DigitalBarometer 2026: Schweiz will KI – aber mit Kontrolle
Fast jede zweite Person in der Schweiz erwartet, dass die Chancen von KI die Risiken überwiegen – und doch kippt die positive Grundstimmung zur Digitalisierung erstmals seit 2020. Der DigitalBarometer 2026 zeigt eine Bevölkerung, die Gestaltungswillen zeigt, aber mehr Datenschutz, digitale Souveränität und klare Rahmenbedingungen fordert.

Fast jede zweite Person (48 Prozent) in der Schweiz erwartet, dass die Chancen von künstlicher Intelligenz in den nächsten fünf Jahren die Risiken überwiegen werden. Das zeigt der DigitalBarometer 2026, der am 24. Mai 2026 veröffentlicht wurde. Die Studie wurde von der Stiftung Risiko-Dialog umgesetzt, von der Mobiliar unterstützt und erstmals in Partnerschaft mit digitalswitzerland durchgeführt. Sie basiert auf 1278 repräsentativen Antworten aus der Schweizer Wohnbevölkerung ab 16 Jahren.
Starke digitale Infrastruktur, verbesserte Wahrnehmung der Verwaltung
Mehr als die Hälfte der Befragten (58 Prozent) bewertet die digitale Infrastruktur als zentrale Stärke der Schweiz. Auch wissenschaftliche Forschung (49 Prozent) sowie die Innovationskraft der Wirtschaft (45 Prozent) werden mehrheitlich positiv eingeschätzt. Besonders auffällig ist die verbesserte Wahrnehmung von Politik und Verwaltung: Während die digitale Verwaltung 2025 noch häufiger als Schwäche galt, wird sie 2026 mit 41 Prozent der Nennungen deutlich positiver bewertet.
Erstmals negativer Stimmungswandel seit 2020
Gleichzeitig zeichnet sich im DigitalBarometer 2026 ein markanter Stimmungswandel ab. Die seit 2020 überwiegend positive Grundwahrnehmung des Einflusses der Digitalisierung auf die Gesellschaft dreht sich erstmals: 41 Prozent der Befragten bewerten diesen Einfluss heute eher oder sehr negativ, während nur noch 34 Prozent eher oder sehr positiv urteilen. Zudem gibt jede vierte Person (24 Prozent) an, mit dem Tempo der Digitalisierung grundsätzlich nicht mehr Schritt halten zu können.
Daniela Ramp, Projektleiterin bei der Stiftung Risiko-Dialog, kommentiert den Befund: «Wir befinden uns an einem Wendepunkt, was die Grundstimmung der Bevölkerung in Bezug auf die Digitalisierung betrifft. Angesichts der rasanten Geschwindigkeit, mit der technologische Entwicklungen voranschreiten, dem weiterhin hohen Anteil von Menschen mit geringen digitalen Kompetenzen und dem zunehmenden Gefühl der Überforderung ist es wichtig, Ängste in der Bevölkerung ernst zu nehmen, Misstrauen zu adressieren und in Bildungsinitiativen zu investieren.»
KI-Optimismus mit Vorbehalten
Obwohl fast jede zweite Person Chancen überwiegen sieht, bleibt die Bevölkerung insgesamt ambivalent gegenüber KI. Nur 27 Prozent glauben, dass KI neue berufliche Chancen schaffen wird, und 47 Prozent erwarten deutliche Veränderungen in der Arbeitswelt, ohne zu wissen, wohin die Entwicklung führt. Besonders kritisch wird KI in Bereichen bewertet, die direkt mit Menschen und sensiblen gesellschaftlichen Fragen verbunden sind – etwa im Bildungs- oder Gesundheitsbereich. Wo KI hingegen bereits konkret eingesetzt wird, etwa in Industrie und Produktion, werden die Potenziale deutlich positiver wahrgenommen.
Michèle Rodoni, CEO der Mobiliar, betont: «Bei der Mobiliar interessiert uns an KI nicht nur, was technisch möglich ist, sondern wie wir verantwortungsvoll mit ihr umgehen können. Vertrauen in KI entsteht durch gute Governance, verlässliche Daten, transparente Algorithmen und professionelles Risikomanagement.»
Reflexionskompetenz hoch, Anwendungsfähigkeiten lückenhaft
Erstmals erfasst der DigitalBarometer die KI-Kompetenzen der Bevölkerung – mit einem überraschenden Ergebnis: 80 Prozent schätzen sich im Umgang mit KI als reflektiert ein, erkennen gesellschaftliche Risiken, hinterfragen Inhalte und halten einen verantwortungsvollen Umgang für wichtig. Bei der konkreten Anwendung zeigen sich jedoch Lücken: Nur 53 Prozent fühlen sich sicher im praktischen Umgang mit KI-Tools, und rund die Hälfte weiss nicht, wo KI gezielt für Betrugszwecke eingesetzt wird. Zudem befürchten 74 Prozent, dass KI das kreative Arbeiten und das eigenständige Denken schwächen wird.
Franziska Barmettler, CEO von digitalswitzerland, sagt dazu: «Dass die Bevölkerung KI kennt und die meisten sie bereits nutzen, ist ein starkes Signal. Aber Bewusstsein über Technologie allein reicht nicht. Zu vielen fehlt das konkrete Anwendungskenntnisse. Wir tragen die Verantwortung, in die Kompetenzen zu investieren, die es braucht, damit alle von diesen Tools profitieren und sie verantwortungsvoll einsetzen können.»
«Made in Switzerland» als Vertrauensanker
83 Prozent der Befragten geben an, dass ein «Made in Switzerland»-Label ihr Vertrauen in digitale Dienste stärken würde – ein EU-Label erreicht diesen Wert mit nur 53 Prozent nicht annähernd. Bei sensiblen Anwendungen wie der E-ID (56 Prozent) oder dem elektronischen Patientendossier (58 Prozent) geniesst der Staat als Verantwortungsträger deutlich mehr Vertrauen als Privatunternehmen. Die mangelnde digitale Unabhängigkeit bleibt mit 46 Prozent dennoch eine der meistgenannten Schwächen.
Klare Prioritäten: Gestaltungswille und Datenschutz
59 Prozent der Bevölkerung befürworten, dass die Schweiz neue Technologien wie KI aktiv fördert, um konkurrenzfähig zu bleiben – statt abzuwarten. Beim Datenschutz ist der Konsens noch breiter: 76 Prozent priorisieren den Schutz persönlicher Daten vor dem Komfort digitaler Anwendungen. Und 69 Prozent befürworten strengere Regeln gegen Desinformation und Hassrede, auch wenn dies die Meinungsfreiheit einschränkt. Die Ergebnisse des DigitalBarometer 2026 stehen ab dem 24. Mai 2026 unter www.DigitalBarometer.ch zur Verfügung.
