Affentheater mit Neandertalern

Anne-Friederike Heinrich, freie Mitarbeiterin der Werbewoche, über einfallsreiche Werbesujets, die leider nicht richtig funktionieren.

In Zürich gehören sie zum Strassenbild: Neandertaler in Gucci, Armani oder Boss. Sie halten ihren Mitmenschen nie die Tür auf, drücken sich vor der Mutter mit Kinderwagen in den einzigen freien Lift und essen nicht selten, als kämen sie direkt aus dem Zoo. Bereift kommen sie gerne im schwarzen Porsche Cayenne daher. Zu schnell natürlich. Mir entflutscht angesichts dieser Spezies meist ein wütendes «A…ff!». Oft mit der Vorsilbe «Banker-». Was natürlich undifferenziert ist, denn häufig sind diese Typen gar keine Geldschieber, sondern einfach Sonstwas-Manager oder andere Wichtigtuer aus irgendwelchen Teppichetagen.

Vermögende Urviecher

Mit einem solchen Affen, oder präziser: Neandertaler, wirbt derzeit das «VZ VermögensZentrum». Der stark behaarte Urmensch sitzt im Massanzug mit diagonal gestreifter Krawatte und Zigarre vor Kaffee und Cognac und starrt glasig in die Ferne. Vermutlich in der Hoffnung auf grössere Gewinnausschüttungen. Zwei weitere Sujets zeigen zwei andere Neandertaler, den einen am Chefschreibtisch hinter einer Zeitung, den anderen in Sinnierpose im Ledersessel. Kleidung und Umgebung der drei Wesen muten kultiviert an, doch an Körper, Hirn und Seele sind alle drei nur Urviecher, besser geeignet zum Hirschejagen und Uga-uga-Rufen, als für grössere Deals mit ziemlich viel Zaster. Genau wie die benimmfreien Herrschaften von der Bahnhofstrasse.

Dicht daneben ist auch vorbei

Unter den Sujets steht eine Menge Text, weiss auf anzugfarbenem Hintergrund. In diesem Buchstabengewusel fällt am ehesten das Logo des VZ VermögensZentrums auf, der Rest geht erst einmal unter. Uppps. Der Zeitungsleser sieht: Einen Neandertaler, der ziemlich dusselig dreinschaut, und darunter das Logo der Vermögensverwaltung. Die erste Reaktion, wenigstens meine: «Ach schau, jetzt zeigen die als Werbung ihren CEO!» Klischee bestätigt, weitergeblättert. Übler Schuss nach hinten. So werden wohl viele Rezipienten reagieren. Als Schreiberling der Werbewoche blättert man in einem solchen Fall natürlich noch einmal zurück und schaut genau hin: Was wollen uns die Banker-Affen eigentlich sagen? Dass Selbsterkenntnis der erste Weg zur Besserung ist? Dass sie in Zukunft beim Essen beide Hände auf den Tisch legen werden, statt einen Arm neben den Teller und den anderen in den Schoss?

Die Suche nach der Botschaft

Worum es hier geht, erklärt ein wirklich gutes Sätzchen unter jedem Sujet: «Erfolgreiche Anleger verlassen sich nicht auf ihre Urinstinkte.» Das ist erst einmal beruhigend. Und in Kombination mit dem Neandertaler-Bild bestechend pointiert und dabei auch noch komisch. Humor, wenns um richtig viel Geld geht – das ist mutig. Bravo Ruf Lanz. Warum aber steht dieser Satz nicht gross über dem Bild?! Oder wenigstens gross darunter. Das bisschen Fettdruck rettet die Sache leider nicht. Denn es dauert zu lange, bis man den Sinn dieses Inserats kapiert. Die Kernbotschaft geht unter. Hängen bleibt: Banker sind Affen und verhalten sich wie Neandertaler. Und sehen dabei nicht einmal gut aus. Das wussten wir ja schon. Werbung, die erst beim zweiten Hinschauen funktioniert, funktioniert gar nicht. Jedenfalls nicht bei einer Zielgruppe, für die Zeit Geld und Geld das Wichtigste überhaupt ist. Die hat nämlich keine Minute übrig, mal genauer hinzuschauen. Schade eigentlich.

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