Mit gespaltener Zunge

Gastkommentar Dass das Bakom eine Falschmeldung der SDA zu den Schweizer TV-Werbefenstern nicht dementiert, lässt tief blicken, meint Christian Gartmann.

Gastkommentar Dass das Bakom eine Falschmeldung der SDA zu den Schweizer TV-Werbefenstern nicht dementiert, lässt tief blicken, meint Christian Gartmann.
Manch eine(r) wird sich die Augen gerieben haben ob jener letzte Woche von der SDA verbreiteten Meldung, in der das Bundesamt für Kommunikation (Bakom) die Werbefenster-Betreiber schon fast wie Gesetzlose geisselt. Auch ich erschrak gehörig. Denn dass deutsche Sender mit ihren Werbefenstern die schweizerischen Werbebestimmungen «oftmals» nicht beachten würden, ist genauso kompletter Blödsinn wie die Behauptung, das Bakom finde diese Verstösse «Besorgnis erregend». Grundfalsch ist überdies der in der Meldung geweckte Eindruck, die Bieler Behörde habe bisher nichts gegen solche Verstösse tun können. Dies bestätigt mir auch das Bakom.Ein Agentur-Fauxpas – so weit, so schlecht, könnte man meinen. Schliesslich präzisierte das Bakom, die Besorgnis beziehe sich nicht auf Regelvergehen (die es tatsächlich kaum gibt), sondern auf den grossen Marktanteil der Fenster in der Schweiz.
Und wieder rieb ich mir die Augen: Zwölf Jahre nach Start des ersten Werbefensters und wider besseres Wissen tun unsere Medienwächter noch immer so, wie wenn diese Fenster dem Schweizer Fernsehmarkt schaden würden. Dabei muss den Bakom-Statistikern doch aufgefallen sein, wie rasch sich der Fernsehmarkt seit 1993 entwickelt hat – dank und nicht trotz deutscher Beteiligung. Zehn Jahre später wurde diese Tatsache in einer Studie von Prognos wissenschaftlich belegt.
Intern findet sich im Bakom heute denn auch kaum mehr jemand, der den «Wirtschaftsfaktor Werbefenster» ernsthaft anzweifelt. Bloss nach aussen darf man das so nicht sagen. Schliesslich ist es der Medienminister persönlich, der sich immer von neuem gegen Erfolg versprechende Privatinitiativen im TV- und Radiomarkt stemmt. Auf dem Buckel des Werbemarktes wird so weiterhin munter Parteipolitik und Artenschutz für den milliardenschweren Gebührenkoloss SRG betrieben.
So wundert es auch nicht, dass das Bakom im aktuellen Fall grosszügig davon absah, die eingangs erwähnte, politisch brisante Verdrehung seiner eigenen Aussagen sofort richtig zu stellen. Dass dieser Rufmord via Copy/Paste-Journalismus in die Nachrichtenspalten von Fach- und Massenmedien gerät, war abzusehen.
Brisant ist auch der Zeitpunkt: Stände- und Nationalrat brüten über einem neuen Radio- und Fernsehgesetz, das unter dem Titel «Liberalisierung» ursprünglich einen Schweizer Fernsehmarkt hätte ermöglichen sollen. Inzwischen jedoch zeigt das millionenschwere Lobbying der SRG Wirkung. Nicht zuletzt vor dem Schreckgespenst alles verschlingender deutscher Ungeheuer und gegen alle Fachmeinungen entstand ein Gesetzesentwurf, der einzig Armin Walpen gefallen dürfte, denn Liberalisierung und Europakompatibilität sind aus der RTVG-Revision so gut wie verbannt.
Noch ist das Gesetz aber nicht verabschiedet. Wird, was lange währt, zuletzt doch noch gut? Ich würde mir die Augen reiben …
> Christian Gartmann ist Geschäftsführer für die Schweiz der ProSieben-Sat-1-Gruppe.

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