Der letzte Tanz

Am 23. November geht im Zürcher Opernhaus der Vorhang auf zur Premiere von «La belle vie», einem der ganz grossen Werke von Heinz Spoerli zur Musik von Jacques Offenbach.

Am 23. November geht im Zürcher Opernhaus der Vorhang auf zur Premiere von «La belle vie», einem der ganz grossen Werke von Heinz Spoerli zur Musik von Jacques Offenbach.. Im «schönen Leben» geht es um wirtschaftlichen Fall, um Revolution und Liebe. Erzählt wird die Geschichte einer reichen Familie in der Zeit der Französischen Revolution. Durch den Börsencrash ruiniert verliert die Familie alles, selbst die Töchter, die sich an Freier verdingen und für diese Cancan tanzen. Die historische Parallele zur heutigen Zeit inspirierte Frank Bodin und die Kreativen von Euro RSCG zu einem Plakat, das mit einer einmaligen, ja sogar historischen Fotografie arbeitet: Gezeigt werden tanzende Broker in der alten Zürcher Börse, als diese 1995 geschlossen wurde. Löwe gegen Bär. In der Schlussphase der Meisterschafts-Vorrunde trifft der Fussball Club Zürich anfangs Dezember auf die Young Boys aus Bern. Um trotz unglücklich verlaufener Saison noch einmal möglichst viele Fans auf den Letzigrund zu locken, wirbt der FCZ jetzt mit einem Plakat für den Besuch dieses entscheidenden Matches. Zumindest dieses Plakat darf als ein schön versenkter Treffer gewertet werden. Die Hesskiss-Kreativen setzten den Fight kurzerhand mit den Tieren um, welche die Wappen der beiden Städte zieren – dem Zürcher Löwen und dem Berner Bär. Dass diese Bestien in der freien Wildbahn gar nie aneinander geraten können, macht dabei einen zusätzlichen Reiz des von André Willimann im Dürer’schen Stil umgesetzten Visuals aus. Das Plakat soll bei den FCZ-Fans bereits Kult sein – was nicht wundert: Der Bär scheint bereits besiegt zu sein.
Es gilt das gesprochene Wort. Schlagzeilen sind das tägliche Brot der Zeitung. Nur logisch also, dass Zeitungen auch bei der Werbung mit Vorzug auf das Wort setzen. Das ist schon bei verschiedenen Kampagnen für Printprodukte bewiesen worden. Auf ziemlich freche Art aktuell auch von der Weltwoche. «Nach der täglichen Pflichtlektüre haben Sie das Kürprogramm verdient», steht in grossen blauen Buchstaben auf einem Halbkarton, der als «Kuckuckswerbung» der Neuen Zürcher Zeitung beigelegt worden ist. Ein gleiches A4-Blatt mit dem Claim «Alle Fakten sprechen für die Weltwoche» ist auch den Schweizer Abonnenten des Nachrichtenmagazins Der Spiegel eingesteckt worden. Ursprünglich sollte das Mailing nur in Facts für umsteigewillige Leser werben. «Aber wir dachten, der Text funktioniert auch mit dem Spiegel», meint WeltwocheVerlagsleiterin Uli Rubner gegenüber der WerbeWoche. Ob sie wohl mit der Gleichschaltung ein verstecktes Kompliment an die Facts-Redaktion aussprechen wollte?
Tonhalle biedert sich an. Die Zürcher Kulturinstitution Tonhalle will bei einer diffus als «jung» verstandenen Zielgruppe attraktiver werden. Um entsprechende Massnahmen umzusetzen, wurde der Zürcher Plakatkünstler Ivar Breitenmoser engagiert. Entstanden sind Plakate, die vordergründige Wortspiele und veraltetes Technovokabular («Rave» war 1992 schon mega-in) zu provinzieller Flyer-Grafik kombinieren. Statt das durchaus mit urbanen Avantgardisten kompatible Kulturangebot «live gespielte Musik von spannenden Künstlern» zu kommunizieren, setzen die Plakate die Tonhalle auf die gleiche Stufe mit dem von Kommerz und Aufriss dominierten Nachtleben in lärmigen Grossclubs.
Cinecomback. RMB Switzerland und RMB Austria heissen ab dem 1. Januar 2003 wieder Cinecom. Schon vor dem Namenswechsel lanciert das Unternehmen verschiedene Initiativen in den Bereichen Strategie, Innovation und Marktauftritt. Nachdem die Bereiche Verkauf und Marketing in den letzten Monaten verstärkt und die Unternehmensstrukturen vereinfacht worden sind, verspricht CEO Matthias Luchsinger «neue Produkte und Dienstleistungen». Das neue Logo, das von der Zürcher Designagentur Trend World/TBS entwickelt wurde, wird je nach Anwendung mit dem Claim «Werbung auf dem ersten Platz» ergänzt.
IGMA tritt kollektiv in den BSW ein. Die ausserordentliche GV des BSW hat die zehn Mitglieder der Interessengemeinschaft Mediaagenturen (IGMA) nach intensiven Gesprächen über einen Zusammenschluss in corpore in den Verband aufgenommen (siehe WW 32/02). Wie BSW-Vorstandsmitglied Christof Kaufmann erklärte, werden die zehn Mediaagenturen unter dem Namen «IGMA – Interessengemeinschaft Mediaagenturen im BSW» gemeinsam ihre Interessen vertreten. In der IGMA sind die zehn führenden Mediaagenturen der Schweiz mit jährlichen Billings im Gesamtwert von rund 1,2 Milliarden Franken vereinigt.
Witziger Wink an das Christkind. Zwar macht die Wirtschaftspresse auf Zweckoptimismus. Wer die Zahlen genau studiert, muss sich fragen, ob der Refrain «Süsser die Glocken nie klingen» fürs diesjährige Weihnachtsgeschäft tatsächlich angestimmt werden kann. Erfahrungsgemäss generieren Warenhäuser rund 30 Prozent ihres Umsatzes in der Vorweihnachtszeit. Dieser Gedanke wurde von Wyler Werbung in einem Sujet für Shoppi & Tivoli umgesetzt. Dank seines ausgesparten Platzes für viele Geschenke macht das geschmückte Tännchen Hoffnung auf hell klimpernde Kassen. Ein Werbestil aus dem Hause Wyler, der übrigens immer mehr internationale Anerkennung findet. Selbst beim grössten Detailhandelskongress in den USA sollen seine Anzeigensujets dieses Jahr lobend erwähnt worden sein.
Editorial

Wehe dem, der in Vergessenheit gerätMassive Druckversuche aus Politik und Wirtschaft auf Redaktionen und Verlage sind nach Einschätzung des Schweizer Presserats seltener geworden. Trotzdem gebe
es subtile Formen der Einflussnahme nach wie vor. Die grösste Gefahr der redaktionellen Unabhängigkeit liege in der zunehmenden Verflechtung von Medienunternehmen und werbetreibender Wirtschaft, unter dem sonst positiv konnotierten Stichwort Crossmedia. Zu diesem Ergebnis kamen drei vom Presserat in Auftrag gegebene Recherchen, die zu dessen 25-jährigen Bestehen vorgestellt wurden.
In seiner Untersuchung kommt Christian Mensch zum Schluss (siehe Seite 12), dass die Gefahr, Anzeigen zu verlieren, heute geringer sei als die meisten Redaktorinnen und Redaktoren glaubten. Die wenigsten «Möchtegern-Boykotteure» könnten sich einen Boykott leisten, denn ein solcher koste doppelt. Wer Medien mittels illegitimer Druckversuche züchtigen wolle, riskiere einen Imageschaden, wenn das Ganze publik werde. Zudem sei auch ein wirtschaftlicher Preis zu bezahlen, wenn das Zielpublikum weniger optimal erreicht werde. Denn Werbung ist ja nie Selbstzweck, sie muss verkaufen. Und kein erfolgreiches Unternehmen reduziert freiwillig und ungestraft Werbedruck beziehungsweise seine Medienpräsenz.
Heute sind ideologisch motivierte Inseratesanktionen seltener geworden. Boykotte haben in aller Regel Kampagnencharakter und sind häufig durch Charakterköpfe – wie Karl Schweri oder Walter Frey – persönlich oder politisch gefärbt. Pragmatisch ausgerichtete Unternehmen hingegen knüpfen ihre Werbung nicht an redaktionelles Wohlverhalten. Sie schalten ihre Anzeigen in den Medien, bei denen Auflage, Reichweite, Preis und Zielpublikum einen optimalen Ertrag der investierten Mittel versprechen. In einer auf permanente Kommunikation fixierten Mediengesellschaft kommt es nämlich darauf an, fortlaufend Präsenz zu markieren, um nicht in Vergessenheit zu geraten. Und sei es, wie kürzlich Fiat, gar durch ein vierfarbiges Autoinserat in einem Werbeträger, der
bislang kaum ein gutes Wort für unsere automobile Gesellschaft übrig hatte wie die Wochenzeitung WoZ.
Samuel Helbling, Chefredaktor

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