Aufgespiesst: Sex wird überschätzt – Lauch auch
Anne-Friederike Heinrich, freie Mitarbeiterin der Werbewoche, über Gemüse und Grün-Guerilla.
Als ich das las, dachte ich zunächst an einen verspäteten Aprilscherz – und an Kriegszustand: «Zürich pflanzt Gemüse auf Verkehrsinseln an.» Doch iwo, die Sache ist ganz ernst gemeint. Um Geld zu sparen, plant die Stadt Zürich, ab 2014 auf öffentlichen Grünflächen wie Verkehrsinseln oder an Tram- Endhaltestellen Gemüse statt Blumen anzubauen. Wer also um- oder aussteigt, dessen Auge erfreuen in Bälde nicht mehr Stiefmutter und Akelei, sondern Lauch und Fenchel. Vorbei die Zeiten des verhassten Döner-Verzehrs im Tram, jetzt werden überall Rüebli geknabbert. Und was im Coop pronto nicht mehr vorrätig war, kann man sich getrost auch an der Tramstation pflücken.
So hat jeder was davon und die Stadt kann pro Jahr bis zu 10 000 Franken sparen. Dass die Gemüse-Inseln kein Scherz sind, bestätigt Lukas Handschin, Sprecher von Grün Stadt Zürich. Wurzel des Konzepts ist die Forderung der SP nach der «essbaren Stadt». In diesem Rahmen, so verlautet aus gut informierten Kreisen, soll bald auch das Grossmünster aus Lebkuchen nachgebacken werden. Quasi als Knusperhäuschen für die Weihnachtszeit. Wenn alle davon naschen, ist das gleich auch noch gelebte Ökumene. Aber Spass beiseite. Denn der Gemeinderat hat die Minestrone bereits durchgewunken und nächstes Jahr macht Zürich ernst. Überall Krautstiel, Randen, Peterli. Und Lauch auch.
Schweine am Central
Nach einer Woche Nachdenken bin ich noch immer hin und her gerissen, ob ich das «Urban Farming» einfallsreich, lustig oder peinlich finde. Alle Familien würden sich natürlich freuen, wenn das Konzept konsequent durchgezogen würde. Das hiesse, auch kleine Käfige mit Häschen und Schweinchen auf den Inseln zu verteilen. Und hier und da ein Pferd. Und vielleicht würde Alex Rübel auch noch ein paar Flughunde aus seiner Masoala-Halle beisteuern. Quasi als Symbol für die Greater Zurich Area, man denkt dieserorts ja international. Erst dann wäre es eine runde Sache. Also, Sie merken schon, ich tendiere eher zum Prädikat «peinlich».
Wenn die Stadtzürcher Gemüseinvasion nun aber eine Guerilla-Werbeaktion wäre, zum Beispiel für den Zürcher Bauernverband, das pferdefleischfreie Biogemüse von Coop, das Tibits oder den Zürcher Engrosmarkt – das wäre natürlich ein Knaller. Vielleicht schafft es ja die eine oder andere Werbeagentur, bis 2014 für einen experimentierfreudigen Kunden auf die Idee aufzusitzen und eine Kampagne daran zu knüpfen, an die man sich noch nach Jahren erinnert: «Ach, das waren doch die mit dem Gemüse in der ganzen Stadt …» Vegetarian Branding wäre ja mal etwas Neues.
Schadstoffe in Kraut und Rüben
Allerdings, Bedenken sind schon angebracht. Die grüne Stadträtin Ruth Genner warnt vor dem Gemüse auf städtischen Rabatten. Denn die Verkehrsinseln seien oft an Strassen (ach so!), was das Gemüse wegen der hohen Schadstoffbelastung ungeniessbar mache. Zu bedenken wäre überdies: Unerkannter Gen-Mais könnte ÖV-Nutzer und Autofahrer anfallen, was wieder die Gesundheitskosten in die Höhe triebe. Darum verlasse ich mich lieber auf die Einschätzung meiner Lieblings-a-cappella-Band «basta» aus Deutschland: «Sex wird überschätzt – Lauch auch.» (www.youtube.com/watch?v=UbkSgsk40mo) Und halte von Gemüse vor allem eines: Abstand.
