Zur Sache: Verpasste Chance

Medienkritik ist so eine Sache. Oft ist sie bitter nötig, einfach ist sie nie und in die Hosen gehen kann sie auch noch. Ein Paradebeispiel war die Sendung «Talk täglich» von Tele Züri, die sich diese Woche mit dem Roma-Titelblatt der Weltwoche befasste.

Ein äusserst aktuelles Thema, kontrovers und hoch emotional und wie geschaffen für eine medienkritische Auseinandersetzung. Würde man meinen.

Doch was geschah? Der Fehler passierte schon bei der Auswahl der Gäste. Auf der einen Seite Roger Köppel als Verleger und Chefredaktor der Weltwoche. Auf der anderen Seite als Kritiker war Hannes Britschgi geladen. Obwohl Britschgi auf eine lange, erfolgreiche journalistische Karriere ausserhalb des Boulevardjournalismus zurückblicken kann und heute die Ringier-Journalistenschule leitet, hat er eine Achillessehne: Er war mal Chefredaktor des SonntagsBlicks. Nicht des Blicks, wohlgemerkt, sondern des SonntagsBlicks. Aber nichtsdestotrotz, der Stallgeruch des Ringier-Boulevard-Haudegen, den er weiss Gott nicht ist, haftet an ihm. Ihn als Medienkritiker und Antipode gegen Köppel auftreten zu lassen, muss man deshalb als naiv bezeichnen. Klar, dass diese Achillesferse natürlich auch für Köppel ein gefundenes Fressen war.

Hugo Bigi als Moderator gab sich zwar Mühe, das Gespräch in geordnete Bahnen zu lenken, aber es gelang ihm nicht. Köppel verteidigte primär den Artikel, der ein brisantes Thema aufgenommen habe, und Britschgi versuchte die Kritik auf das Titelblatt des Roma-Kindes zu fokussieren, was eigentlich Thema der Sendung gewesen wäre. Aber das misslang gründlich. Die beiden Kontrahenten diskutierten beinahe dreissig Minuten aneinander vorbei. Meinung gegen Meinung, Anschuldigung gegen Anschuldigung. Nicht gerade eine Glanzveranstaltung, um das Image des Journalismus beim breiten Publikum zu verbessern.

Und dann kam dieses Publikum zu Wort. Bei gewissen heiklen Themen wird ja zum Teil auf das Call-in verzichtet. Diesmal wollte man aber das Publikum ebenfalls zu Wort kommen lassen. Nicht gerade ein weiser Entscheid, denn es war ja zu erwarten, dass das hoch emotionalisierte Thema auch hoch emotionale Reaktionen provozieren würde. Der Weg ins Chaos war also vorgespurt und das Unheil nahm seinen Lauf.

Die Schimpfwörter flogen nur so. Köppel wurde zwar von einer alten Dame empört stammelnd kritisiert, «Blick-Reporter Britschgi» hingegen als «scheinheilig», «Blocherhasser», «Tubel» und «gruusig» bezeichnet.

Schade, dass die Chance auf eine fundierte Medienkritik mutwillig vergeben wurde.

Pierre C. Meier, Chefredaktor
[email protected]
 

More articles on the topic