Mal erleichtert, mal geschockt

Die Wemf-Auflagen 2002 zeigen weitere Auflagenerosionen auf Grund der Pendlerzeitungen an

Die Wemf-Auflagen 2002 zeigen weitere Auflagenerosionen auf Grund der Pendlerzeitungen anVon Daniel Schifferle Die Pendlerzeitungen haben nochmals zugeschlagen: Laut den neuesten Wemf-Auflagenzahlen buchstabiert der Tages-Anzeiger auf den Tiefststand seit 1977 zurück. Aber auch der Wirtschaftspresse der Deutschschweiz liefen die Lesenden davon. Einen veritablen Schock hat der Westschweizer Zeitschriftenmarkt zu verdauen.
Die Pendlerzeitungen hinterlassen in den beglaubigten Auflagen 2002 nochmals tiefe Spuren. Allerdings mussten nicht mehr wie im Vorjahr eine ganze Reihe Titel wie Blick, Aargauer Zeitung und sogar die NZZ Haare lassen. Richtig durchgeschüttelt wurden im dritten Jahr nach dem Markteintritt der Pendlerzeitungen nur noch der Zürcher Tages-Anzeiger und die Basler Zeitung.
Das allerdings kräftig. Zwar hatte der Tages-Anzeiger angekündigt, dass es nach dem massiven Taucher vom letzten Jahr bei der Auflage nochmals runtergehen würde. Die Schärfe des Einbruchs erstaunt aber trotzdem: Über 18100 Exemplare (–6,8%) gingen dieses Mal weg – das ist nochmals ein Drittel mehr als der Verlust des Vorjahres. Zusammengerechnet hat der Tages-Anzeiger innert nur zweier Jahre fast 30000 Exemplare der Auflage eingebüsst – von den Dimensionen her absolut einmalig in der Geschichte des Traditionsblattes von der Zürcher Werdstrasse, das damit auf den Stand des Jahres 1977 zurückfällt.
Immerhin hat Tamedia aus dem Debakel eine schöne runde Zahl gemacht: Genau eine Viertelmillion Exemplare sind beglaubigt. Die neue Auflage soll aber nicht nur einprägsam, sondern jetzt auch ein solides Fundament für die Zukunft sein. Dies jedenfalls verspricht der Tamedia-Sprecher Peter Hartmeier. Die Talsohle
sei jetzt definitiv erreicht (siehe Interview auf Seite 5).
Richtig schmerzhaft ist der Abrutscher der Basler Zeitung, die im letzten Jahr noch praktisch ungeschoren aus der Schlacht mit den Pendlerzeitungen hervorgegangen war. Jetzt sind es aber gleich über 5400 Exemplare (–4,7%), die dem Basler Blatt in der Schlussrechnung fehlen. Neben den Pendlerzeitungen gibt BaZ-Verlagsleiter Daniel Sommer aber auch dem redaktionell ausgebauten Baslerstab die Schuld an den Verlusten. «Während der Baslerstab sich sogar leicht verbessern konnte, müssen wir davon ausgehen, dass auch er der BaZ wehgetan hat», sagt Sommer. Bei der Basler Zeitung sei die Situation generell schwieriger geworden: im Einzelverkauf, beim Halten der Abonnenten wie auch bei den Werbemails für Neuabonnenten.
Berner Zeitung nur vorübergehend auf Rang vier
Die Täter selber, die Pendlerzeitungen, präsentieren dieses Jahr keine aktuellen Auflagenzahlen. Vom im Februar eingestellten Metropol wird man sowieso keine mehr sehen. Aber auch von 20 Minuten sind weiterhin keine jahresweise erhobenen Auflagenzahlen zu erwarten. «Wir würden zwar gerne, aber die Wemf ist nicht so weit», erklärt 20-Minuten-Verlagsleiter Rolf Bollmann. Vor allem gebe die jeweils während der Schul- und Universitätsferien runtergefahrene Auflage Knacknüsse auf. Als Anhaltspunkt nennt Bollmann eine durchschnittlich verteilte Auflage von etwas über 282000 Exemplaren. Für mit dem Wemf-Prüfzeichen versehene Zahlen, die Vergleiche ermöglichen, muss er aber auf die Leserschaftszahlen der Wemf (Mach Basic) im Herbst vertrösten.
Ein hübsches Ereignis spielte sich dieses Jahr für die Berner Zeitung (BZ) ab. Sie braust mit einem Riesenschritt an der Südostschweiz vorbei und mausert sich zur viertgrössten Tageszeitung der Deutschschweiz. Dies wird möglich dank der neu hinzugekommenen Kopfblätter Thuner Tagblatt und Berner Oberländer, die erstmals zusammen mit der BZ beglaubigt sind. Mit den beiden neuen Titeln kommt die BZ jetzt auf 162202 Exemplare (+18,7%) und positioniert sich damit mit einem dünnen Abstand von nur gerade 8000 Exemplaren hinter der NZZ. Allerdings ist die Position auf Rang vier nur von kurzer Dauer. Denn seit Januar ist die Mittelland Zeitung unterwegs. Der aus Aargauer Zeitung, Solothurner Zeitung, Oltner Tagblatt und Zofinger Tagblatt zusammengesetzte Zeitungsverbund thront mit rund 200000 Exemplaren faktisch bereits jetzt auf Rang drei, gleich hinter Blick und Tages-Anzeiger.
Sonntagsmarkt mit trügerischer Stabilität
Eine ausgesprochen stabile Ruhe vor dem Sturm zeigt sich im Sonntagsmarkt. Die Sonntagspresse dies- und jenseits der Sprachgrenze steht auf soliden Beinen. Sämtliche Titel – SonntagsBlick, SonntagsZeitung (SoZ), Le Matin Dimanche, dimanche.ch – behaupteten sich auf hohem Niveau.
Allerdings ist die ausgewiesene Situation in der Deutschschweiz eine Vergangenheitsbetrachtung, die bereits nächstes Jahr ganz anders aussehen wird. Denn mit dem Start der NZZ am Sonntag ist seit dem 17. März ein neues Kapitel aufgeschlagen, in dem besonders die SoZ Federn lassen könnte. Darüber sind sich die Auguren einig. Kein gutes Vorzeichen für die erhoffte Marktausweitung bei der Deutschschweizer Sonntagsleserschaft ist auch die Tatsache, dass weder beim SoBli noch bei der SoZ wirkliches Wachstum drin lag. Und das seit Jahren nicht mehr. Dies könnte ein Hinweis auf einen gesättigten Markt sein, in dem ein neuer Mitbewerber nur auf Kosten bestehender Titel Publikum holen kann.
Erleichterung gabs bei der im letzten Jahr arg gebeutelten Westschweizer Tagespresse.
Le Matin Semaine, der in den vergangenen Jahren teils massiv im Krebsgang war (letztes Jahr um –3,4%), hat sich wieder gefangen (+0,6%). Und auch die kleineren Zeitungen der Romandie, die im Vorjahr ebenfalls verbreitet im Rückwärtsgang gefahren waren, machten wieder Boden gut: La Liberté (+2,7%), L’Express (+1,9%), Nouvelliste (+1,5%), La Presse Riviera-Chablais (+1,6%), L’Impartial (+1,0%) – allesamt legten sie positive Entwicklungen hin, die sich sehen lassen können.
Genau so wenig Anlass zu Sorgen gab die Tessiner Tagespresse, die sich auch dieses Jahr auf absolut stabilem Niveau behauptete.
Durchwegs magere Zeiten für die Wirtschaftspresse
Von den Schweizer Wochenzeitungen gibts nur eine einzige wirklich gute Nachricht: Die Weltwoche hat Boden unter den Füssen gefunden. Nach fast unterbruchslosen Auflagenstürzen der Vorjahre (2000: –8130 Exemplare oder –8,8%) fällt sie dieses Mal positiv auf. Sie geht sogar mit einem leichten Plus von 750 Exemplaren (+0,9%) in ihre nächste Ära. Diese beginnt am 8. Mai als Magazin. Spätestens dann sind aber erneute Auflagenturbulenzen gewiss – ob nach oben oder nach unten, das wird sich zeigen.
Ganz klar vorüber sind derzeit die fetten Jahre der Wochenzeitungen aus dem Wirtschaftssektor. Das abrupte Ende der Börsenhöhenflüge im letzten Jahr und der Einbruch der Konjunktur haben auch die wilde Wachstumsära einzelner Titel abrupt gestoppt. Mit Ausnahme des Westschweizer Bilan (+761 Exemplare oder +4,0%) haben sämtliche Titel Verluste erlitten.
Am meisten vom Einbruch des Börsenbooms getroffen wurde die Finanz und Wirtschaft (FuW). Die Auflagenkletterin der Vorjahre (2000: +4350 Exemplare oder +8,9%), die vom Börsenboom profitiert hatte wie kein anderes Wirtschaftsblatt, ist dieses Mal um 2657 Exemplare (–5,0%) geschrumpft.
Noch dramatischer gings nur bei Cash zu und her. Die Wirtschaftszeitung macht mit einem Verlust von 3683 Exemplaren (–5,1%) den grössten Taucher in ihrer Geschichte. Das vergangene Jahr war für Cash zweifellos ein krisengeschütteltes Jahr. Dem glücklosen, nach neun Monaten bereits wieder abgetretenen Gisler-Nachfolger Fred David war es nicht gelungen, dem Blatt den nötigen Schub zu verpassen.
Aber auch anderen Wirtschaftsblättern ging es nicht viel besser. Die HandelsZeitung verliert 1026 Exemplare (–2,8%). Die Bilanz muss sogar mit 2171 weniger verkauften Exemplaren leben (–3,8%). Ebenfalls eher enttäuschend, angesichts der Börsensituation aber kaum anders zu erwarten, ist das Resultat von Stocks. Der Newcomer, der nur anderthalb Jahre nach der Lancierung eigentlich noch voll im Wachstum sein müsste, beglaubigt bei 26282 Exemplaren. Das ist sogar etwas weniger als die provisorische Beglaubigung vom Vorjahr, bei der das Finanzmagazin 26996 Exemplare auswies.
«Stocks ist nie in Frage gestellt worden», erklärt Ralph Büchi, Chef der Verlagsgruppe HandelsZeitung. Anders lautende Gerüchte hätten keinerlei Grundlagen. «Stocks ist und gilt als erfolgreiche Lancierung. Auch bei unserem Mutterhaus Axel Springer in Deutschland», fügt Büchi an und doppelt nach: «Das Magazin steht felsenfest da.»
Bei den anderen Titeln im Schweizer Zeitschriftenmarkt ist von Schock bis Erleichterung alles zu haben. Die gute Nachricht vorweg: Facts kehrt nach Besorgnis erregendem Krebsgang im letzten Jahr auf den Wachstumspfad zurück. Allerdings ist mit den zusätzlich verkauften 2133 Exemplaren (+2,1%) die Scharte des Vorjahres noch nicht ganz ausgewetzt. Laut Tamedia-Sprecher Peter Hartmeier ist der Gewinn bei Facts vor allem der «zunehmenden Treue der Abonnenten» zuzurechnen.
Ein veritabler Schock erreicht uns aus der Zeitschriftenlandschaft der Romandie. L’Hebdo verlor happige 5424 Exemplare oder ganze 9,7%. Damit hat der bereits in den Vorjahren zu beobachtende Auflagenschwund dieses Jahr einen dramatischen Tiefpunkt erreicht. Im Westschweizer Zeitschriftenmarkt ebenfalls massiv im Krebsgang war der Programmtitel TV8, der 2962 Exemplare (–5,3%) einbüsste. Aber nicht nur L’Hebdo und TV8 machen Ringier Romandie im Moment wenig Freude. Auch L’Illustré fuhr im Rückwärtsgang und verlor 1526 Exemplare (–1,6%).
Ein Trost: Es gab auch Lichtblicke unter den Westschweizer Zeitschriften. So war Bon à Savoir weiter im Vormarsch und legte um 2700 Exemplare (+2,7%) zu. Freuen kann sich neben dem bereits erwähnten Bilan auch das Magazin Animan, bei dem es um 1056 Exemplare (+4,8%) vorwärts ging. An der Jahresmedienkonferenz vom vergangenen Dienstag äusserte sich Michael Ringier trotzdem mehrheitlich zufrieden mit den Auflagenentwicklungen seiner Westschweizer Titel. Mit Blick auf das besonders stark gebeutelte Magazin L’Hebdo sagte er, das Heft sei mittlerweile stark überarbeitet worden.
Probleme machen auch die Koch- und gewisse Frauentitel
Von herben Enttäuschungen war auch der Deutschschweizer Zeitschriftenmarkt nicht verschont. Der Kulturtitel Du büsste satte 4348 Exemplare (–16%) ein. Und auch mit ihrem anderen Nischenprodukt, dem werbefreien Spick, war Tamedia massiv im Krebsgang (–7938 Exemplare oder –15,0%).
Auch der Meyer Verlag in Jona kann mit der aktuellen Entwicklung seiner Titel kaum zufrieden sein. Das Kochblatt Chuchi rutschte um nicht weniger als 9301 Exemplare (–8,7%) und fiel damit erstmals seit über zehn Jahren unter die magische 100000er-Marke. Verlagsleiter Max Frei ist allerdings überzeugt, dass die Talsohle nun erreicht ist. «Mit dem Redaktionswechsel (von Annemarie Wildeisen zu Hanspeter Eggenberger) und einem stark verbesserten Konzept wird dem Auflagenrückgang entgegengewirkt», erklärt er. Genau das Gegenteil erwartet hingegen die AZ Mediengruppe, für die Wildeisen seit kurzem die Zeitschrift Kochen produziert. Ein Teil von Wildeisens Fangemeinde werde von Chuchi zu Kochen wechseln, ist man dort überzeugt. Ein kleiner Trost: Auch die anderen beiden Kochblätter, Le Menu und Saisonküche, haben markant Auflage eingebüsst.
Erneut Auflagenprobleme hat der Verlag Meyer mit seinem Frauenheft Meyer’s, das ebenfalls erstmals unter die Marke 100000 fiel. Immerhin konnte der Verlust (–6653 Exemplare oder –6,4%) gegenüber dem Vorjahr aber beinahe halbiert werden. Mit dem diesjährigen Taucher soll nun aber auch bei Meyer’s die Talsohle erreicht sein, sagt Frei. «Nach dem durch einen Relaunch bedingten Rückgang im Jahr 2000 hat sich die Auflage im 2001 vollumfänglich gefestigt», erklärt er.
Im Gegensatz zu Meyer’s haben sich die anderen Deutschschweizer Frauentitel gut gehalten. Annabelle vermochte ihre Auflage nach Jahren des Rückgangs im letzten Jahr zu stabilisieren. Und auch Bolero konnte sich präzis auf dem Vorjahresniveau halten. Erstmals beglaubigt wurde die Wohnzeitschrift Annabelle Création, die auf 102866 verkaufte Exemplare kommt.
Noch keine Auflagenzahlen gibts vom Sportmagazin der AZ Fachverlage. Das in Sachen weibliche Reize oft freizügige Heft gewährt auch zwei Jahre nach dem Start noch keine Einblicke in seine eigenen Verkaufszahlen – was sicherlich kein Hinweis auf herausragende Ergebnisse ist. «Wir werden aber nächstes Jahr sicher beglaubigen», verspricht Verlagsleiterin Riccarda Mecklenburg. Aber auch sonst waren die AZ Fachverlage nicht vom Auflagenglück gesegnet: Fit for Life war um 869 Exemplare (–4,1%) im Krebsgang und beglaubigt noch knapp über 20000.
Bös getroffen hats dieses Jahr die KI Konsumenteninfo AG. Deren Leadermagazine K-Tipp und Puls-Tipp waren erstmals in ihrer Geschichte im Abwärtstrend. Und zwar massiv. Dem K-Tipp gingen nicht weniger als 41496 Exemplare (–10,9%) verloren. Das werbefreie Saldo aus dem gleichen Verlag holte im Gegenzug aber lediglich 20002 zusätzliche Käufer (+14,2%). Das heisst, die zweiwöchentlich erscheinenden Konsumententitel der KI Konsumenteninfo mussten unter dem Strich eine Einbusse von über 20000 Exemplaren hinnehmen. Allerdings hat René Schuhmachers Verlag auch starke junge Pferde im Stall. Das viermal pro Jahr erscheinende K-Spezial kletterte um 24316 Exemplare (+30,7%). K-Geld (sechsmal jährlich), das erstmals beglaubigt, kommt auf 42974 verkaufte Exemplare. Fortissimo spielt im Moment auch das SRG-nahe Nischenprodukt Radiomagazin von der KI Konsumenteninfo. Es realisierte einen Zugewinn von nicht weniger als 11450 Exemplaren (+36,6%).
Lachender Dritter neben K-Tipp und Saldo ist der Beobachter (+0,3%). Sein Abstand zum K-Tipp, der vor drei Jahren noch bei 50000 Exemplaren lag, ist auf jetzt auf 2200 Exemplare geschmolzen. Der Sprung zurück an die Spitze der Deutschschweizer Zeitschriften ist greifbar. Doch ob dies dem Beobachter im laufenden Jahr gelingt, steht angesichts seiner internen Spannungen und der ungewissen Zukunft noch in den Sternen.
Kein gutes Jahr hat die Programmpresse hinter sich. Den meisten Programmies liefen die Käufer davon. TR7 aus dem Hause Jean Frey AG verlor 5002 Exemplare (–2,9%). Und auch das Ringier-Heft Tele war um 3800 (–1,4%) im Krebsgang. Im konjunkturell trüben vergangenen Jahr scheint allgemein wenig Kauflust für Programmhefte da gewesen zu sein. Darauf deutet auch der oben besprochene Taucher des Westschweizer TV8 hin. Zumindest eine gewisse Schuld an der Rutschpartie der Deutschschweizer Programmhefte dürfte TV Vier treffen. Das vierwöchige Programmheft des Vierwaldstätter Verlages, das seit März 2001 den Deutschschweizer Programmie-Markt aufzumischen versucht, ist seinerseits aber nicht beglaubigt. Und auch vom Verlag waren keine Angaben zur aktuellen Entwicklung erhältlich.
Selbstdeklaration mit Vorbehalt Die ausgewiesenen Auflagezahlen beruhen auf Selbstdeklaration der Verlage. Da am Stichtag, dem 1. April, noch nicht alle Werte von der Wemf überprüft waren, ist nicht auszuschliessen, dass sich beim einen oder anderen Titel noch leichte Veränderungen ergeben können. Die Wemf wird das offizielle Auflagenbulletin im Mai publizieren.

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