Durchbeissen heisst die Parole

Wirtschaftspresse Nach langer Talfahrt wittert man in einigen Verlagen endlich wieder Morgenluft.

Wirtschaftspresse Nach langer Talfahrt wittert man in einigen Verlagen endlich wieder Morgenluft.Die Auflagenentwicklung bei der Wirtschaftspresse zeigt durchs Band das gleiche Bild: In den Jahren 1997 bis 2002 erreichten die Titel ihre Auflagen-Höhepunkte, und heute stehen alle schlechter da als noch 1996. Mit einer Ausnahme: Das Westschweizer Magazin Bilan blieb als einziger Titel bemerkenswert stabil – jeweils bei gut 19000 Exemplaren – heute steht es ziemlich genau in der Mitte seines Maximums (1996) und Minimums (1999). Bei den Leserzahlen sind Vergleiche nur schlecht oder gar nicht möglich, sie bestätigen insgesamt aber den Auflagentrend.«Seit dem Platzen der Internetblase ist die Wirtschaftspresse im Abwind, derzeit findet eine Marktbereinigung und ein Verdrängungskampf statt», sagt Filippo Leutenegger, CEO der Jean Frey AG. Sein Monatsmagazin hat mit –12,2 Prozent von allen Wirtschaftstiteln am meisten Leser verloren, mit –19,3 Prozent war es von Januar bis Juli 2004 auch der grösste Verlierer punkto Inseratevolumen.
Nicht auf Aufschwung warten
Dennoch bleibt die Bilanz der Schweizer Wirtschaftstitel mit der grössten Reichweite, und Leutenegger setzt alles daran, sein Flaggschiff wieder flott zu machen. Illusionen macht er sich allerdings nicht: «Der Relaunch vom Frühjahr 2003 hat nicht viel gebracht», konstatiert er. Auch auf einen wirtschaftlichen Aufschwung will er sich nicht verlassen. «Man muss selbst für eine Besserung sorgen», sagt der CEO, der deshalb bei der Bilanz «einige Dinge» prüft. Genaueres will er derzeit noch nicht sagen. Es sei aber nichts unantastbar, nicht einmal die monatliche Erscheinungsweise, ergänzt er.
Anders im Verlag Handelszeitung: Verleger Ralph Büchi sprüht vor Zuversicht, obwohl seine HandelsZeitung (HZ) ebenfalls einen Leserverlust ausweist. «Er ist aber nicht signifikant und zudem bereits historisch», sagt er. Aktuelle Daten zeigten hingegen, dass die HZ, aber auch Stocks und PME Magazine, die Trendwende geschafft hätten. So habe die HZ beim Einzelverkauf (EV) über das erste Semester 2004 um 9 Prozent zulegen können, bei den Abos sei sie zudem stabil geblieben. Stocks habe sich am Kiosk sogar um 45 Prozent steigern und auch bei den Abos gewinnen können. «Gemäss dieser Zwischenbilanz hat der Titel wieder über 20000 verkaufte Exemplare», freut sich Büchi. Beim PME Magazine seien Auflage und Einzelverkauf immerhin stabil. Nach dem Relaunch von vorletzter Woche sei hier die in den letzten Monaten gedrosselte Marketingmaschinerie wieder hochgefahren worden.
Selbst punkto Werbeeinnahmen sieht Büchi mehr als nur einen Silberstreifen am Horizont. Zwar war das Gesamtinseratevolumen in den ersten sieben Monaten dieses Jahres auch bei seinen Titeln noch rückläufig, doch sie stehen vergleichsweise gut da. Bei den kommerziellen Inseraten weist die HZ als einzige Nichttageszeitung sogar ein Wachstum von 3 Prozent auf. «Im derzeit stattfindenden Verdrängungskampf sind wir Marktanteils-Gewinner», freut sich Büchi. Der Relaunch der HZ vom letzten September sei im Hinblick auf den Aufschwung jedenfalls «super getimed» gewesen.
Qualität vor Quantität
Anders als seine Kollegen geht Gerhart Isler, Herausgeber der
Finanz und Wirtschaft (FuW), nicht von einem Verdrängungskampf aus. «Wir müssen lernen, längerfristig und in Zyklen zu denken», sagte er. Ob Cash, HZ, FuW oder Bilanz – sie hätten alle ihre Nischen, und es gehe ihnen doch auch recht gut, meint er. Isler ist seit 27 Jahren in der Branche tätig und hat ähnliche Auf und Abs schon mehr als einmal erlebt, letztmals 1987.
Jedenfalls sei die FuW punkto Auflage oder Leserzahlen wieder etwa dort, wo sie 1996, vor der Internetblase, gewesen sei, sagt Isler gelassen. Die aktuellen 135000 FuW-Leser betrachtet er denn auch als das Grundpotenzial seines Blattes, jene Personen also, die selbst bei schlechter Konjunktur nicht auf das «trockene, langweilige und komplizierte Fachblatt» verzichten können. Die neuen Leserzahlen hätten bei ihm auch deshalb keine Panik ausgelöst, weil sich die FuW im Werbemarkt ohnehin nicht über Auflage- oder Leser-Zahlen, sondern seit jeher über die Qualität der Zielgruppe und über ihren geringen Streuverlust verkaufe.
Gerupfte Blätter: Die Wirtschaftstitel haben in den letzten Jahren Auflage und Leser verloren.
Nach wie vor grosses VertrauenDas Ansehen der Wirtschaftsführer mag unter Ereignissen der vergangenen Jahre gelitten haben, nicht aber das Vertrauen in die Wirtschaftsjournalisten. Dies zumindest glauben die Verlagsverantwortlichen einschlägiger Titel. Alle machen jedoch ein psychologisches Moment aus. «Die Wirtschaft ist nicht mehr das Modethema, das es eine Zeit lang war», sagt etwa Gerhart Isler. «Solange die Schweizer Sportler gute Leistungen erbringen, interessieren sich viele Leute für sie. Können sie aber an der Weltspitze nicht mehr mithalten, sinkt das Interesse. Mit dem Interesse am Thema Wirtschaft ist es ähnlich», fügt Ralph Büchi hinzu.
Dass das Vertrauen nach wie vor gross ist, konnte er bei einer Befragung von Stocks-Lesern feststellen. Gefragt wurde, ob diese den Anlage-Empfehlungen Vertrauen schenken würden. Das Resultat: «77 Prozent haben schon mehrmals Tipps von Stocks für persönliche Anlagegeschäfte umgesetzt», sagt Büchi. (mk)
Markus Knöpfli

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