Zensur? Aber ja!

Aufgefallen Journalistische Forderungen nach gänzlich freier Kriegsberichterstattung sind nicht nur naiv, sondern auch illegitim. Ausserdem: Was ist schon die reine Wahrheit?

Kolumne Journalistische Forderungen nach gänzlich freier Kriegsberichterstattung sind nicht nur naiv, sondern auch illegitim. Ausserdem: Was ist schon die reine Wahrheit?Es gibt keinen Krieg ohne Journalisten, die sich über Versuche empören, ihrer Berichterstattung Grenzen zu setzen oder sogar Zensur auszuüben. Das US-Angebot, mehr als 500 Presse- und Fernsehkorrespondenten als «embedded journalists» mit den Soldaten an die Front reisen zu lassen, gilt Kritikern als besonders perfide Strategie der Informationskontrolle: Zu vermuten sei, so heisst es, dass diese Nähe von Krieger und Kriegsberichterstatter zu einer Identifikation der Letzteren mit den Ersteren führe. Überdies habe das Pentagon Regeln für das Verhalten der «Info-Kombattanten» (ZDF-Redaktor Ulrich Kienzle) formuliert, die eine freie Berichterstattung unmöglich machten. Im «Central Command» in Doha schimpfen zugleich Hunderte von Journalisten über routiniert vorgetragene Leerformeln.Schon wurde ein Reporter des Christian Science Monitor von den Alliierten Streitkräften aus dem Südirak ausgewiesen. Er hat nach Ansicht der Militärs zu genaue Angaben über Positionen und Operationen ihrer Einheiten gemacht. NBC kündigte seinem Reporter Peter Arnett, einem publizistischen Veteranen des ersten Golfkriegs, weil er sich im irakischen Propagandafernsehen zum Kronzeugen gegen die Koalition hatte machen lassen. Darin erkennen jene deutschen Medienkritiker einen weiteren Beleg für den grenzenlosen Patriotismus der US-Networks, die schon die Nichtausstrahlung der TV-Bilder von gefallenen GIs als Selbstzensur gerügt hatten.
Was da in der Pose der Verteidiger einer freien Presse gegen das Schweigekartell des (natürlich angloamerikanischen) militärisch-politischen Komplexes daherkommt, ist
in Wirklichkeit eine Mischung aus Dummheit und dreister Geschäftstüchtigkeit. (Der kleine Rest an ernst zu nehmender Besorgnis darf an diesem auf Zuspitzung angelegten Ort getrost vernachlässigt werden.) Schandbar dumm
ist es, wenn Journalisten nicht begreifen, dass auf einem Kriegsschauplatz andere Gesetze gelten als etwa im Treibhaus politischer Intrigen oder im Dschungel der Bilanzmanipulationen grosser Konzerne.
Krieg ist der ultimative Ernstfall, in dem gekämpft und gestorben wird. Information ist dabei eine wichtige Waffe – immer auch für den Gegner. Deshalb gibt es die ganze Wahrheit, was immer das sein mag, erst nach Ende der Kampfhandlungen. Wie blauäugig bis borniert muss sein, wer nicht begreift, dass Angaben über die Bewaffnung und Position einer Einheit Nachrichten enthalten können, die Leib und Leben der Soldaten gefährden? Und soll das «Central Command» im Ernst dem Haufen journalistischer Wegelagerer Einsicht in seine Kriegspläne gewähren, damit Saddam sie dann bei CNN betrachten kann? Wer so etwas fordert, will die Selbstaufgabe durch Medienöffentlichkeit.
Peter Arnett dagegen ist gewiss nicht so blöd. Der Ex-CNN-Mann, der bei diesem Krieg etwas ins Abseits geraten ist, wollte einfach mal wieder auf sich aufmerksam machen und tönte deshalb so vollmundig in Saddam Husseins TV-Kanal. Wer eine Bude auf dem Markt hat, muss Krach machen: Diese Devise ist das einzige Motiv für ein Interview, für das er mit guten Gründen gefeuert wurde. So erinnern Kriegszeiten daran, dass es auch für Journalisten Grenzen gibt. Von dieser Einsicht soll man sich auch nicht durch den lautstarken Zensurvorwurf abbringen lassen.
> Heribert Seifert ist Medien- und Kulturkorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung und lebt als freier Journalist in Norddeutschland.

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