Aufgespiesst: Werbung könnte so schön sein

Anne-Friederike Heinrich, freie Mitarbeiterin der Werbewoche, über Sprachschlampereien, die nicht auszuhalten sind.

Ich will ja nicht pingelig sein, aber ein wenig mehr Achtsamkeit für ihr Arbeitswerkzeug Sprache würde man manchen Werbern und «Marke-Tieren» schon gerne abverlangen. Da wirbt zum Beispiel der Kosmetikkonzern Clinique für seine «Nr. 1 gegen Pigment- und Altersflecken in Europa». Ehrlich, da KRIEGE ich erst Flecken! Denn die meisten Menschen bekommen, soweit ich weiss, Altersflecken im Gesicht oder auf den Handrücken – und nicht in Europa, wo immer diese Körperregion sein mag. Oder sollte das Unternehmen etwa gemeint haben, dass das Wundermittelchen nur die Altersflecken bekämpft, die unter der Sonne Europas entstehen? EU hin oder her – das kann ja wohl auch nicht sein. Also hat einer irgendetwas gemeint, der zweite hat das nicht gewusst und der dritte hat den Text gemacht. Liebe Kosmetikwerber: Manchmal passen nicht alle wichtigen Informationen in einen Satz. Dann dürft Ihr ruhig auch zwei machen. Die Konsumenten könnten Euch dann vielleicht sogar verstehen. Wäre das nichts?

Geschenkt

In die Vollen geht aktuell auch der Versand Verdbaudet mit seinem «Gratis-Geschenk» für eine Bestellung. Ich habe das Wort «geschenkt» bislang immer als Synonym für «gratis» verstanden und verwendet. Demnach wäre ein Gratis-Geschenk so etwas wie ein weisser Schimmel oder eine schlecht frisierte Corine Mauch. Pleonasmus sagen die, die sich damit auskennen. Aber möglicherweise ist die Vorstellung, dass Geschenke gratis sind, eine, die langsam Altersflecken ansetzt. Insbesondere in Europa. Aber das führt uns weg vom Thema. Auch Media Markt haut voll daneben. Dort heisst es dieser Tage «18 Jahre Media Markt Schweiz – Volljährig – Vollbillig!». Klingt dieser Claim im Radio noch einigermassen witzig, und haben die Werbeprofis bei der Entwicklung der Wort-Bild-Marke noch auf Rechtschreibung geachtet, krankt das Auge beim Lesen des schlichten Text-Rectangle im Internet. Volljährig, Vollbillig, Vollmilch? Die Grossschreibung von Adjektiven ausserhalb eines Satzzusammenhangs hat sich ja inzwischen schon durchgesetzt, aber was bitte ist vollbillig? Gibts auch leerbillig? Oder liess das Werbefenster einfach kein Leerzeichen mehr zu? Ich bin doch nicht blöd. Oder vielleicht doch?

Vermurkst

Dem Fass den Boden aus schlägt aber die NZZ am Sonntag. Ausgerechnet als Werbung für ihren Kader- Stellenmarkt leistet sie sich den Satz: «Wo man geeignete Bewerber für Fachspezialisten- und Kaderstellen findet, ist kein Zufall.» Tief durchatmen. Der Satz täuscht vor, zu funktionieren, tut es aber nicht. Fragen wir uns einmal, was wohl gemeint sein könnte. Vermutlich: «Dass man in der NZZ geeignete Bewerber … findet, ist kein Zufall.» Oder, etwas akzentuierter: «Nicht zufällig findet man ausgerechnet in der NZZ …» Woran krankt das Sätzchen der Edelschreiber? Der Texter hat (vermutlich in einem Lokal gesessen und so) lokal mit kausal verwechselt. Und, noch viel schlimmer: Niemand hat es gemerkt. Hoffentlich merken es auch die Fachspezialisten und Kaderanwärter nicht. Es ist schon schlimm genug, wenn sie die Botschaft nicht verstehen und den Halbseiter einfach überblättern. Aber, na ja, werben im eigenen Blatt kostet ja nichts. Wäre abschliessend noch zu fragen, was eigentlich Fachspezialisten sind. Eine Kreuzung zwischen Fachleuten und Spezialisten? Oder einfach eine unschöne Wortblase ohne Sinn. Heiliger Strohsack!
 

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