Zürcher Oktoberrevolution

Theatermarketing I Mit einem Theatermontag läutet das Zürcher Schauspielhaus seine letzte Saison der Ära Marthaler ein. Publicis bedient sich dazu der russischen Revolutionsgrafik.

Theatermarketing I Mit einem Theatermontag läutet das Zürcher Schauspielhaus seine letzte Saison der Ära Marthaler ein. Publicis bedient sich dazu der russischen Revolutionsgrafik.Wenn am 27. September im Schiffbau und eine Woche später im Pfauen der Vorhang zur Saison 2003/04 aufgeht, buhlt das grösste Sprechtheater der Schweiz nicht allein mit Klassikern und Blockbuster-Reprisen um die Gunst des Publikums. Um dieses wieder zahlreich anzulocken, sind nebst den klassischen Abos zusätzliche Massnahmen gefragt. Allerdings erwartet man keine Aboabsatzzahlen wie im Marthaler-Hype 2000/01, als der Verkauf entsprechend zu den hoch gesteckten Erwartungen auf über 4800 Abos schnellte. Den damaligen Spitzenwert führt Schauspielhaus-Verkaufsleiter Christoph Stuehn heute auf einen grossen Anteil an temporären Adabeis zurück – in seinen Augen hätten in diesem Spitzenjahr auch viele Theaterbesucher ein Abonnement gelöst, die nachträglich feststellen mussten, dass sie keine wirklichen «Abotypen» seien. Allerdings hat sich seit dem massiven Einbruch auf 3124 bezahlte Abos, die für die Saison 2001/02 gelöst wurden, die Situation in der vergangenen Saison (3396 Abos) nur leicht erholt. Für die letzte Spielzeit der Ära Marthaler erwartet Stuehn eine stabile bis leicht zunehmende Entwicklung.
Keine PreiserhöhungDie Aboverkäufe der Kulturinstitutionen gehen seit Jahren zurück. Auch beim Theater will sich der Konsument nicht mehr langfristig verpflichten. Davon betroffen ist auch das mehrfach ausgezeichnete Schauspielhaus, ausgerechnet unter Marthaler, der den politischen Ausbruch in die Welt wagte. Doch haben Gegen- und Subkultur, auch wenn sie von renommierten Ensembles in Zürich präsentiert werden, ein schweres Los. Erst recht in der Wirtschaftskrise.
Um die Finanzen wieder ins Lot zu bringen, wurden verschiedene Anstrengungen unternommen. Stuehn: «Das Schauspielhaus hat weiterhin ein hohes Einnahmensoll im Vergleich zu deutschsprachigen Bühnen.» Ergo muss ein hoher Teil der Einnahmen an der Kasse erwirtschaftet werden. «Wir haben einen Mechanismus gesucht, um Leute günstiger ins Theater zu locken, ohne dabei das Preisgefüge zu unterlaufen oder andere Angebote zu kannibalisieren», ergänzt Stuehn. Die Lösung fand der Verkaufsleiter im Theatermontag, dem Wochentag mit den wenigsten Abos. In Absprache mit der Migros kündigte man eines der zwei Abos und führt nun mit massiver Unterstützung des Migros Kulturprozents das neue Angebot ein, bei dem Einheitspreise gelten.
Obschon sich die Verantwortlichen am Schauspielhaus bezüglich dieser Innovation bescheiden geben, sah die Publicis-Crew um Markus Gut im neuen Angebot etwas Revolutionäres. Da die originelle Aktion einen starken Image-effekt auslösen dürfte, wollten die Kreativen diesen passend zum unbequemen Erscheinungsbild des Schauspielhauses umsetzen.
Friede den Kassen!
Angelehnt an die Losung der russischen Futuristen – «Alle Kunst – dem ganzen Volk!» – nimmt die Launchkampagne die Bildsprache des russischen Konstruktivismus auf und überhöht die Revolutionsmotive eines Lissitzky oder Rodtschenko auf theatralische Art. So beliess man die rote Fahne, entfernte aber Hammer und Sichel, um sie durch den bekannten Schiffbau-Stuhl zu ersetzen. Darauf nehmen aber nicht Angehörige der Kulturschickeria Platz, sondern gleichgestellte Arbeiter, Bauern und Soldaten. Auf drei Motiven wird das Kulturerlebnis zum kollektiven Akt emporstilisiert. Im Duktus der Propaganda fügt Markus Gut schmunzelnd hinzu: «Das Klassensystem der Preise ist abgeschafft, das Schauspielhaus freut sich auf den Sturm auf die Kassen!» Bleibt zu hoffen, dass die Einführung des Theatermontags der nächsten künstlerischen Direktion aus allen Nähten platzende Säle beschert.
Mit der Brech(t)stange wird fürs Montagspublikum geworben.
Theatermarketing Das Schauspielhaus Zürich führt einenTheatermontag mit Einheitstickets ein – Markus Gut plünderte zur Launchkampagne die russische Revolutionslyrik. >> S. 7
Luca Aloisi

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