Ein Land, ein Label

Anne-Friederike Heinrich, freie Mitarbeiterin der Werbewoche, über das ewig Zürcherische, das die (Deutsch-)Schweiz hinanzieht.

Wenn einer Balz Hösly heisst, muss er einfach Recht haben. «Um stark zu sein, muss man Ressourcen und Wissen bündeln», sagt der, der so heisst und obendrein Präsident der (!) Greater Zurich Area (GZA) ist. Hösly hat ein wenig gebündelt und will ausländischen Investoren nun die gesamte Deutschschweiz als Greater Zurich Area verkaufen. Der Präsident der GZA ringt nämlich um die Ansiedlung ausländischer Wirtschaftskraft in der (Deutsch-)Schweiz. Und da es nach Höslys Meinung im Ausland nur drei schweizerische Marken von internationalem Renommee gibt – die Schweiz selbst, Zürich und Genf –, muss alles unter diesen drei Dächern zusammenrücken. Sorry Luzern! Sorry Basel! Sorry alle anderen Städte, die Ihr Euch für attraktive Standorte haltet.

Ringen um Rang

Der Standort wird zum Standpunkt. Der da lautet: Hauptsache Zürich! Schliesslich ist Zürich ja auch die schönste und grösste Stadt der Schweiz, wenn nicht der ganzen Welt. Und damit der Massstab aller Dinge. So gehören bereits die Kantone Glarus, Graubünden, Schwyz, Zug, Solothurn und Schaffhausen zum Greater Zurich Area. Dass das ziemlich «greater » ist, und Fridolin, der Schaffhauser Bock und Co. deshalb wohl mit den Augen oder anderen Körperteilen rollen, macht nichts. Regionale Empfindlichkeiten müssen hinter Höslys Bündelei einfach zurücktreten. Aber wie gesagt: Der Mann hat Recht. Denn innen und aussen ist schliesslich zweierlei. Während ein Schweizer ein und denselben Topf für Zürcher, Schaffhauser und Glarner schier unerträglich findet, ist Höslys kleine Schummelei im Ausland gar nicht dramatisch. Schlimmer noch: Sie wird gar nicht bemerkt!

Denn die ausländischen Investoren, die die erklärte Zielgruppe der GZA sind, sollen ja keinen Test in schweizerischer Heimatkunde bestehen, sondern hier einfach ein wenig Geld liegen lassen. Und Zürich, pardon: Zurich, klingt einfach geiler als Glarus. Also braucht es einen ausreichend grossen Topf, ein passendes Deckelchen, und schon ist die Suppe gekocht. Bereits der unsäglich unschweizerische Markenname Greater Zurich Area verdeutlicht, wie Höslys Linse eingestellt ist: Es geht um den Tanz auf internationalem Parkett. Es geht um Cash und Credits. Wie die Schweiz wirklich ist, will hier niemand erzählen. Polyglott ist einfach flott. Kasse ist klasse.

Zurich is great!

Der Erfolg gibt, sagt man, Recht: Der (!) GZA konnte im vergangenen Jahr 91 neue Firmen mit 1200 geplanten Stellen in die «Region» holen, also nach Glarus, Graubünden, Schwyz, Zug, Solothurn, Schaffhausen und Zürich. Wäre der Aargau nicht vor anderthalb Jahren abgesprungen und hätte sich Basel an den Hals geworfen, gäbe es jetzt weisse Socken, made in Greater Zurich Area. Das wäre ja was gewesen. Aber vielleicht kommt auch das «Greater Aarau Area (GAA)» bald ganz gross raus. Mit Basel, Lausanne und dem Tessin unter seinem Dach. Die Mischung macht’s.

Das Hösly an

Der irritierte Betrachter fragt sich, ob angesichts der nicht vorhandenen Grösse unseres Ländchens nicht die Marke «Schweiz» völlig ausreichen würde. Für einen Investor aus den USA wird sich ohnehin nicht erschliessen, warum es auf einer Fläche von 41 285 Quadratkilometern – das ist halb so gross wie der Lake Superior in Nordamerika – ein Zürich, ein Basel und ein Genf Area gibt. Und es wird ihn auch nicht interessieren. Wer in einem Land lebt, das 233 mal so gross ist wie die Schweiz, kann sich die Grabenkämpfe im Ministaat wahrscheinlich gar nicht vorstellen.

Ein Vorschlag an Herrn Hösly: Könnte man nicht die ganze Schweiz zum Greater Zurich Area machen? Dann wären Kantönligeist und Röschtigraben auch endlich überbrückt. Oder aber wir vermarkten die Schweiz als «Greater Swedish Area». Diese Sache mit «Greater» und «Area» klingt schliesslich noch gut, und die Amerikaner verwechseln Schweden und die Schweiz sowieso dauernd. Ausserdem fühlen sich Glarus, Schaffhausen und Graubünden unter dem Dach «Schweden» bestimmt wohler als unter Zürcher Fittichen. Und der Aargau wäre dann vielleicht auch wieder dabei.
 

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