Zur Sache: Bahnhofsvorstand

Jacques Pilet, Gründer und ehemaliger Chefredaktor von Le Nouveau Quotidien und L’Hebdo, äusserte diese Woche in einem Interview mit bazonline.ch Gedanken, die uns Journalisten zu denken geben müssten.

«Wir sollten uns fragen, ob wir unser Handwerk noch richtig verstehen. Sind wir noch auf der Höhe? Sind wir noch in der Lage zu überraschen? Ich bin mir da nicht so sicher. Wir sind oft zu nahe bei den politisch Verantwortlichen. Wir haben angefangen, die gleiche Sprache zu sprechen wie sie. Die Politik hat die Medien vollständig in Beschlag genommen. Wir verhalten uns wie Bahnhofsvorsteher. Wir fragen X und Y und wir schreiben, was sie sagen. Wir fragen Meinungen ab, so wie der Bahnhofsvorsteher Züge durchwinkt. Damit machen wir zwar niemanden mehr wütend, aber wir begeistern auch keinen mehr.» Jacques Pilet redet hier vom politischen Journalismus, aber meiner Ansicht nach gilt es für alle Bereiche und alle Medien. Eine Armada von Kommunikationsverhinderern achtet darauf, dass nur das publiziert wird, was in unzähligen Konferenzen abgesegnet wurde. Und was kommt dann raus? Weichgespülte, langweilige Geschichten, die keinen interessieren und die notabene auch keiner liest. Wer meint, dass wir als Fachmedium dieses Problem nicht haben, der irrt. Unzählige Diskussionen müssen ständig geführt werden, um den eigenen Text zu verteidigen. In vorauseilendem Gehorsam möchte der Befragte oder Interviewpartner all das streichen oder zumindest abschwächen, was einem Text oder einem Titel ein bisschen Pep geben würde. Wenn dann schliesslich noch der PR-Heini draufguckt, dann gute Nacht.

Unsere Leser sind in den meisten Fällen ja Kommunikationsspezialisten. Sie müssten also eigentlich wissen, wie gute Kommunikation funktioniert. Eine solche muss überraschend und interessant sein und (ganz wichtig!) sie muss zum Lesen animieren. Sonst kann sie nichts bewirken. Ist ja logisch. Aber ohalätz! Sobald es um die eigene Kommunikation, die eigene Firma oder das eigene Produkt geht, dann tönt die Sache ganz anders. «Könnte man dies nicht positiver formulieren?» oder «ich möchte diesen Satz lieber weglassen».

Das erinnert mich an meine Werbervergangenheit, wo irgendein Junior Product Manager eine Idee zwar «eigentlich toll» fand, aber gleichzeitig forderte, dass das Logo mindestens doppelt so gross sein müsste und der ganze Text positiver rüberkommen sollte. Mit dem Erfolg, dass eine gute Idee gekillt wurde.

Ich sehe mich heute nicht als Bahnhofsvorstand, der die Züge durchwinkt, ich zeige auch mal die rote Kelle.

Pierre C. Meier, Chefredaktor
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