Gerade mal noch gutes Mittelmass

AY&R, Publicis, Wirz und RufLanz standen beim ADC 2002 im Goldregen

AY&R, Publicis, Wirz und RufLanz standen beim ADC 2002 im GoldregenVon Luca Aloisi Trotz leichten Rückgangs bei den Einsendungen wurden dank Würfel-Kontingent wie letztes Jahr neun Arbeiten vergoldet. Allgemein stellte man fest, dass sich die Kreativität leider nicht antizyklisch zur Konjunktur verhalten hat. Unter den Königsdisziplinen ging einzig die Gesamtkampagne leer aus. Alles in allem ein guter Jahrgang also.
Als wolle er allen Goldjuroren behutsam beibringen, dass dies kaum ein Jahrgang sein dürfte, in dem das Barometer für kreative Werbung neu geeicht werde, empfing Andreas Prokesch die Jury-Mitglieder auf gewohnt schelmische Art. Zur Einstimmung der Männerrunde las der ADC-Vorstandsvorsitzende Prokesch, der zum letzten Mal auch als Jury-Regisseur fungierte, die Regeln für Sieger und Verlierer vor – eine Leitsatzliste, die er aus dem Verbandsheft der Piccolo-Mannschaft des EHC Frauenfeld entlehnt hatte. Dort habe sein neunjähriger Sohn schon gelernt, dass ein Sieger das Glück für seinen Sieg verantwortlich macht, auch wenn es nicht immer Glück ist; während ein Verlierer sein Verlieren als Pech bezeichnet, auch wenn es kein Pech ist. Mit der Bemerkung, dass mit Siegern und Verlierern der Typ gemeint sei und das Goldjuroren-Team ausschliesslich aus Siegertypen bestehe, nahm Prokesch potenziellen Nörglern den Wind aus den Segeln.
Die glorreichen zwei verteidigten ihre ersten Plätze
Auf die im vergangenen Jahr häufig beanstandete «Überreglementierung» reagierte der ADC-Vorstand mit gewichtigen Veränderungen am Jurierungsmodus: Zum einen konnten heuer auch diejenigen wieder in der Jury sitzen, deren ADC-Auszeichnung älter als drei Jahre alt war, zum anderen gingen die Jurygruppen nach alter Väter Sitte wieder von Arbeit zu Arbeit. Damit sollte das anonyme Ankreuzen im ersten Wahldurchgang, das nicht selten zu fragwürdigen Urteilen führte, minimiert werden.
Trotzdem konnte nicht verhindert werden, dass Arbeiten, die international mehrfach prämiert worden seien, beim ADC Schweiz schon in der ersten Runde unter den Tisch fielen, hielt der sichtlich irritierte Chairman Daniel Matter fest. ADC-Vorstandsvorsitzender Prokesch versuchte mit der etwas obsolet wirkenden Begründung, jede Jury komme halt zu etwas anderen Urteilen, das Bild zu korrigieren.
Nicht nur in diesem Punkt tat sich das Gremium schwer. Mehr als die zu bewertenden Arbeiten selbst gaben häufig Definitionsprobleme der Goldjury zu diskutieren. Weil einige der Anzeigen, die in der Kategorie Fachanzeigen auflagen, auch in der Publikumspresse geschaltet wurden, spaltete sich die Jury in zwei Lager, die darüber debattierten, wo denn nun die Special-Interest-Gruppen zu suchen und wie diese überhaupt zu definieren seien.
Generell konstatierte die ADC-Geschäftsführung, dass beinahe ein Drittel aller Arbeiten in die unkorrekten Kategorien eingeschickt wurde. «Vielleicht sollten wir ein Seminar einführen», scherzte Andreas Prokesch. Trotzdem gab sich die Kreativelite grosse Mühe, die Entscheide der Kategoriejurys zu respektieren, und kanzelte keine Silberarbeit ab.
Stattdessen wandte sie die Splitting-Regel zu Gunsten der Einsender an, was aus der Radio-DRS-Werbefilmserie von Advico Young & Rubicam (AY&R) immerhin dem Hahn zu Goldehren verhalf. Dass damit die Konzeptidee etwas ausgepowert wurde, sah die Jury generös als das kleinere Übel. Obwohl der anderen AY&R-Kundin, der Kuoni-Gruppe, der goldene Hattrick in der Kategorie Gesamtkampagne verwehrt blieb – es gab «nur» Silber –, darf sich die Gockhausener Agentur mit Goldwürfeln in drei Königsdisziplinen glücklich schätzen, landete sie doch mit 56 Punkten auf Platz zwei.
Den ersten Rang gab sie heuer an Publicis ab, die 2001 den Ehrenplatz besetzte. Trotz eines Goldwürfels Rückstand auf AY&R gelang es Jean Etienne Aebis Publicis-Team, das in der ZVV-Kampagne den Absahner der Saison hat, sich mit genügend Silber und Bronze auf das oberste Treppchen zu schwingen. Seit drei Jahren lassen sich die beiden Topagenturen nicht von der Spitze verdrängen.
Gehobenes Mittelmass, aber wenige Blockbuster
Mit Verve meldeten sich Markus Ruf und Danielle Lanz – erstmals in neuer Agenturkonstellation – zurück; ihr produktives Kreativbüro platzierte sich hinter Wirz Werbung auf Platz vier. Dank wegweisender Arbeiten waren Wirz – mit einem Tibet-Spot, der pionierhaft auf beklemmende Umsetzungen und Moralkeulen verzichtet, und der gelungenen Fortsetzung der Tibits-Kampagne – und RufLanz – das mit branchenunüblichem Kommunikationsoutfit für das Modehaus Big wirbt – die anderen beiden Goldhamster.
In den 15 Kategorien (2001: 20, inklusive Pressepreis, der heuer nicht verliehen wurde) wurden 1140 (1159) Arbeiten bewertet. Neun wurden vergoldet, 39 (56) versilbert und 184 (220) mit einem Bronze-Diplom ausgezeichnet. Zu sehen gabs gehobenes Mittelmass, weshalb in verschiedenen Kategorien selbst gute Arbeiten einen schweren Stand hatten. Absolute Highlights wurden weniger ausgemacht als auch schon.
In der kränkelnden Marktsituation sind laute Statements und Provokation bewährten Konzepten und mehrheitsfähig codierten Umsetzungen gewichen. Anecken, aber mit Kalkül, lautete die Winner-Devise bei vielen langfristig einsetzbaren Werbeplattformen. Enttäuschend waren die Auftritte der sonst mutigen Verlagsbranche. Im Medaillenspiegel fallen die Medienhäuser heuer nur durch Abwesenheit auf.
ADC 2002: Die Goldgewinner

Publikumsanzeigen: Publicis mit der Kampagne «Ein Ticket für alles» für den Zürcher Verkehrsverbund ZVV.
Publikumsanzeigen (Einzelmotive): AY&R mit «Alpenarena Monsterpipe»für Flims Laax Falera.
Fachanzeige: AY&R mit «Downhill Biking» für Flims Laax Falera.
Aussenwerbung: RufLanz mit «Warten auf die Girls» für Big und Wirz mit «Pouletschenkel» für Tibits.
Werbefilm: AY&R mit «Güggel» für Schweizer Radio DRS.
Editorials und Buchgestaltung: Integral Lars Müller mit dem «Freitag»-Buch.
Illustration: Publicis mit dem eigenen Weihnachtsmailing «Memory».
Public Service: Wirz mit dem TV-Spot «Keep Tibet Alive» für die Tibetergemeinschaft Schweiz.

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