auch sicher angekommen sei. Man wisse ja nie. Na klar, könnte ja im Internet-Nirwana verschwunden sein. Boshafte Anmerkung: Vielleicht war sie ja auch falsch adressiert, weil man eben zu faul war, die korrekte E Mail-Adresse der Redaktion zu suchen. Und weil man ja weiss, dass es immer am besten ist, wenn man den Chefredaktor direkt anschreibt, ob das dann dem News-Workflow gerecht wird oder nicht, spielt ja keine Rolle.

Aber es gibt ja auch viele angenehme Momente, die einen entschädigen. Interessante Hintergrund-Gespräche mit intelligenten Leuten oder Interviews mit Leuten, die etwas zu sagen haben, sich pointiert ausdrücken und auch dann noch zu ihrem Wort stehen, wenn sie es schwarz auf weiss gedruckt sehen. Sehr oft ist es so, dass es viel einfacher ist, mit professionellen Leuten zu diskutieren, als sich mit Amateuren oder – noch viel schlimmer – mit Möchtegern-Profis herumzuschlagen.

Hier noch zwei aktuelle Beispiele. Unsere Rubrik «Kopf der Woche» wird von vielen unserer Leserinnen und Leser sehr geschätzt. Einer der Gründe dafür ist, dass wir versuchen, die Personen wirklichkeitsnah zu porträtieren. Es soll kein PR-Gebrabbel sein. Aber immer wieder müssen wir leider feststellen, dass es Leute gibt, die dieses Gefäss gewissermassen als Selbstdarstellungsfläche, vulgo Anzeige – aber selbstverständlich gratis – sehen. Da machen wir nicht mit. Darum gibt es diese Woche auch keinen «Kopf der Woche». Gekippt haben wir ihn am frühen Mittwochmorgen.

Das Gegenbeispiel dazu ist mein Interview mit Urs Heller, dem Zeitschriftenchef von Ringier Schweiz. Ein interessantes Gespräch, pointierte Aussagen und eine professionelle Autorisierung. So sollte es sein, meine lieben Möchtegerns!

Allen wünsche ich eine fröhliche, entspannte Adventszeit.
Pierre C. Meier, Chefredaktor
[email protected]
 

More articles on the topic