Es ist nie zu spät für eine gute Idee»

Philippe Hansen ist gern sein eigener Herr. Denn dann kann er Einfälle so umsetzen, wie er es für gut hält, und sich das Mass an Ruhe nehmen, das er zum Kreativsein braucht. Am 1. August 2009 hat Hansen in Bern die Agentur Bold mitgegründet. Und das erste Jahr lief ziemlich gut.

Philippe Hansen ist ein musikalischer Mensch. Er ist nicht nur der Gitarrist und Songwriter der Berner Band «Brothertunes», er beherrscht auch die Klaviatur der Werbung. Bei Bold ist er der Kapellmeister, der Berater und Manager, der Kunden die vom Team ausgebrüteten Ideen und Umsetzungsvorschläge verkauft. Zündende Einfälle erarbeitet Hansen «in lebhaftem Austausch» mit den beiden anderen Bold-Inhabern, CD Lindo Ganarin und AD Tino Niederberger, sowie ihrem ersten Mitarbeiter Dominique Wittwer. Wenn Hansen «lebhaft» sagt, meint er damit, dass die vier Männer grundsätzlich unterschiedlicher Meinung sind. Kein Wunder: Ganarin kommt aus der klassischen Werbung, er ist der Texter und die Ideenmaschine von Bold. Niederberger war Leiter Kreation bei Maxomedia und kombiniert Art-Know-how mit breiter Erfahrung in New Media. Wittwer unterstützt die Kreation im Bereich Design. Und Hansen ist der Berater und Konzepter, der Ruhepol und Diplomat der Agentur. «Wir sind vier ‹Charaktergrinde›, haben ganz unterschiedliche Standpunkte und Vorstellungen, die alle gut sind», sagt Hansen. «Dadurch entstehen Reibereien, und wir müssen einen Konsens finden. Das ist anstrengend. Eine gesunde Streitkultur ist für uns aber extrem wichtig, denn die Diskussionen spornen uns zu Höchstleistungen an. Die Idee ist unser Kapital.»
Bei Bold entsteht ein überraschendes, tragfähiges Konzept aus kreativem Austausch, Disput und gegenseitiger Annäherung. Bei allen Diskussionen lässt sich das Team von der Überzeugung leiten, dass es für eine gute Idee nie zu spät ist. So kreieren die Vier von Bold Werbung, auf die nach einem guten Jahr Geschäftstätigkeit bereits Kunden wie Die Post, Hotellerie-suisse, das Bundesamt für Berufsbildung und Technologie BBT, Promoton und Swisscom setzen. Die meisten Bold-Kunden sind derzeit KMU aus dem Raum Bern. «Natürlich zielen wir auch auf Grossunternehmen, schweizweit, denn heute spielt es keine Rolle mehr, wo du bist», sagt Hansen. «Aber wir müssen uns auf dem Markt erst einmal einen Platz erkämpfen und mit guter Arbeit bewirken, dass wir zu Pitches eingeladen werden. Das braucht Zeit.»
Mut zum Auffallen
Die Kernleistungen von Bold sind Konzeption, Text und Design für Offline- und Online-Kommunikation. Zwar sind Full-Service-Agenturen längst verpönt, Bold will trotzdem eine sein. «Full Service heisst nicht, dass wir alles können – aber wir können alles lösen», erklärt Hansen den Ansatz der Agentur. «Wir verstehen unter Full Service, dass wir für alle Anliegen unserer Kunden eine professionelle Lösung finden. Wenn wir ein Projekt betreuen, kann unser Kunde davon ausgehen, dass wir mit der Aufgabenstellung umzugehen wissen, weiterdenken und uns auch kompetente Unterstützung holen, wenn wir sie brauchen. Das ist besser und effizienter, als ein Team zu haben, in dem der eine ein bisschen mehr von Text, der zweite ein bisschen mehr von Online und der dritte ein bisschen mehr von irgend-
etwas versteht. Mit dem Full-Service-Angebot wollen wir Sicherheit und Vertrauen schaffen.»
Hansen hat auch verstanden, dass Auftraggeber sich nicht für jeden Zwischenschritt interessieren, vor allem nicht, wenn er Probleme bereitet. «Der Kunde will einfach, dass am Schluss alles läuft und dass die Ziele erreicht oder übertroffen werden», sagt er. «Wenn etwas nicht funktioniert, ist es unsere Aufgabe, eine Lösung zu finden, ohne unseren Kunden damit zu belasten.» An zentralen Entscheidungspunkten sucht Hansen dagegen sofort das Gespräch mit dem Auftraggeber, etwa wenn er erkennt, dass zwei Tage mehr Zeit das Ergebnis dreimal so gut machen würden. Dann versucht er, einen Aufschub zu erreichen, denn auch das gehört zu seinem Job als Berater. Hansen
hat gute Argumente: «Kunden zahlen Geld für unsere Arbeit und haben ein Recht darauf, dass sie ein perfektes Ergebnis bekommen.» «Gut genug» scheint es bei Bold nicht zu geben.
Mit ihrem Namen hat sich die Agentur ein Credo gegeben, das grosse Stücke verspricht. «Bold» bedeutet gewagt, kühn oder auch auffällig, mutig. «Wir legen die Betonung vor allem auf ‹Mut›», sagt Hansen. «Wir haben mitten in der Krise eröffnet, in Bern, das nicht nur in der Werbung als eher zurückhaltend gilt, und wir versuchen, gute Arbeit ohne Kompromisse, ohne Schere im Kopf zu leisten. Was wir machen, machen wir richtig.» Die Sache der Bold-Männer scheint weder Blöff noch falsche Bescheidenheit zu sein.
Freiraum für Geistesblitze
Alle drei Agenturinhaber haben bereits Erfahrungen mit der Selbstständigkeit gesammelt, Hansen das
erste Mal mit 24 Jahren, nach der Ausbildung zum Typograf und Werbeassistent. Gemeinsam mit drei Gleichgesinnten eröffnet er 1999 ein kleines Design- und Publishing-Atelier. Nach drei Jahren kommt ihm die Musik dazwischen. «Ich hatte nebenbei viel musiziert, und der Wunsch, ein Rockstar zu werden, liess mich einfach nicht los», erinnert sich Hansen. Er will Musik zu seinem Beruf machen, doch mit der ersten Band will es nicht so richtig klappen. Also reitet Hansen wieder sein zweites Steckenpferd, die Werbung. Diesmal will er «richtig» Werbung machen und steigt bei Contexta in Bern ein: «Ich war etwas mehr als drei Jahre bei Contexta, habe viel gearbeitet, viel gelernt, hatte ein super Team und eine super Zeit.»
Parallel widmet sich Hansen der Musik, 2002 hebt er die Brothertunes mit aus der Taufe. 2005 dann – endlich – der Plattenvertrag. Zwei Alben der Brothertunes erscheinen. Hansen verlässt Contexta, arbeitet aber halbtags bei der Kommunikationsagentur Formeldrei, einerseits, um sich zu finanzieren, andererseits, um weiterhin einen Fuss in der Tür der Werbebranche zu behalten, weil ihm Werbung Spass macht. Und: «Musik ist sehr kurzlebig, die Träume fliegen hoch, und die Realität sieht oft weniger rosig aus. Ausserdem gibt es viel Konkurrenz, noch mehr als in der Werbung. Mit zunehmendem Alter hatte ich den Wunsch nach grösserer Sicherheit.»
Mit 30 Jahren zieht Hansen eine Zwischenbilanz und stellt die Weichen für seine Zukunft. Bei Formeldrei lässt er sich davon überzeugen, wieder mehr zu arbeiten. Doch immer häufiger denkt der nun achtzigprozentige Werber: «Wenn ich schon so viel schaffe, dann doch wenigstens für mich und nach meinen Vorstellungen.» Er spricht mit Lindo Ganarin über seine Gedanken. Ganarin, mit dem Hansen bei Contexta zusammengearbeitet hatte, ist bereits einige Jahre selbstständig. Im Herbst 2008 spannen die beiden zusammen und finden Anfang 2009 mit Niederberger das noch fehlende Puzzleteil. Gemeinsam bereiten die drei die Eröffnung der Werbeagentur Bold vor, die im
August 2009 an den Start geht. Damit bleibt Hansen einmal mehr seinem Vorsatz treu: «Worum es auch geht, mir ist es wichtig, nie sagen zu müssen: ‹Hätte ich es doch versucht!›»
Heute arbeiten bei Bold vier Leute, aber vielleicht nicht mehr lange: «Wir wollen wachsen», sagt Hansen.
«Allerdings alles langsam. Vielleicht sind wir in zehn Jahren zehn Leute. Wenn nicht, ist es auch nicht schlimm. Wenn wir jemanden einstellen, wollen wir ihm einen sicheren Arbeitsplatz bieten. Reicht es dafür nicht, arbeiten wir lieber mit Freelancern.» Genug Raum für neue Mitarbeiter haben die drei Inhaber an der Berner Schwarztorstrasse jedenfalls schon einmal angemietet. Auch für eine Crealounge ist Platz. Die wird bereits in den nächsten Wochen gestaltet und eingerichtet werden. Denn Hansen will seinen Leuten einen inspirierenden Raum ohne Telefongeklingel und Mailgepiepse bieten, in dem knackige Einfälle nur so sprudeln können. Hansen: «Das ist ein Statement nach innen: Ihr habt Narrenfreiheit – wenn der Output stimmt und Termine eingehalten werden.» Auch für Hansen selbst ist eine Rückzugsmöglichkeit wichtig. Er braucht absolute Ruhe, damit die Geistesblitze funken. Und das Wochenende bleibt nach Möglichkeit arbeitsfrei. «Jeder von uns hat ein Leben neben der Agentur», betont Hansen. «Lindo ist Parfümeur, Tino experimentiert mit Digital-Entertainment, und ich mache Musik. Dafür muss Raum bleiben – auch wenn es nicht einfach ist, das durchzuhalten. Aber nur so können wir auftanken, bleiben kreativ und behalten Spass an der Arbeit. Alles andere schlägt aufs Gemüt.»
Reise auf zwei Kontinenten
Noch immer spielt Hansen Gitarre bei den Brothertunes, gerade lanciert die Band in Frankreich eine neue Platte. Aber seit der Geburt seines neuen Babys, Bold, tritt Hansen an den Saiten kürzer. «Musik ist für mich extrem wichtig, früher als Lebensinhalt, heute als Ausgleich zur Arbeit», sagt er. «Neben der Musik kann keines meiner anderen Hobbys bestehen.
Immerhin wollte ich früher mal Rockstar werden. Trotzdem gilt meine Aufmerksamkeit jetzt dem Auf- und Ausbau von Bold. Da gebe ich Vollgas, und es macht riesigen Spass.» Und doch bekommt der Zuhörer den Eindruck, dass Hansen weder ohne Werbung noch ohne Musik wirklich glücklich sein kann. Er braucht beides, zu seiner Zeit. In der Werbung ist der Kunde der Dirigent, Hansen spielt für ihn die erste Geige. Beim Songschreiben muss er jeden Ton in sich selbst finden, ihn formen und zum Klingen bringen. Unbestritten: Hansen spielt auf zwei Hochzeiten. Aber virtuos zu sein, war noch nie ein Nachteil.
Anne-Friederike Heinrich
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