Endlich etwas bewegen

Blick Seit Jahren sinkt die Auflage. Mit dem Tabloid-Versuch erprobt Ringier ein neues Rezept gegen den Schwund.

Blick Seit Jahren sinkt die Auflage. Mit dem Tabloid-Versuch erprobt Ringier ein neues Rezept gegen den Schwund.Es ist ein Frust: Die Blick-Auflage sinkt seit Jahren. 1996 betrug sie 322 032 Exemplare, vor einem Jahr waren es noch 292 292 (–9,2 Prozent), und nun sank sie erneut um 5,8 Prozent auf 275 275 Exemplare, unter anderem wegen der verlorenen Swiss-Abos. «Die Leserzahlen sind seit Jahren sehr stabil. Aber wir haben jahrelang tröpfchenweise Auflage verloren, trotz veränderten Konzepten, überarbeiteten Layouts und neuen Chefredaktoren», sagt Bernhard Weissberg, Leiter Zeitungen bei Ringier. Mittlerweile ist beim grössten Schweizer Medienkonzern die Überzeugung gereift, dass tiefgreifendere Änderungen nötig sind. Man schaute sich im Ausland um und kam zum Schluss, es mit dem Tabloid zu probieren. Weissberg: «Wir wollen endlich etwas bewegen.» Das Hauptziel: den Auflageschwund stoppen.Am 3. Mai ist es nun so weit: An 3000 Kiosken ist sowohl ein gehefteter Ein-Bund-Tabloid- als auch ein üblicher Broadsheet-Blick erhältlich. Die Zeitungsboxen und die Fluggesellschaften erhalten den «kleinen» Blick, die Abonnenten hingegen den «grossen». Letztere erhalten aber einen Gutschein, mit dem sie mehrmals kostenlos einen Tabloid-Blick am Kiosk beziehen können.
«Nicht teurer als ein Pretest»
Auf eine Voraus-Marktforschung hat man verzichtet. «Nur mit dem Tatbeweis können wir zeigen, dass in beiden Formaten tatsächlich gleich viel steht. Zudem ist der Versuch eine Live-Marktforschung: Sie kommt uns nicht viel teurer, als wenn wir einen Pretest gemacht hätten», sagt Weissberg.
Ringier wird denn auch verschiedene Reaktionskanäle für die Leserschaft einrichten und auswerten: Leserbriefe, Anrufe im Callcenter, das Blick-Telefon (der erste Lauf fand schon am vergangenen Donnerstag statt). Zudem ist eine Leserforschung geplant, die dannzumal auch inhaltliche Aspekte ergründen wird.
Der Blick, dessen reguläre Druckauflage 310 000 Exemplare beträgt, wird für den Versuch auf gut 340 000 Exemplare erhöht. Davon dürften rund 115 000 Exemplare im Tabloid-format gedruckt werden. «Für Werbekunden ist der Versuch ideal», wirbt Weissberg. «Sie erhalten in jeder Hinsicht mehr Blick: eine höhere Auflage, gesteigertes Leser-interesse und zusätzliche mediale Beachtung.» Der Versuch werde zudem durch eine Kampagne der Agentur GGK (Inserate, Plakat, TV und Radio) begleitet. Und: Die Zusatzauflage ist für die Werbekunden gratis, sie müssen einzig zwei verschiedene Vorlagen liefern. Stellt sich die Frage, wie lange? Dazu Weissberg: «Zwischen ein bis drei Monate, höchstens aber bis zu den Sommerferien. Dann muss ein Entscheid her.» Künftig den Blick in beiden Formaten zu drucken, schliesst er zwar nicht aus, doch lassen sich zwei Formate derzeit nur im Verhältnis 1:2 drucken. Weissberg vermutet, dass das Tabloidformat die Oberhand gewinnen wird.
Gleicher Inhalt, andere Verpackung: Am Kiosk hat der Blick-Käufer die Wahl zwischen zwei Formaten.
«Für Werbekunden ist der Versuch ideal.» Bernhard Weissberg,
Leiter Zeitungen, Ringier
Independent: Tabloid lohnt sichDer Independent hat sich die Umstellung eines Teils der Auflage ins Tabloidformat 4 bis 5 Millionen Pfund kosten lassen. Dank dieser
Massnahme konnte die britische Qualitätszeitung die verkauften Exemplare aber um fast 43 000 auf über 250 000 steigern. «Das ist die sinnvollste Ausgabe, die wir je getätigt haben», kommentierte Independent-CEO Ivan Fallon. Besonders Jüngere und Frauen haben offenbar auf das kleinere Format angesprochen. Möglich ist, dass der Independent bald nur noch als Tabloid erscheint: Das Broadsheet wird bloss noch von 26 Prozent der Leser bevorzugt. «Eine Aufteilung 90 Prozent kompakt, 10 Prozent Broadsheet würde nicht viel Sinn machen», sagte Fallon. (mk)
Markus Knöpfli

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