«Meyer bleibt Meyer» – die Marke FAM
Am 8. Dezember stand im Zürcher Papiersaal nicht nur ein Buch, sondern ein Lebenswerk im Zentrum. Die Vernissage der Biografie «Frank A. Meyer: Auf ein Wort» geriet zur Würdigung einer lebenden Marke, die die Schweizer Publizistik prägte wie kaum eine andere.

Ringier-CEO Marc Walder lud zur VIP-Vernissage von René Lüchingers Biografie und verwandelte den Raum in einen Salon der Erinnerungen. Es war ein Abend, an dem – unüblich für eine Buchpremiere – keine Zeile aus dem im Seidl Verlag erschienenen Werk gelesen, dafür aber umso mehr erzählt wurde. Frank A. Meyer (FAM), der sich selbst weniger als Autor denn als «Tu-er» versteht – einer, der ständig tut –, sass inmitten von Weggefährten, Bewunderern und Kritikern. Dass an einer Buchvernissage nichts aus dem Buch vorgelesen wurde, passte zur Regie eines Mannes, der den Journalismus stets als «Augenblickshandwerk» begriff.

Die Marke FAM: Mehr als ein Journalist
Einer der Stargäste, der deutsche Finanzminister Christian Lindner, brachte es auf den Punkt: Frank A. Meyer ist eine «Markenpersönlichkeit». In einer Zeit, in der künstliche Intelligenz Inhalte generiert, werde die Plattform austauschbar, die Persönlichkeit aber unverzichtbar. Lindner, der Meyer einst bei der ersten Begegnung Rotwein über die ohnehin schon farbenfrohe Hose kippte, skizzierte den Jubilar als «subversives Naturell» und «Citoyen», der sich einmischt.

Dass Meyer zur Marke wurde, ist kein Zufall, sondern das Resultat einer jahrzehntelangen Inszenierung von Intellekt und Ästhetik. Marc Walder fasste in seiner Rede den «Mythos FAM» in zehn Begriffe – vom «Schlossgespenst» zum «Familienmenschen». Doch der Kern der Marke liegt in der Exklusivität des Zugangs. Das legendäre schwarze Adressbüchlein, angelegt in vordigitalen Zeiten, ist das Symbol dieses Netzwerks. Meyer kultivierte die Nähe zur Macht nicht um der Nähe willen, sondern um sie zu verstehen – und zu beeinflussen.

Handwerker des Denkens: Die Macht der Erzählung
Die Wurzeln dieses einzigartigen Journalismus liegen jedoch tiefer, in der Stube des Elternhauses in Biel. Dort, am «Etabli», dem hölzernen Uhrmachertisch seines Vaters Max, lernte der kleine Frank nicht nur, wie man Schlaufen an Lederbänder montiert. Er lernte die Urkraft des Erzählens. Der Vater dozierte keine grauen Theorien, er erzählte Geschichten aus dem prallen Leben. Etwa jene dramatische vom 10. Mai 1940, als er seinen jüdischen Chef anflehte zu fliehen, weil der Einmarsch der Nazis bevorzustehen schien und er wusste: «Sind Sie als Jude zuerst Opfer, dann wir Sozialisten».
Diese Momente am Etabli wurden zum Fundament von Meyers journalistischem Credo. Für ihn ist Journalismus ein «Handwerk des Denkens». Als gelernter Schriftsetzer, der noch mit bleiernen Lettern hantierte, nimmt er das Wort «Begreifen» wörtlich: Man muss den Text physisch greifen können, um ihn geistig zu durchdringen. Ein guter Journalist, so Meyers Philosophie, ist wie ein Skulpteur, der der Realität eine dreidimensionale Gestalt gibt, oder gar ein «Dichter der Demokratie», der die Wirklichkeit verdichtet, um sie verständlich zu machen. Es sind diese Geschichten, keine abstrakten Daten, die Emil Steinberger meinte, als er sagte, Meyers Texte seien nicht einfach schön konstruiert, sondern hätten «Substanz».

Begegnungen mit einer versunkenen Zeit
Das Buch und der Abend riefen eine Epoche wach, deren Protagonisten heute oft nur noch in Geschichtsbüchern stehen. Meyer war der Mann, der Helmut Kohl im Kanzlerbungalow besuchte und ihn dazu brachte, über seine Ängste und die deutsche Geschichte zu sprechen, wie es im deutschen Fernsehen damals kaum möglich war. Er war es, der mit dem Arbeiter-Bundesrat Willi Ritschard im Tessiner Grotto sass und eine Freundschaft pflegte, die so weit ging, dass Ritschards Sohn später sagte: «Vati hat immer gesagt, der Frank ist mein Sohn in Bern».
Er traf sie alle: Den Jahrhundertzeugen Manès Sperber, den er über dessen Bruch mit dem Kommunismus befragte, oder Golo Mann, mit dem er über die Last, Sohn von Thomas Mann zu sein, sinnierte. Selbst der Humorist Emil Steinberger erinnerte sich an Meyers Interviewtechnik: Er stellte Fragen so, dass die Antworten «wunderbare Kurven» bekamen.

Der Inspirator und sein Verleger
Einen besonders emotionalen Einblick gewährte Verleger Michael Ringier. Er beschrieb Meyer nicht als den oft kolportierten «Einflüsterer», sondern als «Inspirator». Ihre Beziehung, die Jahrzehnte überdauerte, war geprägt von Meyers unstillbarem Bildungshunger. «Papi, du mir Buche lesen», zitierte Ringier seine Tochter Lilli – ein Satz, der metaphorisch auch für seine Beziehung zu Meyer stehe, der ihm ständig neue Bücher und Ideen ins Büro trug.

Ringier wählte für seine Hommage den Titel «Meyer bleibt Meyer». Er illustrierte dies anhand der Schweizer Fussballnationalmannschaft: Während sich die Namen der Torschützen gegen Schweden von Antenen (1961) zu Embolo (2024) wandelten, blieb an der journalistischen Seitenlinie eine Konstante: Frank A. Meyer. Er blieb sich treu in seinem Kampf gegen Intoleranz, auch wenn er sein Zielrohr neu justierte – von den Rechten früherer Jahre hin zu den «linksgrünen Erweckungsbewegungen» der heutigen Zeit.

Ein kritischer Blick
In der Biografie wird Meyers Lebensgefährtin Lilith Frey zitiert, die sein Schreiben als «skulptural» beschreibt, eine «Partitur», die Intellektualität in «bildhafte Musikalität» verwandle. Solche Passagen und die fast lückenlose Aneinanderreihung von Erfolgen lassen wenig Raum für Brüche.

Doch das Buch thematisiert sie schon auch, die schwierigen Momente des Frank A. Meyers, wie den Bruch mit seinem frühen Weggefährten Mario Cortesi, der bis in den Bundesrat Wellen schlug. Auch die Affäre Thomas Borer, die Meyer als «falschesten Kampf meines Lebens» bezeichnet, kommt im Buch vor und zeigt die reumütige Seite des Ringier-Inspirators. Doch an diesem Abend in Zürich überwog der verdienstvolle Glanz und die Freude über das Vermächtnis eines Uhrmacherssohnes aus Biel-Bienne.
Die Biografie von René Lüchinger und der Abend im Papiersaal machten eines deutlich: Frank A. Meyer ist nicht nur ein Zeitzeuge, er ist ein Stück Schweizer Mediengeschichte. Oder wie Michael Ringier es formulierte: «Es kann nur einen Frank A. Meyer geben».
Die Unruh und das Erbe
Bleiben zum Schluss zwei Fragen, die über dem Applaus im Papiersaal hängen blieben. Erstens: Wenn es nur einen Frank A. Meyer gibt, wie will der Verlag die Lücke schliessen, die dieser dereinst hinterlassen wird? Die Antwort lieferte der Gast aus Berlin, Christian Lindner. Er skizzierte eine Zukunft, in der Künstliche Intelligenz das Standardprodukt der Medien erstellen wird und Plattformen austauschbar werden. In dieser neuen Welt wird die «Markenpersönlichkeit» zum entscheidenden Faktor. Das Vermächtnis von Frank A. Meyer ist somit weniger eine Lücke als vielmehr ein Auftrag an den Verleger: Es mag nur einen FAM geben, doch die Aufgabe wird sein, «möglichst viele von ihm zu ermöglichen».
Und zweitens: Wie viel FAM steckt heute noch in den publizistischen Werken der Ringier AG? Es ist ein Ringen zwischen dem «Handwerk», das Meyer predigt, und dem «Content», den die Moderne produziert. Meyer, der sich als «Handwerker des Denkens» sieht und Begriffe wie «User» oder «Chief Content Officer» als beleidigend für Journalisten empfindet, steht als mahnendes Gewissen in der digitalen Brandung. Auch wenn er sich selbst auf einem «langen Heimweg» befinden mag, bleibt er doch die treibende Kraft, die sich gegen die Entmündigung durch Algorithmen wehrt. Er ist, um im Bild des Vaters zu bleiben, die «Unruh» im Uhrwerk, die den Takt vorgibt – solange sie schwingt.


