Bilanz will Flugzeugträger und Leuchtturm sein

Das Wirtschaftsmagazin wird 25 Jahre alt und plant im März einen Relaunch

Das Wirtschaftsmagazin wird 25 Jahre alt und plant im März einen RelaunchWenn Chefredaktor Medard Meier das Bilanz-Konzept erklärt, vergleicht er das Flaggschiff der Wirtschafts-Medien AG mit einem Flugzeugträger, von dem aus diverse Flugzeuge (gleich Sonderhefte) starten. Tatsächlich lancierte die Bilanz allein dieses Jahr neben ihrem Monatsheft 20 Specials und fünf Bücher. Einige davon, so das eben erschienene Lifestyle-Special Luxus, sind separat am Kiosk erhältlich. Die Jubiläumsausgabe, ab 29. Oktober im Handel, ist hingegen nur zusammen mit dem regulären Novemberheft zu kaufen. Andererseits geht zum Beispiel die Manager-Bilanz nur an Abonnenten. Das Bilanz-Highlight ist und bleibt aber das Hauptheft Nummer 12 – mit dem Rating der 300 reichsten Schweizer. Am
Kiosk werden davon jeweils gegen 30000 Exemplare abgesetzt, das Doppelte der üblichen Kioskauflage.
Finanziell müssen die Sonderhefte selbsttragend sein. Dafür sorgen Inserate, teilweise aber auch Sponsoren (Manager-Bilanz). Elke Zappe, Geschäftsführerin der WM AG, duldet jedenfalls kein defizitäres Special mehr.
So wurde die Auto-Bilanz eingestellt – zu gross ist die Konkurrenz durch Autosalon-Beilagen. Auch die KMU-Bilanz wurde gestoppt. Gemäss Zappe liegt zwar ein neues Konzept in der Schublade, doch wartet man damit noch «auf den rechten Zeitpunkt». An tatsächlichen Neuversuchen fehlt es jedoch nicht: Im Dezember kommt erstmals ein Wein-Special, erwogen werden weitere Sonderhefte zu Lifestyle-Themen.
Nur «leicht erschüttertes»
Bilanz-Leservertrauen
Teil des Bilanz-Konzeptes ist auch der «Bilanz Business Talk», jeweils siebenmal jährlich auf Presse-TV zu sehen. Dazu gab es in den letzten Jahren diverse Ausbaupläne, bis hin zu einer täglichen Sendung. Derzeit liegen diese aber auf Eis. Zappe will jedoch die Reichweite, die zwischen 2,5 und 7% liegt, bis Ende 2004 auf konstante 7% hoch bringen.
Betriebswirtschaftlich ist die Bilanz kein Ozeanriese, sondern ein Rheinschiff. «Die WM AG ist ein KMU», sagt Zappe: 38 festangestellte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter setzten im Geschäftsjahr 01/02 rund 21 Millionen Franken um, gut zwei Millionen davon stammten von Sponsoren. Die Rendite belief sich auf rund 10%.
Das derzeit laufende Kurzjahr wird gemäss Zappe noch erfolgreicher. Nächstes Jahr dagegen sollten die Zahlen gemäss Budget zwar insgesamt schwarz bleiben, doch ist bereits absehbar, dass die Bilanz wie andere Wirtschaftstitel auch Leservertrauen verliert. Zappe spricht zwar im Fall der Bilanz «von einem nur leicht erschütterten Vertrauen», doch die Auflage hat schon heute den tiefsten Stand (55 733 Exemplare) seit 1993 erreicht – dem Jahr, in dem sie das Magazin Politik&Wirtschaft schluckte. Und die Auflage wird gemäss Zappe weiter sinken.
Parallel dazu werden wohl auch Leser abspringen, nachdem schon in den letzten zwei Jahren insgesamt 21000 Leser die Bilanz zur Seite gelegt haben. Dramatisch ist das (noch) nicht, denn mit 440000 Lesern steht das Blatt um rund einen Drittel besser da als Cash oder NZZ. Und von den Leadern erreicht das Magazin 42%.
Zappe ist jedoch fest entschlossen, ihr Schiff punkto Auflage wieder in Richtung der magischen Zahl 60000 zu navigieren. Dazu soll der Flugzeugträger mittels Relaunch im März überholt werden. Derzeit analysieren Fokusgruppen unter Leitung von Ex-Tamedia-Manager Kurt W. Zimmermann die Lage. Auch die Publitest-Marktforschung wird beigezogen.
Was sich konzeptionell oder gar publizistisch ändern wird, ist noch offen. Kapitänin Zappe will aber, dass die Bilanz den Vorteil längerer Recherchezeiten stärker nutzt und sich wieder ihrer «Leuchtturmfunktion» besinnt. Was wohl bedingt, dass nebst der Renovation des Schiffsrumpfs auch die Mannschaft ihr Wissen auffrischt und mit solidem Handwerk ein starkes Turmfundament erstellt. Markus Knöpfli

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