Ein Pulitzer-Preis für die «Storm Lake Times»

Die Kolumne von Peter Jost, Chefredaktor der BZ Berner Zeitung und Publizistischer Leiter der Berner Oberland Medien AG, aus der Werbewoche 11/2017 vom 16. Juni 2017.

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Ende Mai wurden an der Columbia University in New York in einer feierlichen Zeremonie die Pulitzer-Preise 2017 überreicht. Auf dem Gruppenbild der Preisträger kann man Art Cullen erkennen – auch wenn er sich bescheiden in die letzte Reihe stellte.

Sie kennen Art Cullen nicht? Das ist gut möglich. Der 59-Jährige ist Reporter der Storm Lake Times, einer kleinen Lokalzeitung im US-Bundesstaat Iowa. Das Blatt gehört ihm gemeinsam mit seinem Bruder John. Zweimal die Woche werden gut 3000 Exemplare der Storm Lake Times gedruckt und an die Abonnenten der ländlichen Kleinstadt Storm Lake verteilt. So gut, so gewöhnlich.

Aussergewöhnlich ist hingegen, dass Art Cullen für seine Arbeit der Pulitzer-Preis, die wichtigste journalistische Auszeichnung überhaupt, verliehen wurde. Und zwar für seine Leitartikel, in denen er mit Vorliebe das Gebaren grosser Agrarkonzerne oder anderer Umweltsünder anprangert. Noch nie hat ein Journalist einer so kleinen Zeitung einen «Pulitzer» erhalten.

Interessanterweise waren in diesem Jahr auch andere kleine US-Zeitungen unter den Preisgewinnern: Die East Bay Times aus San Francisco, The Charleston Gazette-Mail oder The Salt Lake Tribune. Doch dies darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Lokaljournalismus in den USA in der wohl grössten Krise seiner Geschichte steckt. Und das nicht erst seit der überraschenden Wahl von Donald Trump zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten. Alle wichtigen Kennzahlen zeigen einen stark negativen Trend. Die Lage ist derart ernst, dass die Columbia Journalism Review, eine der wichtigsten Publikationen zu Journalismus überhaupt, dem Lokaljournalismus in den USA kürzlich eine ganze Ausgabe widmete. Gewiss, auch in der Schweiz sinken Auflagen und Werbeeinnahmen von Zeitungen. Lokal- und Regionalzeitungen halten sich aber in der Regel deutlich besser als nationale Titel. In den USA leiden die lokalen Zeitungen besonders stark. «Irgendwann war Lokaljournalismus nicht mehr cool», schrieb der Autor Michael Oreskes in einem flammenden Appell, «kehren wir zurück zu den Wurzeln des Journalismus.»

Dabei war der Lokaljournalismus in den USA einst stark verankert und angesehen. Zunächst übernahmen die Zeitungen alleine diesen Part, später wurden sie in ihrer Arbeit von lokalen Radio- und TV-Stationen sekundiert. Doch über die Jahre hat der Journalismus in den USA den lokalen Fokus verloren. Das hat mit dem digitalen Wandel zu tun und mit der Tatsache, dass Innovation (und die damit verbundenen Investitionen) vor allem auf nationaler Ebene geschahen.

Gleichzeitig wurden in der Lokalberichterstattung Hunderte von Jobs gestrichen. «Die Desinvestitionen im Lokaljournalismus waren im letzten Jahrzehnt das dominante Thema in der Medienbranche», hielt der Medienanalyst und Buchautor Ken Doctor fest. Doch die negative Entwicklung setzt sich auch auf nationaler Ebene fort. Während die lokalen Newsrooms ausgedünnt wurden, nahm die Zahl der Journalisten in Washington zwar zu. Ihre Arbeitsweise hat sich aber verändert. Die meisten dieser Journalisten arbeiten für digitale Plattformen, die ein Nischenpublikum bedienen. Dieses bezahlt dafür, dass es über die Auswirkungen der Regierungsarbeit auf seine Branche auf dem Laufenden gehalten wird. Die Zahl der Korrespondenten traditioneller Lokalzeitungen sank hingegen um die Hälfte. Wer staunt da noch darüber, dass sich die Leute in Kansas, Nebraska oder Nevada von der Regierungsarbeit abgehängt fühlen? Die traditionellen Medien haben ihren Teil zu dieser Entwicklung beigetragen.

Alles schlecht also? Vieles vielleicht, aber nicht alles. Smarte Köpfe versuchen in den USA, aus den Fehlern der traditionellen Medien Kapital zu schlagen. Sie wittern ein Geschäft. Start-ups lancieren neue digitale Plattformen für lokale News, träumen von nationalen Netzwerken. Lokalradios haben ihr Personal im Digitalbereich deutlich ausgebaut. Die Radios profitieren insbesondere von der Tatsache, dass sie über digitale Plattformen ihre Hörerschaft besser in die Berichterstattung mit einbeziehen können.

Und da gibt es noch die mächtigen Digitalkonzerne wie Google oder Facebook, die an vorderster Front mitgeholfen haben, das traditionelle Geschäftsmodell der Medienbranche zu zerstören. Dass sich Google, Facebook & Co. allmählich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst zu werden scheinen, lässt aufhorchen. «Starke Medien sind wesentlich für eine informierte Gesellschaft», schrieb Facebook-Gründer Mark Zuckerberg kürzlich in einem offenen Brief. «Den Menschen eine Stimme zu geben, ist nicht genug. Wir müssen die Medien dabei unterstützen, ihre gesellschaftliche Funktion wahrzunehmen. Mit mehr lokalen News, der Entwicklung neuer Formate für mobile Geräte bis hin zu neuen Geschäftsmodellen.» Nicht nur in den USA wird man aufmerksam beobachten, wie Facebook diesen schönen Worten Taten folgen lässt.

Aber nun genug Kulturpessimismus. Schliesslich ist noch nicht alles verloren, solange der Reporter einer kleinen Lokalzeitung einen Pulitzer-Preis gewinnen kann. Und damit zurück zu Art Cullen, dem Pulitzer-Preisträger aus Storm Lake, Iowa. Dieser Art Cullen reagierte auf die Verleihung des Preises mit grösstmöglicher Coolness. «Wir haben immer darauf hingearbeitet, dass unsere Artikel zu Storm Lake genauso gut werden wie jene der New York Times zu New York», sagte Cullen in einem Interview. «Schliesslich gibt es keinen Grund dafür, warum ein Leitartikel aus Iowa nicht genauso gut sein sollte wie einer, der in Washington geschrieben wurde.»

Recht hat der Mann.

Peter Jost ist Chefredaktor der BZ Berner Zeitung und Publizistischer Leiter der Berner Oberland Medien AG. Von Mai bis September 2017 absolviert der 42-Jährige eine Weiterbildung in Datenjournalismus an der Columbia University in New York. Die BZ Berner Zeitung gehört mit einer Auflage von rund 100 000 Exemplaren zu den grössten Schweizer Tageszeitungen. Die Reichweite wird zusammen mit dem Bund angegeben, der ebenfalls zum Verlagshaus Tamedia gehört. Die beiden Berner Tageszeitungen erreichen täglich 339 000 Leserinnen und Leser.

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