Wrages Agentur zur Förderung der kreativen Kräfte
Nach 20 Jahren in internationalen Werbeagenturen will Folker Wrage ein eigenes Beratungsunternehmen gründen. Seine Wrage/Antwort will Unternehmen helfen, kreative Antworten auf unternehmerische Herausforderungen zu finden.

In den letzten Jahren war seine Tätigkeit grossenteils von Change-Management-Projekten gekennzeichnet. Zuletzt hat Folker Wrage bis August 2013 etwas mehr als ein Jahr in Istanbul die dortige McCann Erickson wieder «von fast null auf 100» gebracht. Wrages Antworten auf eine Veränderung waren auch gefragt, als McCann Erickson in Zürich Ende 2010 sich wieder besser aufstellen wollte. Sein Change-Management befand sich bereits auf gutem Wege, als das Headquarter in Frankfurt den Verlust vom weltweiten Etat für Opel vermelden musste. In Zürich war das die Hälfte des Geschäfts. Als Folge wurde im Frühjahr 2012 die Schweizer Filiale geschlossen. «Eine Fehlentscheidung», wie Folker Wrage auch heute noch überzeugt ist.
Für ihn wurde es dennoch zur guten Fügung. «Ohne meine danach folgende Versetzung von Zürich nach Istanbul hätte ich wohl kaum noch einmal ein Studium aufgenommen.» Bei den Kreativen am Bosporus hat Folker Wrage nämlich seine Erlebnisse in einen Case an der renommierten Berlin School of Creative Leadership einfliessen lassen und damit seinen MBA erlangt. Das Thema seiner Masterarbeit lautete «U-Turn – How To Turn An Agency Around In 12 Months».
Als die Türken wieder selbstständig funktionieren konnten, war auch für Folker Wrage der Mut zur Selbstständigkeit die nächste logische Entwicklung.
Seine Neugründung Wrage/Antwort operiert seit Dezember 2013 von Zürich aus und bietet Unternehmen unterschiedliche Beratungsformate. Eines der Kernangebote ist die Kombination von Interim und Change-Management mit dem Ziel, Übergangszeiten in der Geschäftsführung zu nutzen, um wichtige Veränderungen im Unternehmen in Angriff zu nehmen. Aber auch bei kürzeren Analyse-Mandaten wird eine Einbindung in den Arbeitsprozess angestrebt. «Meine Grundlage hierfür ist die Überzeugung, dass Unternehmen nach vielen Runden von Kosteneinsparungen und Effizienzsteigerungen zunehmend darauf angewiesen sein werden, kreative Potenziale im Unternehmen besser zu nutzen und zu fördern, um sich vom Wettbewerb abzuheben. Dies gilt nicht nur für die Kommunikation und die Produktentwicklung, sondern auch für alle anderen Bereiche des Unternehmens.»
Kreatives Potenzial entdecken
Das Angebot richtet sich primär an Unternehmen der Kreativindustrie, ist aber ausdrücklich nicht auf diese beschränkt. Derzeit führt Wrage Gespräche mit seinem bisherigen Arbeitgeber McCann und hat im Kundenportfolio bereits verschiedene Projekte für die Schweizer Niederlassung einer internationalen Brauerei.
Mögliche Antworten könnte Wrage auch finden, wenn zum Beispiel eine Agentur oder ein Unternehmen daran schwächelt, dass die Kreativität, welche in diesem Unternehmen vorhanden ist, nicht richtig in das Produkt hineintransferiert werden kann. «Wir wickeln zu sehr ab und kommen mit unserer Kreativität nicht voran», wäre dann die Klage. Auch gibt es nach Wrages Einschätzung immer noch viele Agenturen, welche die digitale Herausforderung noch nicht optimal – organisatorisch und strategisch – in ihre eher klassisch orientierte Aufstellung hineinbringen können. «Das ist dann eine Frage von Strukturen und Arbeitsabläufen. Mein Beitrag kann dabei strategisch sein oder taktisch – und immer sehr nah am kreativen Arbeiten», erklärt Wrage, der auf mehr als 20 Jahre Erfahrung in verschiedenen Agenturen zurückblicken kann.
Angefangen hat Folker Wrage mit einem Psychologiestudium. Darum herum hat er auch fünf Jahre als Flugbegleiter gearbeitet. «Das ist aber kein Beruf, den man sein ganzes Leben lang machen möchte. So kam die Frage: Wie kann ich meinen Kopf etwas mehr fordern?» Die Antwort fand Wrage im Schreiben. Der Musikkenner, der in seiner Freizeit noch heute regelmässig als DJ auflegt, wurde Chefredakteur für ein Frankfurter Szeneblatt. Dort hat er vor allem Plattenkritiken verfasst. Und weil er einen Creativ Director bei Ogilvy One kannte, durfte der Kulturjournalist gelegentlich auch kleine Jobs als freier Texter übernehmen. Weil seine Arbeit gefiel, bekam Wrage schliesslich die Anfrage, ob er nicht hundertprozentig in die Werbung einsteigen wolle. So entwickelte sich der DJ in nur zehn Jahren vom Junior-Texter über den CD zum Executive Creative Director bei Ogilvy One.
2003 wechselte Wrage als CD zu Leo Burnett in Frankfurt. 2006 folgte in der gleichen Stadt die gleiche Verantwortung bei Saatchi & Saatchi. 2008 folgte schliesslich der Ruf nach Zürich. Bei Publicis Dialog wartet die Aufgabe, die Integration von Fisch. Meier.Direct auf möglichst kreative Art und Weise voranzutreiben.
Nach der Feuerwehrübung bei McCann Zürich wurde wie erwähnt dem in Zürich nicht mehr benötigten Troubleshooter als Ersatz eine noch schwierigere Aufgabe innerhalb des Netzwerkes in Istanbul angeboten. «Ich wusste nicht genau, was mich dort erwartete. Aber nach einem ganzen Tag mit Gesprächen in der Agentur und einem türkischen Nachtessen mit dem neuen CEO schaute ich diesem in die Augen und wusste: Hier wartet eine Herausforderung – aber auch eine Chance.» Drei Wochen später ist Folker Wrage nach Istanbul gezügelt.
Die McCann am Schnittpunkt zwischen Europa und dem Orient «war de facto am Boden, motivatorisch und geschäftsmässig». Man hatte ohne eigenes Verschulden zwei internationale Kunden verloren. Deshalb mussten viele Mitarbeitende entlassen werden. Die Chef-Kreativen sind aus eigenem Antrieb gegangen. Auch der Chief Marketing Officer hatte gekündigt. «Es war ein Scherbenhaufen. Aber ich habe mich bemüht, unter den Verbliebenen die Leute zu finden, die ich noch einmal motivieren konnte, um eine Veränderung zu bewirken. Dann haben wir sehr schnell Entscheidungen getroffen, die zum einen die Strukturen betrafen, weil die Führung ja komplett weg war. Zum anderen wollte ich auch eine neue Positionierung der Agentur. Mir war schnell klar, dass wir ein digitales Angebot schaffen mussten, das kreativ sichtbar und hochwertig ist. Ansonsten haben wir keine Chance im Markt und können uns nicht differenzieren.»
Bereits nach drei Monaten war es wieder so weit: Aus der Kreation, «die ohne jeden Stolz und Selbstbewusstsein dastand», konnte der Change Manager wieder eine «aktive, moderne und fröhlich arbeitende Abteilung machen». Es war auch ein bisschen Glück dabei. «Wir haben sehr schnell einen grossen Kunden gewonnen. Damit ist auch das Vertrauen mir gegenüber sehr schnell gewachsen.»
Entwicklung in verschiedene Richtungen
Im Herbst 2013 ist Folker Wrage aus Istanbul wieder in sein stilvoll umgebautes Bauernhaus in der Nähe von Dübendorf zurückgekehrt. Hier konnte er dann in Ruhe die letzten Zeilen für seine Masterarbeit an der Berlin School of Creative Leadership in den Computer tippen.
Die Idee für eine solche Zusatzausbildung hat allerdings schon lange vor Istanbul in seinem Kopf geschlummert. «Irgendwann, wenn man in den Kreationsagenturen dieser Welt bis in den leitenden Posten aufgestiegen ist, hat man zwei Möglichkeiten: Man findet es super und ist mit dem Erreichten zufrieden. Oder – und das war bei mir der Fall – man möchte mehr Verantwortung übernehmen als rein die kreative Abteilung.» Die meisten Agenturen seien heute immer noch so organisiert, «dass selbst ein CCO immer noch als CD gesehen wird und weniger als ein Mitgeschäftsführer».
Folker Wrage war aber viel zu sehr interessiert daran, ein Unternehmen auch führen und prägen zu können, als auf diesen klassischen CD-Posten reduziert zu werden. «Mit einem MBA wird das mehr anerkannt.» Mit seiner internationalen Vergangenheit in mehreren Agenturen und jetzt noch diesem Abschluss erwartet Folker Wrage als Unternehmensberater und Coach, dass zumindest in einer ersten Phase vor allem Werbeagenturen an seinen Diensten interessiert sind. Die «Antworten» sollen aber nicht nur für reine Werber gelten, sondern für alle Firmen, in denen nach kreativen Lösungen gesucht werden muss. «Viele Unternehmen sind heute viel zu sehr auf effizient getrimmt und kleingeschrumpft worden: Wie wollen sich die noch verbessern? Die stehen extrem unter Druck. Die Leute sind überarbeitet und kaum motiviert. Kurz: Man hat kaum mehr Zeit für eine Extrarunde. In einem solchen Fall sehe ich es als meinen Job, diesem Betrieb wieder eine kreativere Sicht auf die Art und Weise zu ermöglichen, wie man arbeitet und wie man auch strukturiert ist.» Folker Wrage ist überzeugt, dass es in jedem Unternehmen mehr kreatives Potenzial gibt, als das Unternehmen vermutet «und das will ich nutzbar machen». Auf welche Art und Weise und in welchen Bereichen, muss vorher gar nicht gross definiert werden. «Das kommt in einem Gespräch mit dem Kunden automatisch heraus. Die merken, dass sie mehr könnten und dann gehen wir gemeinsam ran und schauen, wo und wie. Modelle gibt es immer.»
atürlich hat Wrage mit seinem Background in Deutschland auch darüber nachgedacht, dass er seine Selbstständigkeit anderswo als in Zürich starten könnte. Er will international arbeiten und eben ist ein längerer Artikel «Shut Up And Play Your Guitar – Why Creativity Needs To Take Over» von ihm im amerikanischen Magazin Forbes erschienen.
Der Deutsche findet sich in der Schweiz aber sehr gut aufgehoben, auch nach der Entscheidung der letzten Abstimmung. «Die Schweiz ist ein internationaler Ort. Ich kann von hier aus gut auch für Deutschland und Osteuropa arbeiten.» Zudem: Auch seine Frau Constantine, die während Wrages Türkei-Abstecher die gemeinsame Wohnung in Dübendorf «gehütet» hat, steckt hier mitten in zahlreichen Arbeiten. Als freie Produzentin arbeitet sie für verschiedene Werbeagenturen und hat soeben den neuen Spot für die Credit Suisse mit Roger Federer und «Bonviva» realisiert. «Eine riesen Kiste», wie sich der Gatte stolz zeigt. Auch er lässt sich gelegentlich von Constantine bei der Organisation seiner Projekte beraten. Eine gemeinsame Agentur ist aber – zumindest vorderhand – kein Ziel.
Wrage/Antwort ist vor allem um die Erfahrung seines kreativen Kopfes gebaut und wird mit einem «spannenden und vielfältigen Netzwerk» arbeiten. Auch für die Kommunikation seiner neuen Dienste vertraut Wrage auf dieses Netz. Erarbeitet hat er sich dieses auch als Jurymitglied bei verschiedenen Wettbewerben wie Cannes Lions, New York Festival, John Caples Award, Golden Drum sowie als Speaker an verschiedenen Summits. In diesem März referiert Wrage an einem Weltkongress der Druckindustrie über Change-Management. Im Mai ist er in Prag an einem Workshop zur Frage: «Wie kann ich mein Unternehmen kreativer machen?» Der Agenturgründer ist überzeugt: «Durch solche Präsenz und das Vermitteln von Inhalten und Ideen entwickelt sich der Aufbau meines Geschäfts von ganz alleine.»
Auf die Frage, ob Wrage/Antwort vielleicht eines Tages sogar in die Richtung einer «richtigen» Werbeagentur führen könnte, möchte der vielseitige Berater «alle Möglichkeiten offen lassen». Viele Leute in Zürich, mit denen er gearbeitet hat, würden gerne wieder mit Folker Wrage in einer Agentur arbeiten. Aber: «Was aus Wrage/Antwort wird, lasse ich gerne offen. Ich finde es spannender, jetzt etwas hinzustellen, von dem ich überzeugt bin. Und dann zu sehen, wie die Leute darauf reagieren. Ich vergleiche das mit dem Prototyping, das man eigentlich eher aus dem Produktdesign kennt. Das ist einer der Grundsätze, mit denen ich an den Start gegangen bin: mit einem Business-Modell, dass sich während der Entwicklung des Unternehmens immer wieder anpasst und verschiedene Phasen und Veränderungsstufen durchläuft.»
Andreas Panzeri

