Bullshit! Wir?
Kolumne Locker hingezauberter Schein überdeckt quälende Defizite der Kommunikation, obwohl sie für die Alltagsgestaltung zunehmend wichtiger wird, meint Jürgen Häusler.
Kolumne Locker hingezauberter Schein überdeckt quälende Defizite der Kommunikation, obwohl sie für die Alltagsgestaltung zunehmend wichtiger wird. Seit Wochen ist «Bullshit» von Harry G. Frankfurt auf der Bestseller-Liste für Sachbücher. Viele Leser muss es deswegen nicht gefunden haben. Optimisten frohlocken, dass die Zahl der gekauften Bücher ständig zunehme, Realisten wissen, dass die Zahl der gelesenen Bücher wohl abnimmt. Und unter den Mitgliedern der Kommunikationsbranche dürfte sich diese Schere im Vergleich zum Bevölkerungsdurchschnitt noch deutlicher auftun. Nicht notwendigerweise, weil diese weniger lesen, so die Hoffnung, sondern weil sie mehr kaufen, so die Vermutung.Dabei müsste sich gerade die Kommunikationsbranche mit Bullshit auseinandersetzen. Denn nach Frankfurt repräsentiert sie (neben Politikern) die prototypischen Produzenten von «Bullshit». Und sein Vorwurf ist bei näherer Betrachtung – also nach der Lektüre des Buches – alles andere als schmeichelhaft.
Frankfurt wirft der Kommunikationsbranche nicht einfach vor, dass diese Lügen verbreite. Denn Lügen setzen eine ernsthafte Beziehung zur Wahrheit voraus. Wer Bullshit produziert, dem fehlt dieser Bezug. Die Kommunikationsbranche sei «nicht dem nötigen Bemühen um die Wahrheit verpflichtet». Die Vorwürfe lauten Gedankenlosigkeit, Nachlässigkeit und Gleichgültigkeit. Der Autor greift Bullshit als Programm zur Umgehung der lästigen und schwierigen Suche nach der Wahrheit an.
Und dieser Angriff hat offensichtlich seine Berechtigung. Es sind die mangelnde Sehnsucht nach absoluter Qualität und das fehlende Bedürfnis nach Nachhaltigem, die hier angegriffen werden. Die oberflächliche Übertreibung ersetzt immer häufiger die Suche nach dem wesentlichen Kern der Angelegenheit. Das sprühende Feuerwerk von immer Neuem zerstört geradezu routinemässig das Werthaltige und Erhaltenswerte. Die schnelle Freude über das freundliche Nicken der vielen beendet den verantwortungsbewussten Kampf um das langfristig Richtige. Der mit lockerer Hand hingezauberte Schein überdeckt die quälenden Defizite des realen Erlebnisses.
Und dies, obwohl die Ergebnisse professionell gesteuerter Kommunikation offensichtlich mehr und mehr an Bedeutung für die Gestaltung unseres Alltags bis hin zur Gestaltung unserer Gesellschaft gewinnen. Längst sind es die grossen Weltmarken, die Menschen auf allen Kontinenten anweisen, wie und was sie zu tun haben, zum Beispiel zu essen haben.
Der globale Erfolg des Fast Food ist nicht das Ergebnis des in Marktforschung zutage getretenen Wunsches der Konsumenten. Und wenn es um die Bekämpfung der schlimmsten Konsequenzen dieses Erfolges geht – Fettsucht schon bei Kleinkindern in den USA als nationale Katastrophe erster Ordnung –, wenden sich aller Augen auch schon längst eher auf grosse Marken denn auf staatliche Gesundheitseinrichtungen. Marken sind mächtig – müssen oder dürfen wir zur Kenntnis nehmen.
Wir sollten vor diesem Hintergrund das Motto von Wittgenstein, so wie es Frankfurt zitiert, nicht aus den Augen verlieren: «In früheren Zeiten der Kunst / Bearbeiteten Handwerker mit grösster Sorgfalt / Jeden kleinsten und unsichtbaren Teil / Denn die Götter sind überall.»
Wir brauchen diesen höchsten Respekt für die absolute Qualität nicht aus Angst vor den Göttern. Wir brauchen ihn wegen des Respekts vor den Konsequenzen unserer Arbeit. Als Mitglieder der Kommunikationsbranche sollten wir es vermehrt den von Wittgenstein zitierten Handwerkern gleichtun: Diese liessen sich nicht auf Pfusch ein.
Jürgen Häusler ist CEO der Gruppe Interbrand, Zintzmeyer und Lux sowie Honorarprofessor an der Universität Leipzig
Frankfurt wirft der Kommunikationsbranche nicht einfach vor, dass diese Lügen verbreite. Denn Lügen setzen eine ernsthafte Beziehung zur Wahrheit voraus. Wer Bullshit produziert, dem fehlt dieser Bezug. Die Kommunikationsbranche sei «nicht dem nötigen Bemühen um die Wahrheit verpflichtet». Die Vorwürfe lauten Gedankenlosigkeit, Nachlässigkeit und Gleichgültigkeit. Der Autor greift Bullshit als Programm zur Umgehung der lästigen und schwierigen Suche nach der Wahrheit an.
Und dieser Angriff hat offensichtlich seine Berechtigung. Es sind die mangelnde Sehnsucht nach absoluter Qualität und das fehlende Bedürfnis nach Nachhaltigem, die hier angegriffen werden. Die oberflächliche Übertreibung ersetzt immer häufiger die Suche nach dem wesentlichen Kern der Angelegenheit. Das sprühende Feuerwerk von immer Neuem zerstört geradezu routinemässig das Werthaltige und Erhaltenswerte. Die schnelle Freude über das freundliche Nicken der vielen beendet den verantwortungsbewussten Kampf um das langfristig Richtige. Der mit lockerer Hand hingezauberte Schein überdeckt die quälenden Defizite des realen Erlebnisses.
Und dies, obwohl die Ergebnisse professionell gesteuerter Kommunikation offensichtlich mehr und mehr an Bedeutung für die Gestaltung unseres Alltags bis hin zur Gestaltung unserer Gesellschaft gewinnen. Längst sind es die grossen Weltmarken, die Menschen auf allen Kontinenten anweisen, wie und was sie zu tun haben, zum Beispiel zu essen haben.
Der globale Erfolg des Fast Food ist nicht das Ergebnis des in Marktforschung zutage getretenen Wunsches der Konsumenten. Und wenn es um die Bekämpfung der schlimmsten Konsequenzen dieses Erfolges geht – Fettsucht schon bei Kleinkindern in den USA als nationale Katastrophe erster Ordnung –, wenden sich aller Augen auch schon längst eher auf grosse Marken denn auf staatliche Gesundheitseinrichtungen. Marken sind mächtig – müssen oder dürfen wir zur Kenntnis nehmen.
Wir sollten vor diesem Hintergrund das Motto von Wittgenstein, so wie es Frankfurt zitiert, nicht aus den Augen verlieren: «In früheren Zeiten der Kunst / Bearbeiteten Handwerker mit grösster Sorgfalt / Jeden kleinsten und unsichtbaren Teil / Denn die Götter sind überall.»
Wir brauchen diesen höchsten Respekt für die absolute Qualität nicht aus Angst vor den Göttern. Wir brauchen ihn wegen des Respekts vor den Konsequenzen unserer Arbeit. Als Mitglieder der Kommunikationsbranche sollten wir es vermehrt den von Wittgenstein zitierten Handwerkern gleichtun: Diese liessen sich nicht auf Pfusch ein.
Jürgen Häusler ist CEO der Gruppe Interbrand, Zintzmeyer und Lux sowie Honorarprofessor an der Universität Leipzig
