Aufgespiesst: Von Negerlein und Zitronenköpfen
Anne-Friederike Heinrich, freie Mitarbeiterin der Werbewoche, über absurden Wörter-Rassismus.
Warum war es so schön, Kind zu sein? Die Sommer waren endlos, denn Uhr und Agenda interessierten nicht. Es war egal, wenn die Stiefel voll Wasser standen oder die Handschuhe durchweicht an den Händen klebten. Klatschnasse Füsse. Tiefgefrorene Finger. Rote Nase. Und vor Eifer glühende Wangen. Einfach Kind sein.
Das war aber nicht alles Gute. Zur Herrlichkeit meines Kindseins gehörten auch zehn kleine Negerlein, ein Negerkönig, Zitronenköpfe, Ober- und Unterbonzen, Kasperl und Seppel, ein kohlpechrabenschwarzer Mohr und der Zappel-Philipp – die ich alle innig geliebt habe. Heute darf es diese lieben Leut’ nicht mehr geben: Denn Neger sagt man nicht, das ist rassistisch, Zitronenköpfe noch rassistischer, Ober- und Unterbonzen wollen eben diese Herrschaften nicht mehr genannt werden (vor allem nicht Unter-), wer ein Kasperl ist, ist ein Seppel, also ein Depp, und das sagt man auch nicht, Mohr – oh, kein Kommentar, und Zappel-Philipps sind im 21. Jahrhundert zu Patienten mit ADHS-Diagnose degeneriert. Leider schleckt man heute auch keine Mohrenköpfe mehr, sondern Schokoküsse – denen man ihre Klebrigkeit schon anhört. Ungeniessbar.
Spontane Sprachübelkeit
Nun sorgt auch noch der Stuttgarter Thienemann- Verlag dafür, dass dem Sprachliebhaber der Appetit vergeht. Der Verlag hält die Rechte an Otfried Preusslers Kinderbuchklassiker «Die kleine Hexe» und bekommt wegen Negern im Schnee kalte Füsse. Der Satz «Wie kamen die beiden Negerlein auf die verschneite Dorfstrasse?» steht in Preusslers Werk. Huch! Vor 56 Jahren liess Preussler Kinder sich als Neger verkleiden, ausserdem als Türken und Chinesinnen. 56 Jahre sind genug, findet Klaus Willberg vom Thienemann- Verlag. Denn Neger, Türke und Chinesin sagt man nicht. Andere Figuren sollen auf Preusslers Dorfstrasse spielen. Zum Beispiel Indianer, Zigeuner oder Eskimos? Moment, natürlich American Natives, Fahrende und Inuit. Klingt bescheuert? Sollten doch besser Afrikaner oder Schwarze im Schnee stehen? Klingt auch bescheuert. Und ist nicht weniger schwarz-weiss. Negerlein sind eben doch nicht so schlecht.
Unheil kommt selten allein
Auch Michael Endes «Jim Knopf» wird von Thienemann verlegt. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis sich Endes Erben den Kopf darüber zerbrechen müssen, wie sie in Zukunft heissen könnten, meine geliebten Ober- und Unterbonzen, der Negerbub Jim Knopf und die «gäggeligelen Zitronechöpf», wie es ganz herrlich in der Dialektfassung von 1970 heisst. Aber können Sie sich die Geschichte aus Lummerland voller CEO und CFO, voller Asiaten mit gelblicher Haut und einem Protagonisten afrikanischer Abstammung vorstellen? Oh Mann! Auch Heinrich Hoffmann, Papa von Struwwelpeter, kann selig sein, dass er von diesem Sprach-Theater nichts mehr mitbekommt. «Es ging spazieren vor dem Tor/ein kohlpechrabenschwarzer Mohr.» Jetzt reimen Sie das mal auf «Schwarzer» nach. Merken Sie was?
Das grosse Missverständnis
Das Schwert der Hüter des heiligen Anti-Rassismus- Grals trifft aber nicht nur die Alten. Selbst Axel Hacke, der 2004 «Der weisse Neger Wumbaba» veröffentlichte, wird als Rassist angeprangert. Vor allem von Menschen, die sein Buch nicht gelesen haben. Denn dort geht es nicht etwa um einen Afrikaner, der als Neger beschimpft würde, sondern um missverstandene Liedtexte. Der Titel spielt auf Claudius’ Abendlied «Der Mond ist aufgegangen» an. Die letzte Zeile der ersten Strophe «der weisse Nebel wunderbar» wurde eben als «der weisse Neger Wumbaba» missverstanden. Was eigentlich ziemlich witzig ist. Aber was ich nicht weiss, macht mich schwarz. Und wütend. Mit Marketeraugen gesehen hat der Neger-Streit auch ein Gutes: «Solange ich Neger sage, bleibt die Kamera bei mir», brachte es Ueli Maurer in der Weltwoche auf den Punkt. Aber mal im Ernst: Es kann doch nicht sein, dass Wörter einfach verboten werden, weil sie missbraucht werden könnten. Dann dürfte man auch keine Küchenmesser mehr verkaufen. Oder Schraubenzieher. Ob der Gebrauch bestimmter Wörter geschmacklos oder rassistisch ist, kommt auf den Zusammenhang an. Man darf denkenden Lesern und Verlegern wohl zumuten, diesen mitzubetrachten. Oder ein wenig mehr wie ein Kind zu lesen. Sonst sehe ich für die deutsche Sprache nur eines: schwarz.
