Kolumne: Das Potenzial des Zweifelns
Anstatt das Imposter-Gefühl als Schwäche zu pathologisieren, sollten wir es als Zeichen für aktiven Wandel interpretieren. Es ist das Signal, dass wir gerade Veränderung anstossen und den Status Quo challengen.

Ende letzten Jahres erhielt ich eine Anfrage des Bundeszentrums für Kultur- und Kreativwirtschaft. Im Rahmen eines Kongresses sollte ein Panel mit dem Titel «Zukunft unternehmen – Creative Tech als Schlüssel für Wandel und Wachstum» veranstaltet werden. Der Staatsminister für Kultur und Medien würde anwesend sein, und man würde sich sehr freuen, mich als Panelteilnehmerin zu gewinnen. Meine erste Reaktion auf diese Anfrage war ein Gefühl, das ich nach vielen Jahren als Speakerin, Panelistin und Moderatorin eigentlich für überwunden gehalten hatte. Anstatt die Einladung als Bestätigung meiner Expertise zu lesen, begann ich nach dem Fehler im System zu suchen. Lag hier eine Verwechslung vor? War den Verantwortlichen wirklich bewusst, dass ich Inhaberin einer Werbeagentur bin? Natürlich lag keine Verwechslung vor. Der Paneltalk lief hervorragend, und ich durfte mich im Anschluss mit vielen Gästen austauschen, die, inspiriert von meinen Aussagen, das Gespräch suchten.
Ich war schlichtweg zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder mit einem Phänomen konfrontiert worden, dass als Imposter-Syndrom bezeichnet wird. Das Imposter-Syndrom, oder auch Hochstapler-Syndrom, beschreibt die Überzeugung, den eigenen Erfolg nicht verdient zu haben. Betroffene schreiben ihre Leistungen nicht der eigenen Kompetenz zu, sondern äusseren Faktoren wie Zufall, Glück oder Sympathie. Der Begriff wurde 1978 von den Psychologinnen Pauline Clance und Suzanne Imes geprägt, die beobachteten, dass gerade hochqualifizierte Frauen dazu neigten, ihre Erfolge äusseren Umständen zuzuschreiben, anstatt sie als eigene Kompetenz zu internalisieren. Sprache schafft Wirklichkeit. Die Prägung des Begriffs «Imposter-Syndrom» war ein wichtiger Schritt in der feministischen Forschung, denn er machte aus einem vermeintlich persönlichen Empfinden eine kollektive Realität. Doch so wertvoll die Forschung zu dieser Thematik war, so irreführend war die Wortwahl. Die Bezeichnung «Syndrom» impliziert eine klinische Störung, die so nicht existiert. Die Botschaft: Das Problem liegt bei dir. Du bist nicht selbstbewusst genug. Du musst an dir arbeiten.
Die aktuelle soziologische Forschung verschiebt die Perspektive vom Individuum zum System. Denn besonders bei Frauen und marginalisierten Gruppen ist das Empfinden, eine Hochstaplerin zu sein, oft die Reaktion auf fehlende Zugehörigkeit und die mangelnde Willkommenskultur eines Systems, das an alten Strukturen festhält. Wenn Personen sich in Räumen bewegen, die historisch nicht für sie entworfen wurden, spüren sie den Widerstand der Struktur. Wenn Vorbilder fehlen oder die eigene Kompetenz im Alltag ständig subtil hinterfragt wird, sind die daraus resultierenden Zweifel kein «Syndrom», sondern das Ergebnis eines jahrhundertealten Narrativs. Diese Reaktion als «Unsicherheit» zu definieren, ist eine Form des strukturellen Gaslightings. Es individualisiert ein Problem, das eigentlich in der Beschaffenheit unserer Gesellschaft liegt. Ich möchte daher eine weitere Perspektive vorschlagen: Vielleicht ist die Abwesenheit absoluter Selbstsicherheit gar kein Defizit, sondern genau das, was moderne Vorbilder brauchen.
Während unhinterfragte Selbstverständlichkeit oft Realitätsverlust nach sich zieht, führt Zweifel zu Reflektion und diese führt wiederum zu Empathie. Wer sich selbst hinterfragt, entwickelt ein feineres Gespür für die Barrieren, vor denen auch andere stehen und stellt sich bestenfalls die Frage, warum es eigentlich erstrebenswert sein soll, perfekt in ein veraltetes Raster zu passen.
Anstatt das Imposter-Gefühl also als Schwäche zu pathologisieren, sollten wir es als Zeichen für aktiven Wandel interpretieren. Es ist das Signal, dass wir gerade Veränderung anstossen, den Status Quo challengen und so den ersten, wichtigen Schritt gehen, um Räume inklusiver zu gestalten.
