Wenn der Client König ist

Gastkommentar Wenn bei der Internetforschung Page-Impressions, Hits und Hosts versagen, warum nicht auf Altbewährtes setzen, fragt Peter Wälty.

Gastkommentar Wenn bei der Internetforschung Page-Impressions, Hits und Hosts versagen, warum nicht auf Altbewährtes setzen, fragt Peter Wälty.Ein paar Wochen, nachdem ich 1996 beim
Nachrichtenmagazin Facts die Stelle als Online-Redaktor angetreten
hatte, wurde im Heft eine Geschichte mit dem Titel «Der gläserne
Surfer» publiziert. Jede Bewegung eines Internetusers könne registriert
werden, seine Interessen, Vorlieben, Gewohnheiten. Sein Konsumverhalten
läge auf dem Präsentierteller bereit, um von fiesen
Marketingabteilungen ausgeschlachtet zu werden. Massgeschneiderte
Produkte sollten den Surfer zum Kauf verführen. Es kam anders. Es kam
Spam – ein Napalm-teppich wahllos gesendeter Werbe-Mails, deren
angepriesene Produkte uns schon aus dem Grund nicht interessieren
können, weil wir sie nicht brauchen. Oder wer hat schon eine
Penisverlängerung nötig?

Ähnliches gibts über Reichweitenmessungen von Websites zu berichten:
Die totale Transparenz wurde herbeifantasiert. Webmaster massen, was
das Log-File hergab. Und das war nicht sehr viel. Bald schon stellte
sich nämlich heraus, dass Hits (abgerufene Dateien) und
Page-Impressions (abgerufene Seiten) völlig untaugliche Grössen
darstellten, denn sie stehen immer in Abhängigkeit von Architektur,
Layout und Angebot einer Seite und haben mit Reichweite ungefähr so
viel zu tun wie Seitennummerierung mit Leserzahlen.

Dann versuchte man in Analogie zum Print Leser- oder Besucherzahlen zu
bestimmen. Man mass fortan Hosts – Rechneradressen, die auf der Site
registriert wurden. Ein Unsinn: Hunderte von Tamedia-Mitarbeitenden
erscheinen nach aussen hin als genau ein einziger Host – nämlich als
Tamedia-Proxy-Server.

Nielsen Netratings registrierte seit dem Jahr 2000 mittels eines Panels
besuchte Sites – aber leider nur bei privaten Nutzern. Dann wollte die
Wemf mit NetAudit Ordnung ins Chaos bringen und einen Standard
etablieren, den Unique Client (UC). Nur entspricht der UC mitnichten
einem einzelnen User, sondern im besten Fall einem einzelnen PC. Wenn
ich dieselbe Website im Geschäft, zu Hause und bei der Freundin
besuche, bin ich drei UCs. Wenn eine fünfköpfige Familie auf einem PC
dieselbe Website besucht, sind alle fünf genau ein UC. Und wenn mit
jedem Shutdown das NetAudit-Cookie gelöscht wird, bin ich – falls der
Wert nicht von einem nebulösen Algorhythmus korrigiert wird – am
nächsten Tag ein neuer UC. Verzerrungen sind also buchstäblich programmiert: Schwedens grösste Tageszeitung im Netz
weist auf diese Weise gemessen, mehr User aus als Internetnutzer im
Land existieren.

Mit der Neuen Internet Forschung Schweiz – einer Kombination aus
Messung und Befragung – wurde so etwas wie ein Silberstreifen am
Horizont sichtbar. Es wäre bedauerlich, wenn dieses Projekt an der
Finanzierung scheitern würde. Bedauerlich, aber keine Katastrophe, denn
es gibt meines Erachtens eine valable Alternative. Printtitel werden
seit Jahrzehnten mit Telefoninterviews gemessen. Wieso eigentlich nicht
auch Websites?

Peter Wälty ist Leiter von 20minuten.ch

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