Bloss nicht!
René Worni über das grosse Zögern im Mittelland und die Frage, ob es der Verleger aus eigener Kraft schaffen kann die sechste Gratiszeitung der Schweiz zu stemmen.
René Worni über das grosse Zögern im Mittelland.
Seit dem vergangenen Spätherbst war nach Drohgebärden nichts Konkreteres von Peter Wanner mehr zu hören. Aber man spürt es förmlich, wie sehr sich der Verleger der Aargauer Zeitung unter der Gratis-Offensive von Tamedia windet und um eine Entscheidung ringt. Gerüchteweise soll er in Gedanken auch schon den Verkauf seines Hauses durchgespielt haben. Das ist zwar unwahrscheinlich, passt aber zum Bild eines Verlegers, der mit gesenktem Blick in seinem Arbeitszimmer Kreise ins Parkett schreitet und immer und immer wieder seine Optionen durchrechnet. Wanner sitzt dabei nicht allein in der Falle. Will er angemessen reagieren, muss er auch seine Verlegerkollegen der Mittelland Zeitung davon überzeugen, dass ein neuer Gratistitel die Antwort auf die Zürcher Eroberung des Mittellandes ist. Doch ist sie das tatsächlich?Die jüngsten Meldungen aus dem Hause AZ – Investitionen für neue Online-Angebote (14 neue Stellen) und Ausbau der Speditionsanlage in Aarau – lassen jetzt vermuten, dass der eingekesselte Verleger sich zu gewissen Entscheidungen durchringen konnte und es ihm mit dem Launch eines eigenen Gratisblattes langsam ernst ist.
Doch kann es der Verleger aus eigener Kraft schaffen, die notabene sechste Gratiszeitung der Schweiz zu stemmen? Die Signale aus Baden, man sei für die Zusammenarbeit mit anderen Medienhäusern offen, sprechen Bände. Gehen wir davon aus, dass Gespräche (sagen wir mal mit dem Hause NZZ) noch keine konkreten Ergebnisse gebracht haben. Wanner muss also zuerst das Produkt auf den Tisch legen, bevor er andere zum Mittun einladen kann. Das tut er bereits mit seinem Sonntagstitel, den er geschickt der Neuen Luzerner Zeitung andient, an der die NZZ die Mehrheit hält. Wo Sonntag sich als vierte Sonntagszeitung national etablieren will, kann ein neuer Gratistitel nur auf die lokale Verwurzelung der AZ setzen – vor allem aus Rücksicht auf die beschränkten Ressourcen. Die Antwort auf News (und auch auf 20 Minuten, .ch und Blick am Abend) muss deshalb strictly local ausfallen. Warum also nicht die tabloiden Regionalbeilagen der AZ in eine Gratiszeitung umwandeln? Doch angesichts der Flut von Gratistiteln, die vor allem den Medienmanagern Freude bereiten, möchte man dem Verleger zurufen: Bloss nicht
René Worni, Redaktor
