Köpfe der Woche – Das Entwicklungs-Labor
Das Langnauer Geschwistertrio Annina, Lukas und Niklaus Mettler haben in Zürich gemeinsam eine Agentur für Grafik und Design gegründet. Mettler Mettler + Mettler bietet Ästhetik und Strategie für Corporate Design, Interior Design, Editorial Design und Kommunikation.
Eine Arbeitsteilung? Nein, das kennen sie nicht. «Ein Projekt teilt sich nach Erfahrung auf», meint Lukas, der am meisten Agentur-Erfahrung in das Trio einbringen kann. Annina ist die Spezialistin für Editorial Design. Niklaus ist am ehesten als Illustrator zu fixieren. «Beim Beginn eines Projekts, wenn es um das Konzept geht, da reden alle zusammen mit», erklärt er. Und Annina ergänzt: «Bei drei Leuten ist die Organisation sehr einfach. Dadurch sind wir agil und können Projekte von Anfang bis am Schluss individuell begleiten.»
Dass die drei einmal zusammen arbeiten wollen, war schon lange ein Traum.» Geweckt wurde dieser bereits im Elternhaus im Emmental. Ihr Vater Reto Mettler wirkte als Kurator verschiedener Kunstausstellungen und Festivals und arbeitet nach wie vor in Langnau als selbständiger Grafiker. Von ihm haben die Jungunternehmer viel lernen können. Das Atelier des Vaters, unzählige Reisen entlang kunsthistorisch interessanter Bauten und Besuche von Kunstausstellungen gehörten zum Familienleben und haben das Trio geprägt. An Geburtstagen haben die Kinder für ihre Mutter, die als Leiterin der Komplementärmedizin des Spitals Langnau mehr für die charakterliche Bildung der Geschwister verantwortlich war, jeweils aufwendige «Kunstwerke» gebastelt. Heute bilden diese gemeinsamen Erfahrungen den Grundstein ihrer Agentur. Umso mehr nimmt der Vater «sehr Anteil an unseren Ideen und freut sich natürlich über den Erfolg». Die Entwicklung dazu ist ziemlich geradlinig verlaufen.
«Mit 15 Jahren ist es noch früh, sich zu entscheiden », erklärt Annina, wieso sie zuerst das Lehrerseminar absolviert hat. Schon bald wusste sie aber, «dass ich an eine Schule für Gestaltung will». Ohne den Umweg über eine erste Anstellung als Lehrerin ging sie ein Jahr nach dem Abschluss nach Lausanne an die ECAL. An dieser Kunstschule studierte sie Visuelle Kommunikation. Der Auslöser für Lausanne war Bruder Lukas, der gleichzeitig an der ECAL studieren wollte.
Nach dem Diplom fand Annina einen ersten Job als Grafikerin und später als Artdirektorin bei Das Magazin, der Samstagsbeilage des Tages-Anzeigers. «Das war ein unglaublicher Glückstreffer, denn ich hatte die Möglichkeit, mit Chefredaktor Finn Canonica und dem Grafiker Jonas Vögeli zusammen 2009 ein komplettes Redesign zu machen.» Ihre mehr als vier Jahre bei Das Magazin haben Anninas Laufbahn als Designerin entscheidend beeinflusst. «Wir waren ein sehr kleines Team und haben jede Woche ein neues Heft produziert. Da kann man immer wieder an neuen Aufgaben reifen. Zudem war auch die Zusammenarbeit mit vielen führenden Fotografen für mich sehr prägend und interessant. Es war eine Traumstelle, das sage ich gerne.»
In der Redaktion an der Werdstrasse konnte sich Annina einbringen, bis sie 2011 einen Mutterschaftsurlaub antreten wollte.
Niklaus, der jüngste des Trios, hat seinen Weg in die Grafik am direktesten eingeschlagen. Er studierte an der Schule für Gestaltung in Biel und fiel dort auf mit seinem Talent im Bereich Illustration. Nach dem Abschluss 2009 entschied er sich für ein Praktikum in Kapstadt. Die Agentur The President arbeitet «weniger konzeptionell, sondern sehr dekorativ», was für Niklaus eine interessante und inspirierende Erfahrung war. «Nicht Form follows Function, sondern Functions follows Form», ist ihr Credo.
Nach einem halben Jahr ist Niklaus in die Schweiz zurückgekommen. «Da landet man natürlich automatisch in Zürich, wo ich in der ersten Zeit bei meiner Schwester Unterschlupf fand.» Beruflich ging es mit verschiedenen Praktika weiter, vorwiegend in den Bereichen Corporate und Editorial Design. Seine letzte Station war bei der Kulturzeitschrift Du, bevor ein fliessender Übergang zur Gründung von Mettler Mettler + Mettler führte.
Der Älteste, Lukas Mettler, hat zuerst Hochbauzeichner gelernt. Allerdings nicht in einem Architekturbüro. Das Atelier Oï in La Neuveville ist ein Büro für Innenarchitektur, bekannt für sein Design und mittlerweile das grösste Atelier dieser Art in der Schweiz. «Ich wusste, dass ich einen Beruf haben musste, deshalb habe ich mich für diese Lehre entschlossen. Aber wichtig war mir eigentlich nur, dass ich vier Jahre in diesem Atelier den drei Chefs über die Schulter blicken konnte.» Neben seinem Möbel- Design-Büro wurde das Atelier Oï bekannt mit seiner Arte Plage in Neuenburg für die Expo.02. Dazu werden viele Luxusbrands aus dem Schweizer Uhrenmarkt betreut. «Ich konnte dort sehr viel lernen.»
Nach dem Abschluss wollte er sich an der ECAL weiterbilden. Bereits an dieser Kunsthochschule in Lausanne wurden Annina und Lukas als «Duo Les Mettlers» bekannt. Während seine Schwester in Lausanne blieb, zog es Lukas nach dem Vorkurs aber nach Genf weiter. Hier machte er nach vier Jahren an der HEAD seinen Abschluss in Visueller Kunst. «Das war eine wichtige Phase zum Ausprobieren.» Um sein Studium zu finanzieren, konnte Lukas Aufträge für verschiedene Galerien übernehmen und suchte seinen Weg auch mit eigenen Projekten.
Nach Genf war klar, «dass Zürich der Ort ist, wo es mich hinzieht». Lukas arbeitete in verschiedenen Agenturen als Angestellter oder als Freelancer. Das Brand-Design lockte ihn, weil man hier «mit einem strategischen Hintergrund visuell arbeiten konnte». In dieser Phase als Freelancer wurde Lukas angefragt, für ein neu fusioniertes Unternehmen zweier Baufirmen das Corporate Design zu entwickeln. Die Microtunnel AG ist ein Spezialist für grabenlosen Leitungsbau und brauchte einen komplett neuen Auftritt: vom Logo über Broschüren bis zur Werbung und Website. Für einen solchen Job brauchte Lukas die Unterstützung seiner Geschwister. So hat es sich ergeben. «Die Idee, sich gemeinsam selbständig zu machen, lag auf der Hand.»
Die gelungene Referenz mit Microtunnel hat für Mettler Mettler + Mettler schnell weitere Aufträge nach sich gezogen. Bald war so viel Arbeit da, dass die Geschwister davon leben konnten. «Wir haben auch familiäre Verpflichtungen.» Lukas ist Vater eines Mädchens. Annina hat inzwischen einen Sohn zur Welt gebracht.
Das Fotomuseum Winterthur, die Langnau Jazz Nights, Unilever oder auch die grüne Partei gehören inzwischen zu den Kunden von Mettler Mettler + Mettler. Mit der Kampagne für die Langnau Jazz Nights sind die Mettlers in diesem Jahr unter die «100 besten Plakate» in Deutschland, Österreich und der Schweiz gewählt worden. Für die Grünen haben sie es geschafft, mit der Partei zusammen ein auch grafisch neues Image weg von der «TotenkopfÄsthetik » rund um die Atom-Frage zu finden. «Wir wollten eine visuelle Sprache, die nicht nur Probleme aufzeigt, sondern einen Mehrwert schafft.»
Noch in Entwicklung befindet sich ein Auftrag für Russland. Ein russischer Investor will auf einer Industrie-Brache in der Peripherie von Moskau eine Siedlung bauen. In dieser sollen Arbeit, Bildung und Freizeit «in neuartiger Form» verbunden werden. Die Mettlers haben dazu die Studie «Creative Settlement » des Architekturbüros Camenzind Evolutions in zwei Broschüren grafisch umgesetzt. Dabei galt es eine visuelle Sprache zu entwickeln, basierend auf den Handskizzen der Architekten.
Soeben mit dem Red Dot Award ist die Kampagne für ihre eigene Kollektion für Hurter Designers Tapeten ausgezeichnet worden. Diese Idee rund um eine Tapete kann vielleicht am besten aufzeigen, wie Mettler Mettler + Mettler bei ihrer Arbeit vorgehen. «Wir investieren viel Zeit in die Entwicklung von Projekten, die noch gar keinen Adressat haben. Man experimentiert und auf einmal entsteht etwas, wofür es eine reelle Nachfrage gibt. Dann tritt man mit dem möglichen Partner in Kontakt und bringt ein Projekt mit, das bereits auf einer Vorarbeit besteht. Das ist wichtig für unser Büro. Wir sehen uns deshalb auch als Entwicklungslabor.»
Losgelöst von einem Mandat und «total frei» hat sich auf diese Weise das Design für eine Tapete ergeben. Die Inspiration für ihre Patterns finden Mettler Mettler + Mettler in den Wachsprint-Stoffen Westund Zentralafrikas. Diese haben sie für Hurter Designers Tapeten als vierteilige Kollektion neu interpretiert. Den traditionellen Stil kontrastieren MM+M mit pulsierenden computergenerierten Designs. «Solche weiterführenden Projekte sind für uns wichtig. Solche Fantasien entwickeln zu können, ist die Freiheit, die wir uns immer nehmen wollen. Das ist der Unterschied zu den meisten grösseren Agenturen. Dieser Teil unserer Arbeit hat einen immateriellen Wert und oft wissen wir zu Beginn nicht, wo es schliesslich hingeht. Aber wir sind überzeugt, dass es zu etwas führt. Nur so kann man auf neue Wege und Ideen kommen und eine eigene Identität schaffen.» Andreas Panzeri

