Neuer Mäzen oder MBO

Zeitschriften Tamedia kann seinen defizitären Prestigetitel Du nur noch verschenken. Die Frage ist bloss, an wen.

Zeitschriften Tamedia kann seinen defizitären Prestigetitel Du nur noch verschenken. Die Frage ist bloss, an wen.An die zwei Millionen Franken soll das kulturelle Aushängeschild der Tamedia dessen langjährigen Gönner und Fürsprecher Hans Heinrich Coninx laut Insidern allein 2002 gekostet haben. Darunter leidet auch der Markenwert, selbst wenn es sich um einen publizistischen Edelbrand wie Du handelt. Mehr als die Marke steht angesichts der langjährigen Negativbilanz des Du in diesem Falle aber eigentlich nicht zum Verkauf.Deren aktuellen Wert beziffert Kurt W. Zimmermann auf Anfrage mit «einem Franken». «Die Märkte bezahlen derzeit keinen Goodwill für defizitäre Marken», sagt der Ex-Tamedia-Manager. Der jetzige Unternehmensberater hält den Traditionstitel für «absolut nicht kommerzialisierbar», weswegen seriös wirtschaftende Grossverlage ein solches Angebot dankend ablehnen müssten.
Auch für G+J kein ThemaTatsächlich stellt sich die Frage, welcher Verlag sich ein solches Kulturengagement noch leisten kann oder will. Die Schweizer Wettbewerber haben durchs Band selber Geldsorgen, denen – wie kürzlich bei Ringier – auch schon mal eigene Zeitschriftenprojekte zum Opfer fallen. Und bei potenziellen deutschen Interessenten wie Gruner + Jahr ist «so eine Auslandsinvestition momentan sicher nicht in der Optik», erklärt Pressesprecher Kurt Otto der Werbewoche.
Bleiben zur Existenzsicherung der im 62. Jahrgang befindlichen «Kultur-Enzyklopädie» (Eigendefinition) nur zwei Varianten: Entweder es
findet sich schnell ein vermögender Du-Enthusiast, der das Magazin mit siebenstelligen Jahresbeiträgen weiter subventioniert. Oder aber Redaktions- und Verlagsleitung entschliessen sich zum Management Buyout (MBO) – etwa nach Vorbild der Architekturzeitschrift Hochparterre, welche die Curti Medien 1991 für einen symbolischen Stutz und die Übernahme der Desinvestitionskosten der Belegschaft überliess.
Für Du-Chefredaktor Christian Seiler haben Mäzen- und MBO-Szenarien allenfalls «zweite und dritte Priorität». Er würde sein Heft am liebsten «in ein vernünftiges neues Verlagsumfeld» einbetten. Gleichzeitig lässt Seiler keinen Zweifel daran, dass er und seine Mannschaft nur für ein Produkt zur Verfügung stehen, «das den Namen Du auch wirklich verdient». Ein solches hätten sie zusammen mit dem Gestalter Wendelin Hess in den letzten Monaten entworfen. Ob der Relaunch allerdings wie geplant im September über die Bühne geht, sei noch ungewiss und abhängig davon, ob sich bis dahin eine neue Trägerschaft konstituiert habe.
Drastische Redimensionierung

Im Zuge der «grundlegenden Neuausrichtung» ihres defizitären Zeitschriftenbereichs will Tamedia künftig alle verlegerischen Kräfte auf das Titeltrio Facts, annabelle und Schweizer Familie konzentrieren. Während die Line-Extensions annabelle business (per sofort) und annabelle wohnen (per Ende August) eingestellt werden, hat der Tamedia-VR das Kulturmagazin Du sowie Spick vergangene Woche offiziell zum Verkauf ausgeschrieben. Geschlossen werden soll bis Mitte 2005 auch der Bereich Akzidenz-Rollenoffset-Druck. Diese Massnahmen führen zum Abbau von 140 Stellen. (oc)
Oliver Classen

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