Blüten und Perlen – die Kolumne. Diesmal: «Deng│lisch, das [Substantiv, Neutrum]»
Sarah Pally nimmt in ihrer Kolumne «Blüten und Perlen» die (Werbe-)Sprache unter die Lupe. Diesmal: Es ist die Zeit der ansteckenden Krankheiten. Gerade grassiert Denglisch wieder in öffentlichen Verkehrsmitteln, Bars, Büros und in Text- und Sprachnachrichten. Grundsätzlich sind Menschen jeden Alters und aller Bevölkerungsgruppen gefährdet.
Risikogruppen
Jüngere Personen, in akuten Gruppensituationen. Ältere Personen, die Jugend und Welterfahrung unter Beweis stellen wollen oder Berufsleute, die ihrem Bullshit eine internationale Note geben möchten. Desweiteren: Statusschwache, halbstarke Möchtegern-Gangsters.
Immunität
Kaum betroffen oder gar immun scheinen Personen mit tatsächlich englischsprachigem Hintergrund oder nach längerem Aufenthalt im angelsächsischen Raum zu sein. Forscher vermuten, dass die für diese Personen augenfällige Absurdität sie schützt und die Krankheit somit auf fruchtlosen Boden fällt (sog. Cringe-Faktor).
Symptomatik
Die Symptome beinhalten: So tun, als würde einem wirklich zu allem nur noch der viel coolere und offenbar treffendere englische Begriff einfallen. Deutsch wird als Fremdkörper wahrgenommen, es kommt mitunter zu Begriffsstutzigkeit, Begriffsfindungsstörungen, der fälschlicherweise englischen Aussprache von Deutschen Ausdrücken oder zu wörtlichen Übersetzungen von englischen Redewendungen. In Extremfällen: Kompletter Verlust des sprachlichen Geschmackssinns. Befallene auf ihre Krankheit aufmerksam zu machen kann zudem zu Aggressionen und Schulterzucken führen.
Varianten
Es sind mittlerweile neben dem klassischen Denglisch, bei dem englische Ausdrücke in Deutsche Sätze gestreut werden, verschiedene Varianten im Umlauf. Bei den «False Friends» werden als Ersatz für Deutsche ähnlich klingende Begriffe auf Englisch verwendet, die allerdings etwas anderes bedeuten. So wird «eventuell» durch «eventually» oder «bekommen» durch «become» ersetzt usw. Dieses Verhalten zieht die Befallenen ins Lächerliche und kann in Extremfällen zu sozialer Isolation führen. Eine ältere Variante sind die Pseudoanglizismen: Also Begriffe, die es im Englischen gar nicht gibt oder anders verstanden werden als im Denglischen. Zum Beispiel Home Office, Handy, Public Viewing. Diese Variante ist allerdings so verbreitet, dass sie nicht mehr als pathologisch gilt. Eine Variante, die vor allem arbeitstätige Bürogummis befällt, ist das Businessdenglisch: meetingscancellen, einander alignen oder einen Call vereinbaren sind hier gängige Beispiele und unterstreichen die Pseudowichtigkeit der Befallenen.
Ansteckung
Denglisch wird sowohl mündlich als auch schriftlich übertragen. Die Inkubationszeit bei Erstansteckung dauert von wenigen Minuten bis zu mehreren Monaten, je nach Exposition und Angleichungsdruck.
Verlauf und Prognose
Der Krankheitsverlauf ist schleichend. Anfangs tritt Denglisch eher in Stresssituationen auf – etwa wenn sich Betroffene besonders kompetent oder jugendlich geben wollen. Mit der Zeit manifestiert sich die Krankheit jedoch chronisch. Unbehandelt kann dies zu einem fortschreitenden Realitätsverlust führen, bei dem Infizierte überzeugt sind, ohne Anglizismen nicht mehr ernst genommen zu werden. Die Prognose ist gemischt: Während leichte Fälle stabil bleiben, kann es in schweren Fällen zu irreversibler Sprachverarmung kommen.
Heilung und Prävention
Eine Heilung gilt als weitestgehend unmöglich. Es wird daher auf krankheitsverzögernde Therapien zurückgegriffen. Dazu gehören bewusster Verzicht auch in stark kontaminierter Umgebung sowie regelmässige Einnahme von deutscher Literatur, um das Immunsystem aufrechtzuerhalten sowie Gespräche mit sprachfesten Personen und bewusste Beobachtung des eigenen Ausdrucks.
Ausblick
Expertinnen und Experten beobachten die weitere Ausbreitung mit Sorge, verweisen jedoch auf historische Parallelen: Jede Sprache durchläuft Angriffswellen, die früher oder später abebben. Ob dies auch bei Denglisch der Fall sein wird, bleibt offen. Derzeit deutet allerdings wenig auf ein baldiges Abklingen hin.

