Balanceakt zwischen Affinität

Für unsere Demokratie ist es gewinnbringender Wettbewerb, für die Akteure häufig ein heikler Grenzgang: Medien und NGO sind «symbiotische Rivalen» um Aufmerksamkeit. Ein Paradox, das an Bedeutung und Dynamik gewinnt. Gastkommentar von Oliver Classen, Pressesprecher der entwicklungspolitischen Organisation Erklärung von Bern, zuvor Medienredaktor.

An gelegentliche Neidattacken der PR-Profis aus Privatwirtschaft und Politik gewöhnt man sich. Ein O-Ton: «Euch fressen die Journalisten einfach aus der Hand und glauben blind, was ihr ihnen erzählt.» Aber auch die so kritisierten Kollegen in den Redaktionen sind nicht immer frei von Missgunst, weil die Mitgliederzahlen vieler Nichtregierungsorganisationen (NGO) – und damit auch deren Budgets für Recherche und Kommunikation – stetig steigen, derweil ihre materiellen und personellen Mittel kontinuierlich zusammengestrichen werden.
Klar: NGO und Medien, zumal jene mit investigativem oder anwaltschaftlichem Anspruch, profitieren seit jeher voneinander. Amnesty, Greenpeace & Co. brauchen Multiplikatoren, Zeitungen und Sender wiederum Informanten und Expertinnen. Besonders sichtbar wird dies jeweils bei den Frontberichten von Katastrophen und aus Kriegsgebieten. Hilfsorganisationen unterstützen Journalisten bei ihrer Logistik, beschaffen ihnen Gesprächspartner, liefern Studien und Storyideen. Die Reporter wiederum sorgen für jene Öffentlichkeit, die der politischen Aufklärung, aber natürlich auch der guten Sache und damit der zitierten NGO bei ihrem Fundraising dient.
Zudem springen global agierende NGO zunehmend in die wachsenden Lücken, welche durch die Ausdünnung der Korrespondentennetze entstehen. Sie sind schneller vor Ort, leisten gründlichere Recherchen und haben bessere Dossierkenntnisse. Halbseidener Telefon- und Fallschirmjournalismus sind die Folge: Reporter beschränken sich notgedrungen auf Schreibtischrecherche oder werden bei aktuellen Krisen und Katastrophen kurz ein- und dann schnell wieder ausgeflogen. NGO können hier zwar einen vitalen Beitrag zur serbelnden Auslandsberichterstattung leisten, müssen allerdings zur Wahrung ihrer Glaubwürdigkeit wie auch jener der Journalisten auf grösstmögliche Transparenz pochen.
NGO brauchen also nach wie vor klassische Medien, übers Internet bieten sie aber längst selbst eigene News und Hintergrundinfos an. Die Websites grosser NGO ähneln immer mehr professionellen, themenzentrierten Nachrichtenportalen. Und auf Social-Media-Kanälen präsentieren NGO ihre Inhalte wesentlich aktiver und kreativer als die Medien. Greenpeace (652’000 Fans), Amnesty International (144’000), WWF (464’000) oder Ärzte ohne Grenzen (342’000) schaffen es via Facebook, vor allem junge Leute mit Themen anzusprechen, die in vielen Redaktionen als «Quotenkiller» gelten. Zum Vergleich: Die New York Times kommt auf 852’000 Freunde, der Spiegel gerade mal auf 95’000 und der Tagi auf sage und schreibe 302. Der interaktive Advocacy-Journalismus spricht die junge Zielgruppe der Zukunft an. Und die will nicht nur Infos, sondern offenbar auch gezielt helfen und politische Anliegen unterstützen.
Diese neuen Möglichkeiten setzen die NGO aber auch unter Druck. Eine professionelle Bewirtschaftung des Internets kostet viel Zeit und Geld. Ausserdem braucht es dazu qualifiziertes Personal. Doch arbeitslose und (neuen) Sinn suchende Journalisten gibt es derzeit ja mehr als genug. Und was spricht eigentlich dagegen, dass NGO mit ähnlichen Themenschwerpunkten eigenen innovativen, fundierten und engagierten Journalismus finanzieren und produzieren? Zum Beispiel auf der Basis einer gemeinsamen Medienstiftung, einer Art «pro publica.org» der Zivilgesellschaft? Ein interessantes Projekt ist auch Alertnet.org der Thomson Reuters Foundation, das Infos zu humanitären Krisen bündelt. So oder so: Netzwerkeffekte werden das mediale Erfolgsrezept für die NGO der Zukunft sein. Und, wenn ’s klappt, kollegialer Neid weiter ein angenehmer Nebeneffekt.

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